Adolphs/Hamm: Prekäre Superhelden Version 1.0, 04/08
http://www.engagiertewissenschaft.de/content/view/79/89/

Prekäre Superhelden: Zur Entwicklung politischer
Handlungsmöglichkeiten in postfordistischen Verhältnissen1
Stephan Adolphs / Marion Hamm

Die Radfahrerin, die am Nachmittag des 28. April 2006 vom Hamburger Hafen Richtung
Schanzenviertel fährt, wundert sich: Vierzehn Polizeiwagen mit aufgedrehtem Martinshorn rasen durch die Straßen, ein Hubschrauber kreist über dem Viertel. Eine Bombendrohung? Ein
Banküberfall? Ein terroristischer Anschlag?
Noch am gleichen Abend kann sie im Hamburger Abendblatt lesen, welchem Zwischenfall das
Polizeiaufgebot geschuldet war: Als Superhelden verkleidete Männer und Frauen waren in den
Gourmet-Supermarkt „Frischeparadies“ gestürmt, hatten sich blitzschnell „Champagner,
Hirschkeulen, Edel-Konserven und Frischware im Wert von 1500 Euro“ gegriffen und
„verschwanden in Sekundenschnelle.“2 Am Eingang hatten sie einen Blumenstrauß und eine
Nachricht hinterlassen. Auf der alternativen Nachrichtenwebseite Indymedia ist diese dokumentiert.
Dort heißt es: „Ob als vollvernetzte Dauerpraktikantin, Callcenterangel, aufenthaltlose Putzfrau
oder ausbildungsplatzloser Ein-Euro-Jobber: Ohne die Fähigkeiten von Superhelden ist ein
Überleben in der Stadt der Millionäre nicht möglich.“3 Die Delikatessen wurden an ErzieherInnen und Eltern einer Kita, an PraktikantInnen einer Werbeagentur, an Putzfrauen an der Universität und an Ein-Euro-Jobber des Beschäftigungsträgers Hamburger Arbeit verteilt. Die Geschenke waren mit dem Aufruf an die prekär Beschäftigten verbunden, sich an der Euromaydayparade zu beteiligen: „Bleibt nur noch eine Frage offen: Wo setzt du deine Superheldenkräfte ein? Komm doch einfach zur Euromaydayparade am 1. Mai um 13 Uhr an der Wiese am Michel.“
Diese Kurzbeschreibung wirft ein Schlaglicht auf die Aktivitäten einer transnationalen
Prekarisierungsbewegung, die sich seit 20044 als „Euromayday Netzwerk“ formiert. Am
sichtbarsten wird diese Bewegung in alljährlich in vielen europäischen Städten stattfindenden
„Euromayday Paraden“, bei denen Prozesse der Prekarisierung von Arbeit und Leben in vielfältigen medialen und performativen Ausdruckformen sichtbar gemacht werden.5 Die Durchführung dieser 1

2 Hamburger Abendblatt, 29.04.06. Online: http://www.abendblatt.de/daten/2006/04/29/557874.html (aufgerufen
29.01.08)
3 Indymedia, 28.04.06. Online: http://de.indymedia.org/2006/04/145010.shtml (aufgerufen 29.01.08)
4 Auf einem Treffen bei der als Gegenangebot zum Europäischen Sozialforum in London selbstorganisierten Veranstaltung “Beyond ESF” verfassten mehrere europäische Gruppen die „Middlesex Declaration“, in der sie ihre Absicht erklären, in europäischen Städten für Euromayday Veranstaltungen gegen Prekarität und Ungleichheit zu
mobilisieren. Online: http://www.euromayday.org/2005/middle.php (aufgerufen 30.01.2008)
5 Die erste Mayday Parade wurde 2001 in Mailand veranstaltet, dort stieg die Zahl der Teilnehmenden von 5000 im ersten Jahr auf 100000 im Jahr 2006 (vgl. Mattoni 2006, 8f) Als erste Stadt schloss sich 2004 Barcelona an (vgl. Raunig 2005), 2005 folgten Euromayday Paraden in 17 weiteren Städten von Helsinki und Hamburg im Norden bis
Neapel im Süden, von Amsterdam im Westen bis Wien im Osten. Seitdem haben weitere Städte das Format der prekären Mayday Paraden aufgegriffen, viele beteiligen sich aktiv am Prozess des Euromayday Netzwerks.

Veranstaltungen am traditionellen Datum des „Internationalen Kampftags der Arbeiterklasse“ macht deutlich, dass sich die Bewegung in der Traditionslinie der Arbeiterbewegung verortet. Gleichzeitig wird durch die Form des Protests, der sich von den geordneten, zentralistisch organisierten Umzügen der klassischen Arbeiterbewegung unterscheidet, eine Differenz markiert. In der Auswahl der EmpfängerInnen der angeeigneten Delikatessen und in der Selbstbeschreibung der Superhelden verweist deren Streifzug in das Hamburger „Frischeparadies“ auf die Vielgestaltigkeit prekärer Arbeits- und Lebensbedingungen. Die Putzfrau an der Universität, die Beschäftigten und Eltern einer Kindertagesstätte, die PraktikantInnen eines Werbebüros, der Ein-Euro-Jobber, die sich nicht
leicht in eine einheitliche Form der Repräsentation fügen lassen, werden hier in einer Landschaft
der Prekarisierung angeordnet. Schon 2002 formulierte die Madrider Gruppe „Precarias a la deriva“ das Problem: „unsere Situationen sind so unterschiedlich, so singulär, dass es uns schwer fällt, den gemeinsamen Nenner zu finden, von dem wir ausgehen könnten, oder die eindeutigen Unterschiede, durch die wir einander bereichern könnten. Es ist schwierig für uns, uns auf der gemeinsamen Basis von Prekärität auszudrücken und zu definieren, einer Prekarität, die auf eine eindeutige kollektive Identität verzichtet, in der sie sich simplifiziert und verteidigt, die aber nach einer Form der gemeinsamen Verortung verlangt.“6
Die Aneignungsaktion der Hamburger Superhelden im „Frischeparadies“ wurde nicht nur – die
Erwartungen der Superhelden weit übertreffend – in internationalen und überregionalen Medien aufgegriffen, sondern auch vor Ort rezipiert.7 Die sozialen Gegensätze in Hamburg als „Stadt der Millionäre“ waren im Jahr 2006 Medienthema: Im Stern-Magazin vom 10. Mai8 wurde „Boomtown Hamburg“ gefeiert, nicht ohne in einem weiteren Artikel zu Steuerpolitik und Reichtumsverteilung festzustellen: „Die Arbeitnehmer sind die Dummen“9. In der in Hamburg ansässigen überregionalen Wochenzeitung Die Zeit war Anfang des Jahres explizit auf die Korrelation von Kinderarmut und Bildungsstand in Hamburg hingewiesen worden.10 Im Juli und August wurden weitere Artikel nachgelegt, in denen „die zunehmende Spaltung der Gesellschaft in Hamburg“, mit der „einseitigen Ausrichtung der Stadtentwicklungskonzepte am Wirtschaftsstandort Hamburg“ in Zusammenhang gebracht wurde: „In Hamburg gibt es Armut nicht trotz, sondern wegen des Reichtums.“ 11
Wie die Intervention der Superhelden, die versucht, eine widerständige Verknüpfung der
fragmentierten sozialen Verhältnisse zu veranschaulichen, verweist die mediale Diskussion auf die veränderte Organisation der Produktion, der Arbeitskraft und des Sozialen gegenüber den von der Regulationstheorie unter dem Label Fordismus gefassten Gesellschaftsformationen. Deren regulative Elemente wurden seit Mitte der 70er Jahre ausgehöhlt und transformiert.12 Autoren wie Bob Jessop und Marco Revelli haben unterschiedliche Elemente der postfordistischen Regime

6 Precarias a la deriva 2004 Online: http://republicart.net/disc/precariat/precarias01_de.htm (aufgerufen
30.01.08)
7 Vgl. die Dokumentation der Presseberichte auf der Hamburger EuroMayDay-Webseite: http://www.nadir.org/nadir/
kampagnen/euromayday-hh/de/2006/04/452.shtml (aufgerufen 29.01.08)
8 Stern Magazin, 10.5.2006. Online: http://www.stern.de/magazin/heft/560917.html
9 Stern 20/2006. Online: http://www.stern.de/wirtschaft/finanzen-versicherung/finanzen/:Steuern-Die-Arbeitnehmer-
Dummen/562425.html?nv=ct_cb
10 Der Wohlstand von Morgen. Zeit 5/2006, 26.1.2006. Online: http://www.zeit.de/2006/05/Bildung__Spezial_
11 Kinderarmut verdoppelt. Zeit online 27.7.2006, http://www.zeit.de/online/2006/31/kinderarmut und Armutszeugnis
für Hamburg. Zeit 31/2006, 3.8.2006. Online: http://www.zeit.de/2006/32/kinderarmut .
12 Zur Regulationstheorie vgl. Aglietta 1979 und Lipietz 1985, 1998. Ob die Veränderungen im Sinne einer neuen neoliberalen Regulationsweise verstanden werden müssen, wovon bspw. Candeias (2004) ausgeht, oder ob sich auch nach der Jahrtausendwende keine gefestigten neuen Strukturen herausgebildet haben, so dass weiterhin von
Postfordismus gesprochen werden sollte (vgl. Raza/Brand 2003), ist umstritten. Beide Positionen gehen jedoch von der Unterminierung und Transformation der Institutionen und Logiken der fordistischen Regulation aus.

herausgearbeitet, die im folgenden zur Erkundung des Terrains der Prekarisierungsbewegung
genutzt werden sollen.

Das Terrain der Prekarisierung

Der aktuelle globale Kapitalismus ist durch mehrere entscheidende Tendenzen gekennzeichnet (vgl. Jessop 2007a, 219f.). Neue wissens- und kapitalintensive Technologien wie Mikroelektronik, Telekommunikation, Datenverarbeitung und Biotechnologie werden zu zentralen Elementen der wirtschaftlichen Expansion. Zugleich umfasst die Internationalisierung bzw. Transnationalisierung der finanziellen und industriellen Bewegungen immer mehr Unternehmen, Länder und Märkte:
„Der nationale Wirtschaftsraum ist nicht länger der augenfälligste Ansatzpunkt zur Förderung
ökonomischen Wachstums, technologischer Innovation oder struktureller Konkurrenzfähigkeit. Dies zeigt sich mehr und mehr in den transnationalen Strategien von Unternehmen wie Staaten.“ (ebd., 220) Schließlich findet ein paradigmatischer Wechsel hin zu einem an flexibler Produktion, „economies of scope“ und differenzierten Konsummustern ausgerichteten Wachstumsmodell statt.
Aus dem rigide strukturierten Rationalitätssystem des Fordismus entwickelt sich ein unbeständiges und mobiles System, das aus dem Fehlen einer stabilen Form, aus dem schnellen und reibungslosen Wechsel zwischen „innovativen“ Produkten und Prozessen, sein Leitprinzip gemacht hat.
Die aktuellen Methoden der Produktionsorganisation – Stichworte sind hier lean production und
just in time – streben ein Höchstmass an Einsparung interner Ressourcen durch systematische
Reduzierung jeder organisatorischen Redundanz an. Über das Organisationswerkzeug des just in
time wird nicht nur Produktion in „Echtzeit“ bei gleichzeitigem Abbau zahlreicher Zwischen- und Endlager und der dafür benötigten Arbeitskraft möglich. Es dient zudem als Analysewerkzeug, mit dem jede systematische Ineffizienz in der Produktion sichtbar gemacht werden kann. Durch den so gestalteten Einsatz IT-basierter Kommunikations- und Transporttechnik können sowohl die Flexibilität der einzelnen Arbeitseinheiten vergrößert, als auch logistische Aufgaben eliminiert werden. Die Arbeitskräfte sollen nun direkt Verantwortung für die operative Effizienz und die Qualität des Produkts übernehmen (vgl. Revelli 1999, 48). Damit wird die Produktion in Form einer „linguistischen Maschine“ organisiert, als „kommunikatives System, das in der Lage ist, die eigene Morphologie in jedem Augenblick den ‚außerproduktiven’ Bedürfnissen anzupassen; mit relativer Bewegungsfreiheit, auf die von außen kommenden Stimulationen zu reagieren.“ (ebd., 50) Diese Form der Organisation macht es tendenziell notwendig, die tayloristische Trennung zwischen Planung und Ausführung zu überwinden und die ‚Selbstaktivierung’ der Arbeitskraft zu fördern, um eine flexible Anpassung der Produktionsbedingungen an die veränderbaren äußeren Umstände zu gewährleisten. Die stärkere Einbeziehung von kommunikativen Prozessen und der Subjektivität der
Arbeitskraft in die Produktion sind von postoperaistischen Theoretikern unter dem Begriff der
„immateriellen Arbeit“ (Hardt/Negri 2002, Virno 2005, Marazzi 1998) und in der
Industriesoziologie als „Subjektivierung der Arbeit“ (vgl. Rau 2005, Moldaschel/Voß 2002)
diskutiert worden.
Mit der netzwerkartigen Produktions- und Raumorganisation verändern sich die Form des
Arbeitsmarktes und weitergehend das gesamte soziale System der Regulierung der Arbeitskraft, wie es für den Fordismus kennzeichnend war. Robert Castel hat in Die Metamorphosen der sozialen Frage die wichtigsten institutionellen Merkmale der Regulierung des fordistischen Lohnverhältnisses im „national-sozialen Staat“ (É. Balibar) herausgearbeitet. Hier wurden die Lohnarbeitenden als öffentlich wahrnehmbares und mit Rechten ausgestattetes Kollektiv angesehen, also als eine soziale Gruppe, die nicht durch rein individuelle Merkmale gekennzeichnet ist. Dieser Gruppenstatus ging mit dem Zugang zu gesellschaftlichem Eigentum und öffentlichen Dienstleistungen (z.B. Pflichtversicherung und Rentensystem) einher, die als gesellschaftliche Rechte anerkannt waren. Die Formierung dieses Kollektivs beruhte einerseits auf einer klaren Trennung von gesellschaftlichen Räumen der Arbeit und Nicht-Arbeit verbunden mit einer Rationalisierung des Arbeitsprozesses im Rahmen einer präzisen, parzellierten und reglementierten
Zeitverwaltung (Stichworte sind hier „wissenschaftliche Arbeitsorganisation“ und „Arbeitskraft als
Anhängsel der Maschine“), und anderseits auf der an die Produktion angelehnten Rationalisierung
und Homogenisierung der Milieus und Lebensweisen (z.B. als Kleinfamilie), die über ihren
normierten Konsum selbst zu Kunden der Massenproduktion wurden und damit zur Reproduktion
des Marktes nicht nur durch die eigene Produktivität, sondern auch durch den eigenen Lohn
beitrugen (vgl. Castel 2000, 287-297).
Arbeit wurde im fordistischen Kompromiss als kollektive und soziale Eigenschaft gefasst, die nicht
individuell zu regulieren ist, sondern als soziale Gesamtheit. Dies garantierte der Arbeitskraft einen
„Sicherheitsrahmen für die Arbeit und in der Arbeit“ und dem Unternehmer die Behandlung der
Arbeit im Sinne einer „’homogene Materie’ […] die relativ austauschbar ist“, so dass er „ihren
Nutzen planen und mit Leichtigkeit und mit einheitlichen Kriterien ihre Kosten kalkulieren
[kann]“ (Revelli 1999, 79)
Die Wirtschafts- und Sozialpolitik des postfordistischen Regimes unterscheidet sich davon grundlegend.
Deren sozial- und wirtschaftspolitische Dispositive zielen nun darauf ab, permanente „Innovation“
und „Flexibilität“ zu befördern – einerseits, indem versucht wird, durch Intervention auf der
Angebotsseite die strukturelle und systemische Konkurrenzfähigkeit zu stärken, und andererseits,
indem spezifische ökonomische und außerökonomische Bedingungen re-artikuliert werden, denn in
den neuen Ökonomien kommt es zu einer wachsenden Interdependenz zwischen ökonomischen und
außerökonomischen Faktoren (vgl. Jessop 2007b, 272f.). Neben dem Interesse an der „Flexibilisierung
sozialer und ökonomischer Faktoren und am Unternehmertum“, wird zunehmend versucht
„mikrosoziale Verhältnisse im Sinne ihrer Inwertsetzung zu durchdringen.“ (ebd., 270). Konkurrenzfähigkeit
soll nun auch außerhalb des Unternehmens durch unternehmerisch tätige Städte, Unternehmenskultur
und unternehmerische Subjekte gewährleistet werden. Die sozialpolitischen Maßnahmen
und Steuerungsinstrumente werden der Flexibilität des Arbeitsmarktes und den angenommenen
Imperativen der Konkurrenzfähigkeit untergeordnet. Diese Politik sieht soziale Transfers als
Kostenfaktor in der internationalen Produktion an und versucht sie entsprechend zu minimieren
(vgl. Jessop 2007b, 273). Tendenziell wird die gesamte Gesellschaft in Arbeit gesetzt, „und zwar all
ihre[..] Komponenten, all ihre[..] Subjekte und gesellschaftlichen Gestalten, die auf diesem Weg in
einen sehr verbreiteten, fokussierten und durchdringenden Prozess kapitalistischer Verwertung zurückgeführt
werden. Zurückgeführt auf eine Art undifferenzierte und mobile Verfügbarkeit für das
Kapital, eine Pluralität heterogener Arbeitsressourcen, […] in dem diese in jedem Augenblick, gemäß
dem jeweils vom Standpunkt der Kosten und der Arbeitsgeschwindigkeit für am effizientesten
gehaltenen mix beliebig neu zusammengesetzt werden können“ (Revelli 1999, 81)
So wird es zunehmend schwieriger, den Bereich der Arbeit von dem der Nicht-Arbeit zu trennen.
Stattdessen nehmen Mischzustände zwischen fester und völlig abwesender Arbeit zu: unregelmäßige,
vorläufige, zeitlich begrenzte Arbeiten, saisonale Tätigkeiten, Hausarbeit, Leiharbeit, die alle als
a-typisch bezeichnet werden, weil sie nicht der fordistischen Festlegung der Arbeit entsprechen. Mit
der zunehmenden Diversifizierung der Arbeit schwindet auch ihre stabile Form(alisierung). Weder
können Beschäftigung und Beschäftigungslosigkeit in jedem Fall klar voneinander unterschieden
werden, noch lässt sich eine eindeutige und klare Strukturierung und Klassifizierung der Arbeit
nach feststehenden Kategorien vornehmen. In den postfordistischen Regimen bildet sich aber kein
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eindeutig durch Technologie oder Ökonomie definiertes arbeitsorganisatorisches Paradigma heraus,
die Produktions- und Tauschnormen sind selbst instabil und umkämpft. Insofern ist es politisch und
theoretisch produktiv, die Untersuchung der „vielfältigen politischen und sozialen Dynamiken und
Widersprüche […], die im Kontext der neuen Formen der vernetzten Produktion heute
entstehen“ (Lüthje 2003, 147), als Ausgangspunkt zu nehmen.
In der Bewegung rund um die EuroMayDays bildet die Untersuchung der eigenen prekären Arbeitsund
Lebensverhältnisse einen zentralen Ausgangspunkt der politischen Arbeit. Prekarisierung wird
dabei nicht als partielles Abweichen von den „Standards“ des fordistischen
Normalarbeitsverhältnissen verstanden, die zur Benachteiligung spezifischer gesellschaftlicher
Gruppen führt, sondern als wirkmächtige gesellschaftliche Tendenz , die zur Senkung des Niveaus
der sozialen Rechte und zur Etablierung neuer Formen von Arbeit und Subjektivität führt, die
Auswirkungen auf alle Lebensbereiche haben.13
Aus einer hegemonietheoretischen Sichtweise, aber auch vor dem Hintergrund von Foucaults
Überlegungen zur Gouvernementalität ist das diskursive Wissen der gesellschaftlichen Akteure ist
ein „integraler Faktor ihrer gesellschaftlichen Praxis und der die Gesellschaft konstituierenden
sozialen Tendenzen des kollektiven Lebens.“ (Demirovic 1992, 149) Die Teilnehmer von
Bewegungsnetzwerken sind als „gramscianische“ Intellektuelle tätig, die neue diskursive Raster,
Denkmuster und Perzeptionsweisen ausarbeiten, Problemkonstellationen öffentlich machen und
organisierend wirken. Intellektuelle tragen zur Erhaltung oder Transformation bestehender
Lebensweisen bei, je nachdem, ob die von ihnen „erarbeiteten Konzeptualisierungsstrategien von
kognitiven, emotionalen, ästhetischen und normativen Verhaltensmustern den […] common sense in
seiner bestehenden amorphen und ungleichzeitigen Form belassen oder bearbeiten und
transformieren.“ (ebd., 152) Im Unterschied zu Gramscis an der (prä-)fordistischen Konstellation
entwickelten Konzept des organischen Intellektuellen, dem eine klare Trennung von
Intellektuellengruppen und Funktionen zugrunde liegt, wird in der Bewegung um den EuroMayDay
angestrebt, verschiedene Funktionen aufeinander zu beziehen und flexibel miteinander zu
verbinden. Ausgehend von der prekären Organisation des eigenen Lebens, die durch
diskontinuierliche Lebensläufe, unterschiedliche Arbeitsinhalte, Projektarbeit mit kürzeren oder
längeren Beschäftigungsphasen gekennzeichnet ist, sollen politische, wissenschaftliche,
künstlerische etc. Praktiken und Aktivitäten der unterschiedlichen Akteure miteinander kombiniert
werden. Demirovic geht davon aus, dass vor diesem Hintergrund „eine neue epistemische Form
entsteht, für die wie für viele andere Gesellschaftliche Konstellationen vielleicht das Netzwerk
relevant zu werden scheint (vgl. Boltanski/Chiapello 2003), also eine zu einem guten Teil inter- und
transnantionale Vernetzung von intellektuellen Debatten und postdisziplinärer theoretischer und
politischer Arbeit, die begriffliche Reflexion, empirische Forschung, Erfahrungsbericht und neue
Formen künstlerischer Praxis umfasst, die einzelne WissenschaftlerInnen an den Hochschulen
ebenso wie Journalisten und Zeitschriftenredaktionen, freie Forschungsgruppen und -institute,
militante Forschungszusammenhänge, Nichtregierungsorganisationen oder Think Tanks
umschließt.“ (Demirovic 2006, 18) Diese neue Form des Aktivismus, die vielleicht am ehesten mit
dem Begriff der „Massenintellektualität“ (Müller 2004) bezeichnet werden kann, gruppiert sich um
(mindestens) drei große thematische Blöcke:
Die Widersprüche, die sich aus dem Einbezug von Alltagspraktiken und „affektiven“ Potentialen
der Subjekte und der Nutzung von „reproduktiven“ Ressourcen in der Ökonomie ergeben 14, werden
13 Zur Entwicklung eines solchen Verständnisses von Prekarisierung in Mailand vgl. Raunig 2007.
14 Die derzeitigen neoliberalen Projekte zeichnen sich durch die ökonomische Nutzung solcher Ressourcen aus, ohne
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von der Prekarisierungsbewegung als Ansatzpunkte zur Entwicklung widerständiger Praktiken
verstanden und auf Möglichkeiten zur Erweiterung des politischen Handlungsraums abgeklopft:
Wie die im Hamburger Euromayday Netzwerk aktive Soziologin Efthimia Panagiotidis erklärt, trat
die Euromayday-Bewegung „in Hamburg mit dem Versprechen an, mittels Vernetzung heterogene
Begehren zu erregen und aktuelle Konflikte in der Prekarisierung zu artikulieren – durch das
Aufwerfen von Fragen, die vom geheimen und unwahrnehmbaren Alltag herrühren.“15 Unsichtbare
Alltagspraktiken, wie das endlose Jonglieren mit mehreren bezahlten oder unbezahlten Jobs, die
affektive Arbeit, die nötig ist, um mit der geforderten Flexibilität funktionieren zu können, die
Nutzung sämtlicher Kontakte und Fähigkeiten und die darin eingebauten „widerständigen Details“ 16
- werden von den Akteuren der Prekarisierungsbewegung als produktive Tätigkeiten gedeutet, aus
denen sich soziale Forderungen ableiten.17 Neben den Zwängen und Zumutungen sollen auch die
Fähigkeiten und ermöglichenden Praktiken, die in prekären Arbeits- und Lebensweisen bereits
entstanden sind, herausgearbeitet werden.18 Entsprechend wurden die Hamburger Superhelden ein
Jahr nach ihrer ersten Intervention zu „Superhelden des Alltags“ 19.
Die komplexer werdenden raum-zeitlichen Bezüge der postfordistischen Konstellation bilden einen
weiteren Ausgangspunkt für EuroMayDay-Bewegung. Der zunehmenden Bedeutung der lokalen
und regionalen Ebene steht die Herausbildung einer supranationalen Ebene (EU) und die
zunehmende Bedeutung transnationaler Netzwerke gegenüber.20 Das EuroMayDay-Netzwerk
versteht sich selbst als transnationales Projekt, das lokale Bewegungen und Gruppen im
europäischen Raum verknüpft. Dieses Selbstverständnis materialisiert sich in zahlreichen Aspekten
der Bewegungspraxis, angefangen von der zeitlichen Synchronisierung des Protestereignisses
EuroMayDay und dem fortlaufenden Diskussionsprozess bei Veranstaltungen, Treffen und online21,
über die kollektive Entwicklung politischer Subjektivitäten und gemeinsamer Bilder des Prekären
bis hin zur Entwicklung von Methoden des Kartographierens, mit denen die sich entwickelnde
Logik globalisierter Raum-Zeit-Verhältnisse nicht nur abgebildet wird, sondern mit denen auch
dass Wissen über oder eine Strategie für deren Produktion oder Reproduktion vorhanden ist (vgl. Jessop 2007b,
268). Insofern ist das Sichtbarmachen dieser gesellschaftlichen Zusammenhänge ein wichtiger Ausgangspunkt für
eine post-neoliberale Organisation des Sozialen. Auch Boltanski und Chiapello weisen darauf hin, dass zur
Formulierung einer den neuen Verhältnissen angemessenen „Ausbeutungsgrammatik“ (2003, 415) alle Beiträge zum
Netzwerk der Produktion zu erfassen seinen, so wie ein Filmabspann alle am Zustandekommen des Films beteiligten
(also neben Regie und Schauspielern auch Cutter, Maskenbildner bis hin zum Catering etc.) erfasst.
15 Panagiotidis, Ef thimia 2007. Online: http://translate.eipcp.net/transversal/0307/panagiotidis/de
16 http://www.nadir.org/nadir/kampagnen/euromayday-hh/de/2007/03/544.shtml .
17 Einen wichtigen theoretischen Bezugspunkt für diese Sichtweise stellen die theoretischen Konzepte des Post-
Operaismus dar. So nutzen beispielsweise Tsianos / Papadopoulos (2006), Neilson / Rossiter (2005) und Pieper
(2007) Begriffe wie „immaterielle Arbeit“ und „Biopolitik“ zur Reflexion der Prekarisierungsproblematik.
18 Diese Perspektive auf Arbeit knüpft ebenfalls an feministische Debatten und Erkenntnisse aus der Queertheorie an.
Vgl. im deutschen Sprachraum bspw. Boudry /Kuster /Lorenz (1999), kpD (2005), von Osten (2007), Gutiérrez
Rodriguez (2007) und weitere Beiträge in Pieper u.a. (2007).
19 http://www.nadir.org/nadir/kampagnen/euromayday-hh/de/2007/03/544.shtml
20 An die Stelle der vormals (national)staatlich-politischen Regulierung ist ein neues, scheinbar unpolitisches, durch
rein marktlich vermittelte Sachzwänge bestimmtes Regime getreten. Dieses ist zwar weiterhin durch politische
Aktivierung gekennzeichnet, die aber durch ökonomische Zwänge beschnitten wird. Diese ökonomischen Zwänge
sind über die regionalen politischen Räume (Nationalstaat, Kommune etc.) nicht mehr zu erreichen, sodass
politisches Handeln sich auf eine Art Wettbewerbshandeln reduziert (vgl. Adolphs/Karakayali 2007, 136).
21 Wichtige Verständigungsorgane über Sprach- und Landesgrenzen hinweg waren oder sind englischsprachige Web-
Magazine wie Greenpepper (vgl. http://process.greenpeppermagazine.org//tiki-index.php?page=Precarity+%3A
+Contents+Page), das in London produzierte Journal Mute (vgl. die in der Sonderausgabe Mute II (2005)
zusammengefassten Artikel zu Prekarität) und „multilinguale Webjournale“ wie Transversal und Republicart (vgl.
http://www.republicart.net/disc/precariat/index.htm), deren Beiträge jeweils in zwei bis drei Sprachen übersetzt
werden.
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Ansatzpunkte für politisches Handeln herausgearbeitet werden können. Einen wichtigen
Bezugspunkt bilden in diesem Zusammenhang die Diskussionen der europäischen Migrations- und
Anti-Rassismusbewegung (bspw. bezüglich kultureller Diversifizierung nationaler Bevölkerungen,
ausstehende Bürgerrechte für MigrantInnen etc.), die auf die Prekarisierungsproblematik bezogen
werden.22 Europa wird als Raum globaler Migration gefasst. Denn die EuropäerInnen kommen „von
den fünf Kontinenten und – am bedeutsamsten – von den sieben Meeren“, wie Alex Foti (2005) in
seinem programmatischen Text zur EuroMayDay-Bewegung unterstreicht.
Aus dem Widerspruch zwischen der kollektiven und polyzentrischen Produktion von
Kommunikation, Wissen, Information, Affekt und Begehren und ihrer privaten Aneignung, ergibt
sich ein dritter Schwerpunkt der Bewegung. Vor allem in Mailand werden die in den oftmals
prekären Beschäftigungsverhältnisse der „reproduktiven und distributiven Bereichen des
Dienstleistungssektors, sowie in den Wissens-, Kultur- und Medienindustrien“ angeeigneten
Fähigkeiten und Wissensbestände als Ausgangspunkt zur subversiven (Wieder-)Aneignung von
Popkultur und Werbetechniken angesehen. Unter Nutzung von visueller und materieller Kultur
werden in der Bewegung Bilder für neue, kollektive politische Imaginationen entwickelt und mit
innovativen Praktiken verbunden (Vanni 2007). Hier wird an Überlegungen aus den Cultural
Studies und Konzepte aus dem Bereich der alternativen Öffentlichkeits- und Medientheorie
angeknüpft, die seit Mitte der 90er Jahren in einem Teil der sozialen Bewegungen auf ihre
Brauchbarkeit für die politische Praxis befragt wurden (Zur Rezeption solcher Ansätze in
Deutschland vgl. Oy 2001).23
Mapping, Medien und Markieren
Im Streifzug der Superhelden in das Hamburger Frischeparadies werden Elemente kombiniert, die
für die Praktiken und Ausdrucksformen der Prekarisierungsbewegung in vielen europäischen
Städten charakteristisch sind: Ein genauer, reflektierender Blick auf prekäre Alltagspraktiken;
Methoden des Markierens, die Forschung mit Intervention verbinden; und schließlich die aktive
Nutzung medialer Ausdrucksformen. In der Kombination dieser Elemente werden anhand von
Bildern wie der Figur des prekären Superhelden Subjektivierungsangebote und diskursive Raster
entwickelt, die es ermöglichen, „die Prekären“ als soziale Akteure zu denken.
Bei den Mayday Paraden in Mailand, Hamburg, Malaga und anderswo fällt ein überbordernder
Einsatz von medialen Ausdrucksmitteln auf: Stickers, Posters, Graffiti, „tauchen die Stadt in ein
Zeichenmeer“ (Raunig 2004). Das zeichenhafte „Markieren“ städtischer Räume vollzieht sich im
Kontext der Prekarisierungsbewegung in unzähligen Varianten. Beim „derive piquetera“ ziehen
mobile Streikpostenketten am ersten Mai durch großstädtische Einkaufstrassen, wie etwa beim
Mayday 2004 in Mailand, wo Filialen von Bekleidungs-, Fast-Food-, Buchhandels- und anderen
Ketten zu „prekären Zonen“ erklärt wurden; die meisten blieben für den Rest des Tages
geschlossen.24 Die Precarias a la deriva“, eine „feministische Initiative zwischen Forschungsprojekt
22 Vgl. die vom Frassanito Netzwerk für die EuroMayDay-Bewegung im Juni 2005 – während des Borderline
Academy/Fadaiat-Projektes im südspanischen Europa-Grenzort Tarifa – verfasste Erklärung:
http://www.labournet.de/diskussion/arbeit/realpolitik/prekaer/frassanito2.html (aufgerufen 15.01.08).
23 Auch die im spanischen Kontext rund um das Label „yomango“ entwickelten Praktiken wurden von den
PrekarisierungsaktivistInnen rezipiert. Vgl. http://www.yomango.net/ und für die Diskussion im dt. Kontext u.a.
http://maydayberlin.blogsport.de/2007/11/03/211107-yomango-umverteilung-leicht-gemacht/ .
24 Zu sehen ist dies auf der DVD „Precarity“, die von einem transnationalen Netzwerk von MedienaktivistInnen,
TechnikerInnen und ÜbersetzerInnen als dritte Ausgabe des DVD-Zines „P2P Fightsharing“ herausgegeben wurde.
Mehr dazu online: http://www.nadir.org/nadir/kampagnen/euromayday-hh/de/2005/04/149.shtml. Vgl. auch
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und Aktivismus“ 25 führten, ausgestattet mit Videokameras, eine systematische Serie von „derives“
durch die Alltage prekär arbeitender Frauen in ihrer Stadt Madrid durch.26. In Mailand mündete die
Zusammenarbeit der Gruppe „Chainworkers“ mit Prekarisierten in der Modebranche in das
vielbeachtete Projekt „Serpica Naro“.27 Das Hamburger Euromayday Netzwerk experimentiert
aktuell in seiner Kampagne „mir reichts – nicht!“28 mit interaktiven Untersuchungen im Raum der
Kulturarbeit, wobei sie diese forschenden Untersuchungen mit Interventionen verbinden.29
Die Methoden des Umherschweifens und Kartographierens werden flexibel und experimentell
eingesetzt und unterscheiden sich je nach den Gegebenheiten und Bedürfnissen vor Ort.
„Mapping“ kann, wie bei den Derives Piqueteras, eng an die Verbindung prekärer Alltage und
Warenzirkulation mit dem städtischen Raum gebunden sein. Es kann sich an bestimmten Themen
orientieren, wie bei den „Precarias a la deriva“. Auch einzelne Branchen können in der „Landschaft
des Prekären“ durch Erkundungen oder Interventionen markiert werden, wie etwa die Modebranche
in Mailand oder der Kulturbereich in Kassel und Berlin.
Durch die Markierung werden Orte in der vertrauten Architektur der Stadt zu Symbolen von
Situationen der Prekarisierung: Die Zeitarbeitsfirma steht für flexibilisierte und ungesicherte Arbeit,
die Filiale des Bekleidungskonzerns für die Produktion in sogenannten Sweatshops, Vodaphone30
für die Kontrolle, Kommerzialisierung und Beschneidung kommunikativer Infrastruktur, das teure
Hamburger Delikatessengeschäft für die ungleiche Verteilung des Reichtums der Stadt.
An vielen Knotenpunkten des Euromayday Netzwerks setzt man sich mit „Mapping“ bzw.
Kartographieren“ als Methode des „untersuchend militant-Werdens“31 auseinander. In einem
Netzwerk sozialer Bewegungen in der südspanischen Region Andalusien, aus dem der spanische
Mayday Sur hervorgeht, wird das Kartograpieren verstanden als „Fähigkeit der Bewegungen, die
Wirklichkeit zu untersuchen und nachzuzeichen; eine Handwerkskunst, um das Aufkommen von
Störungen in Konsensgesellschaften aufzuspüren und diese widerhallen zu lassen“32
In einer Radiosendung im Vorfeld des Hamburger Euromayday 2006 wurde es definiert als „eine
Methode, um die interaktive, sich permanent fortsetzende Entwicklung von Netzwerkstrukturen und
deren Knotenpunkten darzustellen und damit neue Räume der Handlungsmöglichkeiten zu
eröffnen.“ Ergänzend wird festgestellt: „Die ersten Karten, die waren immer Karten von Monstern.
Es war nicht nur die Abbildung von einem geographischen Raum und von Routen, sondern auch
von damit verbundenen Gefahren und Projektionen. Es gab (…) immer eine zusätzliche Ebene, das
Interview mit Alex Foti: Precarity and (N)European Identity, online:
http://www.wombles.org.uk/article200610240.php. Dieses Format wurde auch beim Mayday Sur 2007 in Malaga
eingesetzt.
25 Precarias a la deriva: Streifzüge durch die Kreisläufe feminisierter prekärer Arbeit. Webmagazin republicart.net,
2004. Online: http://republicart.net/disc/precariat/precarias01_de.htm
26 Precarias a la deriva: a la deriva por los circuitos de la precariedad femenina. Madrid 2004.
27 http://www.serpicanaro.com/, vgl. Mattoni 2007.
28 Die Webseite der Kampagne: http://www.mirreichts-nicht.org/
29 Ein Resumee dieser Aktivitäten erscheint demnächst in der Zeitschrift „Analyse und Kritik“.
30 http://www.hrw.org/reports/2006/china0806/
31 Für eine Diskussion militanter Untersuchungsmethoden vgl. die kollektive Publikation: Marta Malo de Molina
(Hg.), Nociones comunes. Experiencias y ensayos entre investigación y militancia, Traficantes de sueños, Madrid,
2004. Für die deutsche Übersetzung des ersten Abschnitts der Einleitung vgl.
http://transform.eipcp.net/transversal/0406/malo/de
32 Javier Toret/Nicolas Sguiglia: Kartographie und Kriegsmaschine. Herausforderungen und Erfahrungen mit der
militanten Untersuchung im Süden Europas. In: Transform 04/2006, Online:
http://transform.eipcp.net/transversal/0406/tsg/de
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Adolphs/Hamm: Prekäre Superhelden Version 1.0, 04/08
ist die Ebene der politischen Imagination“.33 In der Hamburger Intervention im Frischeparadies
wurde etwa einem geheimen, doch weitverbreiteten Wunsch Ausdruck verliehen, sich die
luxuriösen Güter, die man sich nicht leisten kann, einfach anzueignen34.
Die Markierung im städtischen Raum bestand hier in der Auswahl des Orts und der Beschenkten.
Die Figur der prekären Superhelden selbst treibt eine Kartographie der in postfordistischen
Verhältnissen zu entwickelnden Fähigkeiten voran: Sich Kontrollen entziehen, der Langeweile
entkommen, Multitasking und das Jonglieren verschiedenster Jobs. Bei ihrer ersten Inkarnation als
Imbattibili in Mailand war das kartographische Element noch deutlicher. Dort wurde jede Figur von
einer politischen Initiative vor Ort entsprechend ihres Tätigkeitsfelds konzipiert, und nicht nur mit
Kurzbiographien, sondern auch mit Kontaktadressen ausgestattet. Diese Figuren wurden als „Social
Media“ (Mattoni 2006, S.10ff) mediatisiert: Bei der Euromayday Parade in Mailand 2005 waren sie
im Format von Sammelkärtchen präsent, mit denen ein mitgelieferter Sammelbogen vervollständigt
werden konnte. Ein Feld blieb leer: Es war für die Sammlerin vorgesehen – denn, so die Anrufung,
Superheldenkräfte entwickeln alle. Die Kunsthistorikerin Ilaria Vanni analysiert die Funktionsweise
des Superheldenbildes, indem sie die Austin’sche Sprechakttheorie auf die Performativität von
Bildern bezieht. Performative politische Bilder, so Vanni, funktionieren nicht, indem sie eine Idee
repräsentieren, reflektieren, illustrieren oder beschreiben, sondern „sie agieren, sie machen politisch
etwas“.35 Die Figur der prekären Superhelden lädt ein zur Subjektivierung: Durch Narrationen,
durch Sprache oder Praktiken, durch eine Maske, einen Umhang, eine knallbunte Superhelden-
Sturmmaske, die Dir etwa bei einer Mayday Parade gereicht wird.
Diese Subjektivierung hat wenig gemein mit dem, was in der öffentlichen Diskussion, in Politik und
Sozialwissenschaften als „abgehängtes Prekariat“ bezeichnet wird. In einem Interview anläßlich der
Euromayday Parade 2006 in Hamburg fasst Panagiotidis zusammen:
„Wir grenzen uns von einer Debatte ab, in der Prekarisierung als Armut definiert wird; man steht
mit dem Rücken zur Wand und verliert alle Sicherheiten, die man mal hatte. Gegen diese
Aufzählung des Elends hebt der Aufruf die positiven Aspekte hervor. Die Welt der Arbeits- und der
Lebensverhältnisse verändert sich und wir können nicht auf schon errungene soziale
Absicherungen zurückgreifen. Es bedarf dringend neuer Konzepte, jenseits von sozialem
Klientelismus, jenseits der Formen, die es mal gab in den noch existierenden oder derzeit
wegfallenden Arbeitsverhältnissen. Die ganzen Streiks, die nun stattfinden, zeigen deutlich, dass
diese alten Modelle von Arbeit und sozialer Absicherung vorbei sind.“36
Prekarisierung läßt sich nicht auf negative Erscheinungen (Verletzlichkeit, Unsicherheit, Armut,
soziale Gefährdung) reduzieren. Als positive Erscheinung nennen die Precarias a la Deriva „die
Akkumulierung unterschiedlichen Wissens und von verschiedenen Fähigkeiten und Kompetenzen
durch eine sich ständig neu konstituierende Arbeit und Lebenserfahrung“ (Precarias a la Deriva
2004). Diese Deutung von Prekarisierung wird bildhaft in die Figuren der prekären Superhelden
übersetzt: Die Kräfte, die sie zur Verbesserung ihrer Situation einsetzen, konnten sie eben durch ihr
Leben in der Prekarisierung entwickeln. Die prekären Superhelden beinhalten ein Versprechen: den
unterschiedlichen prekären Subjektpositionen entsprechen ebenso vielfältige Fähigkeiten und
Handlungsmöglichkeiten.
Literatur
33 Die Aufnahmen sind online verlinkt: http://www.nadir.org/nadir/kampagnen/euromayday-hh/de/2006/04/400.shtml
34 Vgl. auch Stern Heft 25/2006: „Die Leute haben sich irre gefreut“, erklären einige Superhelden im Interview.
35 Vanni 2007, 14
36 Frank John, Efthimia Panagiotidis, Meike Bergmann: Die Putzfrau war präsent, aber wie sieht sie aus? Interview mit
den OrganisatorInnen des Hamburger Euromaydays 2006. In: ak – analyse & kritik – zeitung für linke Debatte und
Praxis / Nr. 504 / 17.3.2006. Online: http://www.akweb.de/ak_s/ak504/18.htm, aufgerufen 20.1.2008.
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