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Was macht mich krank?

Ein strategischer Diskurs, ein ‚Nicht-Bündnis‘ und eine aktivierende Befragung

Thomas Seibert in Arranca!-Ausgabe 39

Im Vorfeld der Proteste gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm trat ein Bündnis an die Öffentlichkeit, das gar kein ‚Bündnis’ sein wollte und dies noch immer nicht ist. Als Initiative für Globale Soziale Rechte geht es der merkwürdigen Formation nicht um einen kurz- oder mittelfristig abgezweckten taktischen Konsens, sondern um eine langfristig angelegte strategische Debatte. Dem entspricht, dass die Beteiligten ihre politische Zugehörigkeit zwar offen benennen und einbringen, dabei jedoch nicht als deren ‚Repräsentant/innen’ auftreten. Den Kern der Initiative bilden bis jetzt Aktivist/innen bzw. Mitarbeiter/innen von attac, der IG Metall, des Netzwerks kein mensch ist illegal, von Greenpeace und medico international, wiederholt mitgewirkt haben Mitarbeiter/ innen von FIAN (Food First Informations- und Aktions-Netzwerk). Gemeinsames Ziel ist eine offene Verständigung über Weg und Ziel einer Emanzipationspolitik im und gegen den globalisierten Kapitalismus. Der wörtlich gemeinten Bestimmung „im und gegen“ entspricht die Absicht, die Debatte um Globale Soziale Rechte der ‚moderaten’ wie der ‚radikalen’ Linken anzutragen.

Diskursive Annäherung an ein künftiges Gemeinsames Einer im Frühjahr 2007 durchgeführten Konferenz in Frankfurt folgten Workshops und Seminare in Heiligendamm, die sich in einer ersten ‚Plattform’ niederschlugen. In der Zeit nach Heiligendamm lieferte dieses Dokument einer Veranstaltungsreihe, die durch mehrere Städte führte und weiter fortgesetzt wird, den roten Faden. Der vorläufige Ertrag lässt sich darüber hinaus einer Textsammlung auf der Website www.globale-sozialerechte. de und einer Artikelserie in der Nummer 13 des Halbjahresmagazins Fantômas entnehmen.

Die Debatte selbst wird auf zwei Ebenen geführt. Auf der ersten geht es um sachlich ganz unterschiedliche Rechtsansprüche, deren einzige Gemeinsamkeit zunächst in ihrer transnationalen Reichweite liegt. Selbstverständlich sind solche Ansprüche für die direkt im Nord-Süd- Verhältnis aktiven NGOs FIAN und medico, denen es um eine lebenssichernde Ernährung für alle bzw. um einen weltweit gleichen Zugang zu Gesundheit geht. Selbstverständlich ist dies auch in antirassistischer Perspektive, in der die Überschreitung der nationalen Grenzen die erste Voraussetzung des Projekts darstellt. Nicht nur selbstverständlich, sondern im Wortsinn unausweichlich ist der globale Anspruch bei Greenpeace – zumindest als Anspruch und in exemplarischer Aktion. Konsequent in jedem Fall ist der Anspruch der beteiligten attac-Aktivist/ innen, ihre Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen transnational auszurichten. Trotz ihres Widerspruchs gerade gegen diese Forderung stimmen Gewerkschafter/innen dem insoweit zu, als sie ihre eigenen Kämpfe – um ein Mindesteinkommen, um Arbeitszeitverkürzung oder schlicht um Lohnerhöhungen – absehbar nur dann noch erfolgreich führen können, wenn sie dies ebenfalls transnational tun.

Was diese offensichtlich unterschiedlichen, teils widersprüchlichen Perspektiven – man nehme nur Gewerkschafter/innen und Ökoaktivist/ innen – zumindest in Ansatz und Ausrichtung zusammenbringt, ist die schließlich doch gemeinsame Idee, „der Globalisierung des Kapitals, der Märkte und der Waren mit einer Globalisierung der Sozialen Rechte zu begegnen“ (Plattform).

Dabei bezieht sich die Übereinstimmung nicht nur auf den programmatischen, sondern auch auf den strategischen Einsatz der politischen Aktion, und sie tut dies in logischer und in historischer Hinsicht. Logisch, sofern es in Rechtsansprüchen immer um besondere Ansprüche geht, die als allgemeine eingeklagt werden: Ernährungssicherheit, Zugang zu Gesundheit, gesellschaftliche Garantie eines existenzsichernden Einkommens, Arbeitslohn und Arbeitszeit, Schutz und Erhaltung der Umwelt, Bewegungs- und Aufenthaltsfreiheit. Historisch, sofern Kämpfe um Rechte auf deren staatliche Anerkennung zielen, dies aber oft nur in vor- oder gegenstaatlicher Aneignung des Eingeforderten erreichen können. Im Begriff der Globalen Sozialen Rechte kommen Programm und Strategie dann aber darin zusammen, die Orte der Aneignung wie die Instanzen der Anerkennung wenigstens transnational bestimmen zu müssen – und zu wollen.

Erfahrung tauschen
Zielte der erste Einsatz der Initiative zuerst nur auf einen diskursiven Austausch, tauchte früh schon die Frage auf, wie die strategische Reflexion auf Globale Soziale Rechte an die alltägliche Erfahrung rückzubinden und wie vom gemeinsamen Diskurs zur gemeinsamen Aktion zu kommen wäre. Unmittelbar, das war ja der Ausgangspunkt, lag das nicht am Weg, und taktische Formelkompromisse waren und sind nicht gesucht. Gerade deshalb aber lag es nahe, den Erfahrungsbezug möglichst konkret, möglichst alltäglich und möglichst dringlich zu fassen. Worin aber wäre ein solcher Punkt der dringlichen und zugleich notwendig praktischen Konvergenz zu finden? Auch wenn die gefundene Antwort tatsächlich ein zufälliger Fund im Brainstorming war, nimmt sie sich der Sache nach zwingend aus: den Ansatz gemeinsamen Handelns dort zu suchen, wo es um das Allernächste geht – das Überleben.

Tatsächlich kommen Gewerkschaf ter/innen, Ökolog/innen, Existenzgeldaktivist/innen und Mitarbeiter/innen globalisierungskritischer NGOs nicht zufällig gerade hier ‚über Kreuz’: Globaler Kapitalismus, darin sind sich alle einig, macht krank. Das gilt, so lässt sich spielend zeigen, für Noch-Beschäftigte nicht weniger als für Schon-Erwerbslose, für Einheimische wie für Einwander/innen, für ‚uns’ hier wie für ‚die’ dort, für jeden einzelnen wie für letztlich alle. Und: Auch wenn das Motiv dabei eine auf lange Sicht angelegte, zugleich strategische wie programmatische Verständigung ist, muss es doch von Anfang an um unmittelbare Beteiligung gehen, um einen Erfahrungsaustausch, der auf Aktivierung zielt.

Die Idee lautet daher, die im wörtlichen, mehr aber im übertragenen Sinn zu verstehende Leitfrage „Was macht uns krank?“ aus unterschiedlichen Blickwinkeln ins Visier zu nehmen. Der Zugang erfolgt dabei über die alltäglichen Verhältnisse, die einem guten Leben entgegenstehen. Der Blick richtet sich dabei auf die ganze Weite des Alltagslebens, auf die Erfahrungen in der Produktion wie der Reproduktion der individuellen und sozialen Existenz. Andererseits muss deutlich werden, dass es dabei nicht um eine auf Systematisierung angelegte Wissensermittlung, sondern um schlaglichtartige Situationserhellung geht. Im Austausch der jeweils eigenen Erfahrung zunächst getrennte, oft widersprüchliche, gar konkurrent erscheinende Realitäten sollen dabei nicht nur in Beziehung gesetzt, sondern in Kommunikation gebracht werden, so dass sich die Suche nach potenziellen Gemeinsamkeiten „wie von selbst“ aufdrängt. Um dies gewährleisten zu können soll eine in lokalen Pilotprojekten umzusetzende ‚aktivierende Befragung’ oder ‚militante Untersuchung’ begonnen werden – ein Prozess also, der auch in der Form nur als gemeinsamer gelingen kann.

Stand der Dinge
Natürlich führt dieses Vorhaben von vornherein über die bisherige Initiative hinaus – ein Schritt, den alle Beteiligten ausdrücklich begrüßen, weil er deren bloß vorläufigen und offenen Charakter bestätigt und bewährt. Deshalb geht es im Moment darum, Bündnispartner/innen zu finden, die willens und in der Lage sind, eine solche Befragung bzw. Untersuchung mit anzugehen und durchzuführen. Die Initiative leistet methodische Vorarbeit, spricht gezielt mögliche Mitspieler/innen an, klärt den Charakter der angepeilten Befragungen.

Nach dem bisherigen Stand der Überlegungen geht es zunächst um etwa zehn Pilotprojekte in verschiedenen sozialen Feldern und verschiedenen Städten. Als Bereiche kommen in Frage: Migrant/innen und Flüchtlinge (mit Abschiebebedrohung, Verweigerung medizinischer Leistungen bei Asylsuchenden/Geduldeten/Illegalisierten oder fehlendem Zugang zum Beispiel bei Landarbeiter/innen), Fabrikarbeiter/innen, Supermarktbeschäftigte, Beschäftigte im Gesundheitswesen (Was macht die Gesundheitsarbeiter/innen krank?), Bildungsarbeiter/innen bzw. Studierende, Erwerbslose oder Einkommensarme/prekär Beschäftigte. Dabei sollen zumindest in fünf ausgewählten Feldern jeweils mindestens zwei vergleichbare Befragungsgruppen gebildet werden, deren Teilnehmer/ innen eben in den genannten Lebensmerkmalen oder ‚Belastungsprofilen’ übereinstimmen. Interesse gibt es bis jetzt bei einzelnen lokalen Gruppen aus dem attac- und AntiRa-Spektrum sowie der Interventionistischen Linken (IL); der Kreis ist offen für weitere Unterstützer/innen.

Wesentliche Ausgangsbedingung wäre dabei eine lokal-regionale oder auch betriebliche Verankerung und Kontinuität, mit der zumindest relativ sicherzustellen wäre, dass die Befragungs- oder Diskussionsgruppen keine abgehobenen Eintagsfliegen werden, sondern in irgendeiner Weise in bestehende oder weiterlaufende Initiativen eingebettet sind. Deshalb wird augenblicklich sondiert, wo solche Befragungsgruppen konkret gebildet werden können und wollen. Parallel geht es darum, eine Befragungsmethodik zu entwickeln, die versucht, den verschiedenen und durchaus anspruchsvollen Erwartungen an das Befragungsprojekt gerecht zu werden.

Die Befragungsrunden sollen interaktiv sein, die Beteiligten zur Mitgestaltung bewegen, ihr häufig individualisiertes Leiden als kollektive Erfahrung spürbar machen und insofern ‚Wut und Mut’ erzeugen. Sie müssen von den spezifischen Bedingungen der Teilnehmer/innen ausgehen und sich zunächst auch auf die Auseinandersetzung mit den jeweiligen sozialen Feldern konzentrieren. „Gemeint“ sind dabei die Befragten und die Befragenden – unmittelbares Ziel der ersten Runde wäre eine Gruppenbildung, in der die Initiator/innen wenigstens durch einige der Befragten verstärkt werden. Nicht einfach beiseite zu schaffen sein wird dabei ein unvermeidliches Schwanken zwischen ‚Politisierung’ und ‘Sozialarbeit’: Soll den Befragten ein wirkliches Angebot gemacht werden, wird dies Hilfestellungen einschließen müssen, die den Befragenden bzw. den hinter ihnen stehenden Gruppen auch sozialarbeiterische Ressourcen abverlangen. Das führt auf noch immer ungelöste, vielleicht auch gar nicht eindeutig zu lösende Kernprobleme aller Projekte ‚aktivierender Befragung’/’militanter Untersuchung’ zurück, die allesamt damit zu tun haben, dass solche Grenzziehungen letztlich nicht durchzuhalten sind. Politische Interventionen solcher Art schließen notwendig in strategischer Form Praktiken ein, die von außen betrachtet sozialarbeiterisch erscheinen. Damit einher geht jedoch die Hoffnung, dass Projekte ‚militanter Untersuchung’ im gelingenden Fall den Begriff politischer Arbeit an seinem zuletzt entscheidenden ‚Punkt’ erweitern können: dem der effektiv gesellschaftsverändernden Praxis selbst.

Leitfrage der Untersuchungen ist dabei, wie die spezifischen Problemlagen der verschiedenen sozialen Felder zu überbrücken, wie und wann solche ‚Cross-Over’-Momente herzustellen sind und ob damit der übergreifende Ansatz einer Politik Globaler Sozialer Rechte für alle Beteiligten sicht- und greifbar werden kann. Eine solche Folgerunde müsste notwendig über lokale Befragungen hinausführen: Die Initiative selbst orientiert sich dabei an einer französischen Kampagne, in der lokale Untersuchungen zu den gesellschaftlichen Ursachen von Krankheit auf nationaler Ebene zur Einberufung von ‚Generalständen der Gesundheit’ und einem von sozialen Initiativen, Gewerkschaften, linken Organisationen und attac getragenen Politischen Manifest führten. Entscheidend ist in jedem Fall, dass es dem Untersuchungsprojekt auf einen Prozess gemeinsamer Politisierung im Fokus der gelebten Erfahrung und nicht auf sozialmedizinische Fachstudien ankommt, die zu gegebener Zeit und bei Bedarf allerdings hinzugezogen werden müssen.

Auf einem bundesweiten Vorbereitungstreffen im November in Frankfurt wurde zunächst einmal deutlich, dass gegebene lokale Bereitschaften (Berlin, Bremen, Hanau, Münster, Köln/Bonn) und weitere Interessensbekundungen aus verschiedenen anderen Orten bald zu verbindlichen Zusagen werden müssen. Verabredet wurde ein Wochenendseminar im nächsten Frühjahr, bei dem nicht nur das bundesweite Projekt als solches, sondern der Befragungsprozess gestartet werden soll: in der Form einer ausführlichen Selbstbefragung der bis dahin Beteiligten einschließlich der Einübung dienender Rollenspiele.

Der bisherige Initiativkreis wird bis dahin nicht nur weitere methodische Vorarbeiten (motivational interviewing, body mapping etc.) erbringen, sondern auch seine Vorstellungen des Folgeprozesses verdeutlichen. Zugleich wird er in direktem Kontakt mit weiteren Interessierten klären, wer wie in das Projekt einsteigen will. Die Pilotprojekte könnten dann gleich nach dem Wochenendseminar starten. Nähere Infos demnächst auf www.globale-soziale-rechte.de. Anfragen zur Beteiligung sind nicht nur erbeten, sondern dringlich gewünscht.

Thomas Seibert

Der Ölberg grillt


Der Ölberg grillt

Vierte Woche – Quarta Settimana lädt zum Grillen und Speisen am

24. Juli 2009 ab 16:00 Uhr auf den Schusterplatz ein

Wir laden am 24. Juli ab 16.00 zum vierten Mal zum öffentlichen Kochen und Speisen auf den Schusterpatz in die Elberfelder Nordstadt ein.

http://4woche.blogsport.de/

Wir haben in den letzten Monaten auf dem Otto-Böhne-Platz das Projekt „La quarta settimana“ die vierte Woche begonnen. Die Aktion ist inspiriert von den „Vierte Woche“– Aktionen der Prekären in Italien, die- wie die meisten von uns -am Ende des Monats kein Geld mehr in der Tasche haben. Sie treffen sich regelmäßig in der vierten Woche zu gemeinsamen Menüs und abschließenden Einkaufstouren und Kinobummel, um ihr Recht auf Teilhabe am gesellschaftlichen Leben durchzusetzen. Wir wollen uns ab jetzt jeden letzten Freitag im Monat treffen, um in Zeiten von Hartz VI, Kurzarbeit, Niedrigrenten, Studiengebühren und 1 Euro Jobs uns gemeinsam ein köstliches Menü umsonst und draußen zu kochen. Hierzu sind Alle mit Kindern und Enkelkindern herzlich eingeladen. Bringt eure Küchenmesser, etwas eßbares, was Ihr erübrigen könnt, Appetit und Hunger und gerne auch die ein oder andere Gitarre oder Gedichte mit. Laden wir unsere Nachbarinnen und Nachbarn ein, uns gemeinsam einen Ort des Austauschs zu schaffen, gutes Essen und guter Wein in gemeinsamer öffentlicher Runde sind die Vorraussetzungen für einen Widerstand mit langem Atem, wilden Aktionen und guten Argumenten.

Nach dem Zahltag am 3. August wollen wir uns den Euro-Job-Ausbeuern vor Ort widmen, einen Club der Prekären (mit)begründen, auf der Baustelle des Jugendknastes auf Scharpenacken tanzen und den örtlichen Nazis das Leben schwer machen…

Weg mit Hartz IV- Würdige Lebensverhältnisse für alle, mindestens 800 Euro (ohne Miete) und 10 Euro Mindestlohn aber dalli!

Der Zahltag kommt… 3 . Aug. 2009 vor dem ARGE – Headquarter in Wuppertal ab 8:00 Uhr ….

am 3. August wird der Verein Tacheles e.V. vor der ARGE Zentrale in der Bachstr. 2 „Werther Karre” eine größere Protestveranstaltung („Zahltag”) durchführen. Die Aktion wird unterstützt von verschiedenen örtlichen sozialpolitischen Initiativen und Gruppen, sowie überörtlichen Erwerbsloseninitiativen.

Zahltag ist eine bundesweite Aktionsform unabhängiger Erwerbslosengruppen. Zum Monatsanfang kommt es regelmäßig zu Verzögerungen bei der Auszahlung der Leistung. Viele Betroffene kommen dann zur ARGE, um die Überweisung des Arbeitslosengeldes oder einen Vorschuss zu fordern.

Am Zahltag wollen wir auf die alltägliche Zumutungen für Hartz IV-Bezieher/innen aufmerksam machen und gegen die zunehmenden ARGE-Schikanen protestieren. Mit der Zahltagaktion soll Protest gegen die alltägliche ARGE Entrechtung, Arbeitszwang, Sanktionen, Sozialleistungskürzungen auf die Straße getragen werden.Der Wuppertaler Zahltag findet am 3. Aug. von 8:00 – 13.00 Uhr vor der ARGE Bachstraße statt.

Dort wird ein Infozelt aufgebaut, ein Lautsprecherwagen ist vor Ort, es wird mobile Beratung angeboten und auf Wunsch gibt es Begleitung durch Beistände ins Amt. Also praktische Solidarität und Unterstützung vor Ort. Inhaltlich wird es um die konkreten Zustände in Wuppertal gehen, die Unerreichbarkeit der ARGE Wuppertal, das ständige Verschwinden von Anträgen und eingereichten Schriftstücken und die Weigerung der ARGE zeitnah Eingangsbestätigungen auszustellen. Hier werden die konkreten Missstände aufgezeigt und Änderungen eingefordert.

Für alle Wuppertaler, die darüber hinaus Interesse haben, sich längerfristig für die Interessen Erwerbsloser zu engagieren und sich aktiv in Begleitschutzarbeit oder auch an weiteren Zahltagen beteiligen wollen, gibt es am Montag, den 10. August 2009 um 19:00 Uhr im Café Tacheles, Rudolfstr. 125, ein Kennenlerntreffen.

kocht am 24. Juli ab 16.00 auf dem Schusterplatz. Flyer folgt….

bis dahin ein sehenswerter Film zur Armutsindustrie der Ein Euro Job-Ausbeuter von AWO, Gesa, Caritas und Co…

Derzeit entsteht ein neuer Markt rund um Armut und Hartz IV bei denen viele abkassieren, nur nicht die Betroffenen selbst. Die Reportage von der Autorin Eva Müller zeigt auf, wie Geschäftemacher mit 1-Euro-Jobbern und „subventionierten Mitarbeitern“ viel Geld „erwirtschaften“ und die Menschen selbst weiterhin in Armut gehalten werden. Müller greift ein brisantes Thema auf, dass bislang in den öffentlichen Medien kaum behandelt wurde. Um so wichtiger, dass möglichst viele Menschen die Reportage sehen.
Aus der Ankündigung: Florian Schneider ist arbeitslos und hat trotzdem jede Menge zu tun. Er nutzt einfach die Angebote, die sich für ihn und all die anderen, die ohne Arbeit leben, bieten: den Ein-Euro-Job beim privaten Träger, das kostenlose Bewerbungstraining, den Kurs zur gesunden Ernährung. All diese Einrichtungen geben Florian Schneiders Leben einen Rhythmus. Ob sie ihn wieder in Arbeit bringen ist fraglich, aber sie verdienen, oft vom Staat subventioniert, gut mit an seiner Misere.Ob in Braunschweig oder Berlin, in Bonn oder Stuttgart: „ARD-exclusiv“ erzählt, wie sich das Geschäft mit der Armut schleichend entwickelt. Die Zahl der Arbeitssuchenden ist einfach zu groß, und so verlässt sich der Staat immer mehr auf private Unternehmer, die Kurse anbieten, Praktika organisieren – für die aber auch jeder ‚Kunde‘, der wieder in Arbeit kommt, wirtschaftlich gesehen erstmal schlecht ist. Was hilft das alles Florian Schneider, der sich zwar ‚beschäftigt‘ fühlt, aber trotzdem kaum Chancen auf eine feste Stelle hat? Im Dunstkreis von Hartz IV entsteht: die Armutsindustrie.

Tischlein deck dich in der Synagoge

Koscheres Essen für Arme

In Berlin wird koscheres Essen an bedürftige Menschen verteilt. Die Idee dazu hatte Chaim Rozwaski, der Rabbiner der Charlottenburger Lev-Tov-Synagoge. VON JANA PETERSEN

Ein Keller in Berlin-Charlottenburg, Siegfried Jarosch stopft Gurken, Paprika und tiefgekühltes Fleisch in eine weiße Plastiktüte. Er legt noch ein paar bunte Süßigkeiten dazu, dann stellt er die Tüte neben vier andere. „Ist noch Schokolade da?“, fragt er. Nein, die ist schon weg. Es ist erst kurz nach elf, die koschere Tafel hat vor wenigen Minuten geöffnet.

Seit drei Wochen verteilen Jarosch und seine Helfer aus der Synagoge „Lev Tov“ jeden Donnerstag Lebensmittel an Bedürftige. Alles, was sie abgeben, ist koscher, „rein“ nach den jüdischen Speisegesetzen. Das Fleisch stammt von Tieren, die auf eine besondere Art geschlachtet wurden, Schweinefleisch ist nicht erlaubt. Milch und Fleisch werden getrennt voneinander aufbewahrt. Auf vier Tischen liegen koschere Süßigkeiten und Couscous, H-Milch, Mineralwasser und Brause. In einer Styroporbox lagern koscheres Fleisch und Würste, im offenen Tresen gibt es Kartoffeln, Orangen und frisches Challa, ein Zopfbrot, das traditionell am Sabbat gegessen wird.

Siegfried Jarosch ist 45, ein massiver Mann, sein grünes Hemd und die schwarze Hose spannen über dem Bauch. Er ist aktives Mitglied in der Synagoge und organisiert die Lebensmittelausgabe. Er begrüßt jeden, der die Treppe herunter kommt: „Sabbat Schalom!“ Sieben ältere russische Juden packen Gemüse in Tüten. „Wer Enkelkinder hat, nimmt sich Süßes mit“, ruft Jarosch. Er tanzt zwischen Gemüsesuppe, Fleisch und Bonbons, jeder soll genug bekommen.

„Jüdische Tafel“ hatten sie die Aktion genannt, nach der Tafel-Bewegung, die 1993 in Berlin gegründet wurde. Doch den Namen durften sie nicht behalten – der Begriff ist geschützt. „Im Prinzip finden wir die Idee gut“, sagt Annett Böhme von der Berliner Tafel, „aber wir wollen Verwechslungen vermeiden.“ Die Synagoge könne sich gern der Tafel-Bewegung anschließen, dann müsse sie sich aber auch an die Leitlinien halten.

„Wir kontrollieren nicht, ob jemand einen Hartz-IV-Bescheid hat“, sagt Jarosch, „für die Leute ist es schon schwer genug.“ Die Lebensmittel werden frisch gekauft, finanziert von Spenden aus der Gemeinde. Sie stammen nicht aus dem Überschuss von Supermärkten und Restaurants, wie es die Satzung der „Tafel“ vorschreibt. Deswegen heißt die Tafel jetzt „Schulchan Aruch“, auf Deutsch: „Der gedeckte Tisch“.

10 bis 25 Bedürftige kommen jeden Donnerstag. Eine von ihnen ist Ludmilla, 53, eine runde Frau mit Sonnenbrille im Haar. Sie möchte nicht, dass ihr Nachname in der Zeitung steht. „Ist das koscher?“, fragt sie. Dann packt sie ein Stück Fleisch in ihre Tüte. Ludmilla ist Russin, ihr Mann Jude. Sie lebt von 390 Euro Rente, ihr Mann bekommt 210 Euro. Wie fühlt sie sich bei der Tafel? „Armut ist nicht leicht,“ sagt sie, „aber die Leute sind nett hier, das macht die Sache ein bisschen besser.“

Die Idee zum „Gedeckten Tisch“ stammt nicht von Jarosch: „Ich bin nur Mittäter, er ist der Vordenker.“ Er, das ist Chaim Rozwaski, 73, der Rabbiner der Lev-Tov-Synagoge. Rozwaski trägt Nadelstreifen, Strohhut und Vollbart, ein bisschen sieht er aus wie Hemingway. Er weiß, was es heißt, zu hungern, als Kind hat er den Holocaust überlebt. „Es ist ein Skandal der westlichen Zivilisation, dass es Obdachlose und Hungernde gibt“, sagt er. Den Anteil der Bedürftigen unter den mehr als 12.000 Berliner Juden schätzt er ähnlich hoch wie in der sonstigen Bevölkerung. Rozwaski sieht in Armut keinen Grund zur Scham, manchmal sei es sogar ein Segen, arm zu sein – und Reichtum ein Fluch. Dann erinnert er sich an Kennedy, der den Traum hatte, jemanden zum Mond zu schicken. „Das hat er geschafft“, sagt der Rabbiner. „Aber es ist doch viel leichter, Menschen gut zu versorgen, als jemanden zum Mond zu schicken.“

Erinnerungen an die Basisgruppe Spandau

Auszüge aus „Ich habe mir eine Geschichte geschrieben“ (1983)
von Inga Buhmann

Es war kurz nach den turbulenten Ostertagen. Die durch die Ereignisse aufgerüttelten Emotionen sollten in langfristige politische Tätigkeiten münden. Es bot sich an, Stadtteilgruppen zu gründen. Schon im letzten Winter hatten sich im SDS Arbeiterprojektgruppen gebildet, die über das Anmieten von Läden diskutierten, um in den Arbeiterbezirken lokale Basen zu schaffen. Dieser Gedanke wurde jetzt aufgegriffen. Die verschiedenen Projektgruppen des SDS teilten unter sich die Bezirke der Stadt auf. Starke Gruppen gab es in Wedding, Moabit, Kreuzberg, auch in Wilmersdorf, Zehlendorf und später im Märkischen Viertel. Aus purem Trotz oder auch aus individueller Abenteuerlust entschied ich mich als einzige SDSlerin für Spandau, obwohl ich noch nicht einmal genau wußte, wo dieser Stadtteil in Berlin lag. So zufällig kam eine Entscheidung zustande, die für mein Leben äußerst folgenreich werden sollte. Gleichzeitig bot ich an, daß unsere Wohnung in der Dahlmannstraße für die erste Zeit die Funktion einer Koordinationszentrale für die verschiedenen Basisgruppen übernehmen sollte. Ich hatte schon lange auf die Möglichkeit gewartet, selbst mit Jugendlichen zusammenzuarbeiten und nicht nur immer Flugblätter zu verteilen oder zu diskutieren. Jetzt bot sich mir die Gelegenheit, und ich ergriff sie begierig. Ich stand von Anfang an voll dahinter, offen für neue Erfahrungen und mit der Bereitschaft, mich selbst zu verändern…

Auf einem der folgenden Teach-ins gaben die verschiedenen Basisgruppen ihre Adressen bekannt und sammelten Interessierte. Wir saßen alle an einem Tisch in der Vorhalle. Ich hatte vor mir ein Schild »Basisgruppe Spandau« hingestellt. Kurze Zeit später kam ein junger Arbeiter, Enrico, zu mir und erzählte aufgeregt, daß es in Spandau eine Gruppe von Arbeitern und Schülern gäbe, die schon seit längerem bei Demonstrationen mitmachten und seit einem Monat einen Arbeitskreis über Vietnam gebildet hatten. Ob ich nicht Lust hätte, dort mal hinzukommen. Und ob ich Lust hatte!
So zog ich eines Abends los; über umständliche Busverbindungen gelangte ich schließlich an den besagten Ort-Spandau liegt immerhin mehr als zehn Kilometer von der Stadt, wie Berlin von den Spandauern genannt wird, die sich noch immer als uneingegliedert empfinden, entfernt.

Die Gruppe tagte in der Wohnung von einem Schüler – es wohnten noch alle bei ihren Eltern. Ich wurde freundlich empfangen und erzählte, daß ich vom SDS käme. Der SDS war für sie wie für die meisten damals »anpolitisierten« Jugendlichen ein Mythos, und in dem Ausmaß, wie damals gegen die Studenten gehetzt wurde, hatten sie sich mit ihm identifiziert. Obwohl ich erzählte, daß ich eigentlich gekommen sei, um zu lernen, um neue Erfahrungen zu machen und um ihnen die wichtigsten Informationen vom SDS zu vermitteln, wann wo was stattfindet und wo man die Plakate und Flugblätter abholt, geriet ich schnell in die Rolle einer Autorität, was ich wohl auch genoß. Außer mir kam noch Homännchen aus der Stadt, ein älterer Trotzkist, der seit Jahren bei den Falken mit Jugendlichen gearbeitet hatte und ebenso unermüdlich wie zurückhaltend war. Erst nach einem Jahr wagte er es, offen für seine Organisationsvorstellungen zu werben; und als es ihm nicht gelang, die Basisgruppe dafür zu erwärmen, verließ er zusammen mit drei Arbeitern die Gruppe, um im »Spartacus«, einer neugegründeten trotzkistischen Organisation, tätig zu werden. Wir mochten ihn und fanden die Art, wie er bei jeder Sitzung genußvoll seine Butterbrote auspackte und langsam aufaß, sympathisch. Er hatte nichts von einem studentischen Agitator an sich, sondern ließ alles mit Geduld an sich herankommen und sah selbst unseren wildesten antiautoritären Ausbrüchen mit Gelassenheit zu.

Typisch für meine Unerfahrenheit im Umgang mit proletarischen Jugendlichen war es, daß ich mit meiner Arbeit über die »Frühschriften« von Marx anrückte, als die Gruppe den Wunsch äußerte, sich über Marx zu informieren. Nachdem ich zwei Seiten aus der Arbeit vorgelesen hatte, merkte ich, daß sie niemand verstehen konnte, und mußte über mich selbst lachen. Die Gruppe bestand anfangs aus rund zwölf Jugendlichen. Die meisten von ihnen waren Arbeiter, die vor kurzem ihre Lehre abgeschlossen hatten, einige andere jobbten als Hilfsarbeiter und drei waren Schüler, die kurz vor dem Abitur standen. Alle kannten sich schon länger und wohnten in der gleichen Gegend. Ich bin sicher, daß es damals viele solcher spontan entstandenen Grüppchen in Berlin gegeben hat. Sie waren begierig, an den Aktionen der Studenten teilzunehmen, und wollten viel lernen und selbst lesen, vor allem die Klassiker des Marxismus und die Klassiker der »Psychologie«. Diese Interessen wurden mir gegenüber in aller Bestimmtheit vorgetragen. So kam bald der Zeitpunkt, wo meine anfängliche Autoritätsrolle sich auflöste und ich gemeinsam mit ihnen neue Erfahrungen machte, mich auch bei der Lektüre dieser Texte selbst neu entdeckte. Leider gab es wenige brauchbare Schriften. Wir lasen wohl Marx, Freud und Reich, doch mußten wir meistens die Lektüre nach ein paar Abenden wegen der zu komplizierten Sprache beenden. Am ehesten ließen sich noch Reich »Der Einbruch der Sexualmoral«, »Der sexuelle Kampf der Jugend« und »Massenpsychologie des Faschismus« verwenden….

Ebenso wichtig wie die Lektüre und die Gespräche waren unsere gemeinsamen Aktionen. Selbst das Kleben von Plakaten in der Nacht wurde für mich in dieser neuen Umgebung ein Abenteuer. Es sprach sich in Spandau schnell herum, daß eine Stadtteilgruppe entstanden war; in ein paar Wochen waren wir fünfzig. Jetzt kamen vor allem Schüler, auch mehr und mehr Mädchen, die anfangs wohl zu große Scheu hatten, bei uns mitzumachen. Unsere größte Schwierigkeit war, daß wir nicht wußten, wo wir uns treffen sollten. Niemand hatte eine eigene Wohnung; und bei den Eltern konnten wir mit so einer großen Anzahl nicht mehr auftauchen. Schließlich, ein paar Monate später, fanden wir einen alten Schuppen auf einem Hinterhof in der Segefelder Straße, den wir ausbauten. Er war äußerst primitiv. Die gemeinsame Renovierung dieses verfallenen Raumes brachte uns noch näher zusammen. In nächtlichen Aktionen wurden Baumaterialien beschafft, Zementsäcke und Bretter; einige brachten von zu Hause alte Möbel mit und einen Kanonenofen, der entsetzlich stank.
Bevor wir den Schuppen hatten, trafen wir uns oft auf der Straße, teilten uns beim Plakatekleben in Grüppchen auf, jedes mit einem Eimer voll Klebstoff und einem Pinsel. Einmal wurden wir dabei erwischt und verbrachten die Nacht auf der Spandauer Polizeiwache, aber es war dort eher lustig als bedrohlich. Im Gegensatz zu anderen Gruppen holten wir uns die Plakate und Flugblätter, die wir vor den Betrieben und Schulen verteilten, vom SDS ab und produzierten noch keine eigenen; wir waren zu sehr mit unserem Kennenlernen und der Konsolidierung der Gruppe beschäftigt…

Auf der großen Mai-Demonstration in diesem Jahr 1968, an der in Berlin um die 50000 Demonstranten teilnahmen, bildeten wir einen kleinen eigenen Trupp und waren sehr stolz, daß wir schon so viele waren. Die Stimmung war oft so, als stünde die Revolution dicht vor der Tür….

In Spandau waren wir bis Ende des Jahres noch ganz mit der Konsolidierung unserer Gruppe beschäftigt. Das Bedürfnis, selbst besser durchzublicken, führte zu einem unstillbaren Lesehunger – leider gab es nur wenige geeignete Texte. Das hinderte uns aber nicht daran, an allen nur möglichen Aktionen und Teach-ins in der Stadt teilzunehmen; ein großer Teil von uns nahm am 11.Mai an der Sternfahrt nach Bonn teil, um gegen die Notstandsgesetze zu protestieren….

Im Sommer kümmerten wir uns um eine Obdachlosensiedlung in Haselhorst, einem Stadtteil von Spandau; die Leute dort sollten rausgeschmissen werden oder höhere Mieten bezahlen, denn es war geplant, die Wohnungen in Sozialwohnungen umzuwandeln. Es gelang uns, eine kleine Demonstration mit Megaphon zu organisieren und in der fast dörflichen Siedlung auf dem Platz eine Mieterversammlung zustande zu bringen. Inzwischen hatte die Spandauer SPD davon Wind gekriegt und einige Abgeordnete geschickt, die beschwichtigende Reden hielten und die Zusage machten, daß die Leute dort wohnen bleiben dürften, daß die Obdachlosenwohnungen nicht in Sozialwohnungen umgewandelt würden und daß sie sich nicht von den Radikalen aufhetzen lassen sollten, denn dann würden sie sowieso nichts erreichen. Die anfangs murrende und wütende Menge wandte sich angesichts der freundlichen Zusagen immer mehr den SPDlern zu. Wir freuten uns, daß wir etwas erreicht hatten, doch beschlossen wir, daß wir Mietprobleme nur noch politisch aufgreifen wollten, wenn wir auch sonst in Verbindung mit den Betroffenen ständen, also auch in der Lage wären, gleichzeitig andere Probleme anzupacken. Solche abgelösten Initiativen konnten, wie uns schien, zu leicht reformistisch gelöst werden, ohne daß sich die Menschen dabei veränderten. Und wir selbst würden dabei in die Rolle der außenstehenden Agitatoren geraten.

Von allen Aktionen in diesem Jahr erinnere ich mich am intensivsten an die »Schlacht am Tegeler Weg«, wie sie später genannt wurde, im November 68. Es ging um ein Ehrengerichtsverfahren gegen Horst Mahler….Voller Stolz erzählten mir die Spandauer, die sich an der Demonstration heftig beteiligt hatten, daß sich in ihren Betrieben viele Arbeiter mit unserem militanten Vorgehen solidarisiert hatten. »Denen habt ihr s aber gezeigt«, war der Tenor. Für diese Stimmung sorgten vor allem die Zeitungsüberschriften am nächsten Tag: »130 Polizisten bei Straßenschlacht verletzt«, »Aufgepeitschte Jugendliche üben Terror aus«. Wichtig war, daß wir Solidarität gezeigt hatten, und nicht nur mit Worten, daß wir es uns nicht gefallen ließen, daß einer von uns stellvertretend für die anderen herausgegriffen wurde. Das wurde verstanden und trug dazu bei, das Vorurteil der Arbeiter abzubauen, die meinten, daß diese linken Krakeeler und Intellektuellen ja doch nur an ihrem eigenen Fortkommen interessiert seien und sich drücken würden, wenn es darauf ankommt.

Zu der Zeit waren wir bei unseren Treffen in Spandau so viele, daß wir nur noch mit Mühe ernsthaft über die verschiedenen Probleme diskutieren konnten. Wir beschlossen deshalb, uns in Arbeitskollektive aufzuteilen. Außerdem hofften wir dadurch, die Dominanz einiger Autoritäten, die die Versammlungen durch ihre größere Sprachgewandtheit beherrschten, einzudämmen. Am Anfang wurde in den Kleingruppen vor allem gelesen und diskutiert; später entstanden daraus praktische Projekte, wie Betriebszeitung, Jugendarbeit und eine allgemeine »Sexpol«-Kampagne. Jede Woche gab es eine Zusammenkunft für alle, die aber meistens so chaotisch verlief, daß wir schließlich, im Januar 69, daraus ein wöchentliches Delegiertentreffen machten. Aus jeder Gruppe sollte ein fester und ein wechselnder Delegierter kommen, die die Aufgabe hatten, die Informationen an die Gruppen zurückzutragen. Das Modell hat nie richtig geklappt; es kamen halt doch die Autoritäten, und dann kamen auch viele andere oder es kam kaum jemand. Zwischendurch gab es Vollversammlungen und Wochenendseminare, bei denen wir gemeinsam in irgendwelchen Jugendheimen übernachteten…

Als die Betriebsarbeit immer mehr in den Vordergrund trat, wurden die Psychogruppen nach gängigen politischen Normen immer mehr an den Rand gedrängt und als sekundär betrachtet…

Als sich in Siemensstadt eine Gruppe von Neuen bildete und niemand aus Spandau dorthin wollte, weil der Weg zu weit war, bot ich mich an, da Herbert und ich inzwischen ein Auto besaßen, und fragte Dorothea, die gern die Basisgruppe, von der ich ihr viel erzählt hatte, kennenlernen wollte, ob sie Lust habe, mitzukommen. Es war eine Gruppe von jungen Arbeitern und Lehrlingen aus verschiedenen Betrieben und drei Schülern. Wir versuchten uns an Texten über die Arbeiterbewegung, die wir aber fast alle als zu schwierig beiseite legten. Schließlich konzentrierten wir uns ganz auf die Herstellung unserer ersten Betriebszeitung für Ohrenstein &: Koppel. Die Gruppe selbst hat sich in einem Info mit ein paar Sätzen vorgestellt:

»Arbeitsgruppe Siemensstadt«, Donnerstag, 19.30 Haben weitgehend die Betriebszeitung für 0. u. K. mitgestaltet, beschäftigen uns jetzt mit Arbeiterkontrolle. Wir bereiten seit kürzester Zeit die Revolution vor, haben aber noch große Schwierigkeiten, Beteiligung ca. fünf bis zehn Leute. Zusammensetzung: 2 Lehrlinge, 4 Arbeiter (3 in Groß- oder Mittelbetrieben, 3 in kleineren Betrieben), 3 Schüler und 2 Studenten.

Wir hatten uns für Ohrenstein & Koppel entschieden, weil dort mehrere Arbeiter aus der Basisgruppe tätig waren, so daß wir ziemlich viele Informationen hatten, und weil es ein mittelgroßer, überschaubarer Betrieb (1000 bis 2000 Arbeiter) war. Erst später wagten wir uns an Siemens heran, und dort zuerst an die Abteilungen, wo einige von uns arbeiteten.
Wir waren im Lauf der Zeit immer mehr zu der Ansicht gekommen, es sei wichtig, auch mit Betriebsarbeit zu beginnen, zumal viele von uns selber Arbeiter waren….

Das Verteilen der ersten eigenen Betriebszeitung war ein Abenteuer, denn wir wußten nicht, wie die Arbeiter reagieren würden, zumal vor diesem Betrieb bisher selten etwas verteilt wurde. Es ist dann tatsächlich in den Abteilungen viel diskutiert worden, allein schon deshalb, weil es eine Überraschung war, daß es für Ohrenstein & Koppel eine eigene Zeitung mit genauen Berichten über die Betriebskonflikte gab. Die Zeitung wollte nicht nur Betriebskonflikte, sondern auch allgemein politische Themen aus dem Bereich »Sexpol« aufgreifen. Für uns war es auch wichtig, daß wir die Zeitung selbst herstellten. Wir hatten Anfang des Jahres einen Laden in der Seeburger Straße gemietet. Es gab zwei Arbeitsräume, einen Wohnraum, eine Küche und einen großen Keller für 180 DM Miete im Monat. Wir übernahmen die Räumlichkeiten in einem völlig desolaten Zustand. Von den Wänden bröckelte es, und auf dem Boden lagen Berge von Schutt herum. Der Keller war ein einziges großes, dunkles Loch. In gemeinsamer Arbeit richteten wir den Laden her. Es war mühsam und schleppend, aber mit schönen Erlebnissen verbunden, wenn wir dabei Lieder sangen, uns anpflaumten, gegenseitig bewarfen und anschließend in die Kneipe gingen. Es war unser Laden.

Schließlich besorgten wir für den Keller eine Druckmaschine, so daß wir ab jetzt unsere Zeitungen und Infos selber drucken konnten. Oft legten wir die ganze Nacht hindurch die einzelnen Blätter zu Zeitungen zusammen, indem wir nacheinander um einen großen Tisch herumgingen, damit wir sie am nächsten Morgen rechtzeitig vor den Betrieben verteilen konnten. Es war ein schönes Gefühl, die fertigen Zeitungen in der Hand zu halten, nachdem wir an allen Phasen ihrer Entstehung teilgenommen hatten. Es war ein gemeinsames Produkt….

Der Sommer 69 war in der Basisgruppe durch den Beginn der Betriebsarbeit und durch ideologische Auseinandersetzungen bestimmt, an denen ich nur widerwillig teilnahm. Es sollte endlich eine Klärung der politischen Linie erfolgen. Das war um so notwendiger, als sich ein kleines Grüppchen von Genossen der SEW angeschlossen hatte und nun versuchte, möglichst viele mitzuziehen und alle Diskussionen durch ihre festen Parteivorstellungen zu boykottieren. Außerdem hatten sie zum 1. Mai ein für uns unannehmbares Flugblatt verteilt, das sie mit »Basisgruppe und Kreisverband Spandau der FDJ-West« unterzeichneten, so daß der Eindruck entstand, wir alle würden diese Position vertreten. Deshalb beschlossen wir, Ende Juni ein Wochenendseminar zu machen, auf dem die verschiedenen Konzeptionen dargelegt und diskutiert werden sollten. Wir meinten, am ehesten eine Klärung durch eine Diskussion über die verschiedenen Modelle von Mitbestimmung, von Arbeiterkontrolle und von Arbeitermacht (revolutionäre Betriebsorganisation) zu schaffen. In einem Info druckten wir einige Texte ab, damit sich alle Gruppen damit auseinandersetzen konnten und den gleichen Informationsstand hatten: »Auf dem Weg zur Arbeiterkontrolle« von Hugh Scanion und den Beitrag »Die Arbeit der K.A.P.D. auf dem Moskauer Kongreß« sowie die Gesetzesentwürfe zur Mitbestimmung von der SEW, der SPD, des DGB und den IG-Metall-Entwurf.

In der Diskussion, an der sich allerdings nur wenige beteiligten, wurde festgestellt, daß alle Mitbestimmungsentwürfe tatsächlich nichts an der Lage der Arbeiter veränderten, sondern ihnen nur vorgaukeln würden, daß die Macht der Kapitalisten nun eingeschränkt sei. Die SEW-Genossen vertraten den Standpunkt, daß es aus taktischen Gründen notwendig sei, an diesen Forderungen und am Parlamentarismus festzuhalten. Die ganze Diskussion endete mit dem Ausschluß der SEW-Genossen. Diesem Ausschluß zuzustimmen fiel mir selbst sehr schwer, da er auch junge Arbeiter betraf, die seit Beginn der Basisgruppe dabei waren und die ich liebgewonnen hatte. Daß nun zur Klärung unserer Vorstellungen die KAPD herhalten mußte, daß auch wir in den Hut der Zwanziger Jahre griffen, fand ich makaber genug und unserer bisherigen Arbeit nicht angemessen. Auch die Sprache, die dazu benutzt wurde, stellte einen Bruch mit unserer bisherigen Praxis dar. Die Tendenz, die frühere Beteiligung am antiautoritären Protest als irrelevant und bürgerlich anzusehen, war unverkennbar. Jetzt galt nur noch Betriebspraxis.

Die Organisation des Proletariats muß dabei zwei Bedingungen erfüllen: sie muß gleichzeitig Kampforgan und Machtorgan (Verwaltungsorgan in der Phase der Diktatur des Proletariats) sein… Die kleinste Einheit der Revolutionären Betriebsorganisation ist die autonome Betriebsgruppe. Ihre Aufgabe ist es, die Arbeiterschaft in ihrem Betrieb auf die Machtübernahme systematisch vorzubereiten und gleichzeitig immer wieder die allgemein politische Perspektive aufzuzeigen.

Ich fand das alles nicht unsinnig und vertrat ebenfalls den rätedemokratischen Ansatz, doch erschien mir das Ganze zu plötzlich, zu aufgesetzt und zu bombastisch.

Diese Gedanken sind von einer kleinen Gruppe von Studenten in die Basisgruppe hineingetragen worden, die damals noch zu dem »undogmatischsten Flügel« der Linken in Berlin zählten.

Alles andere, was bisher als Praxis der Basisgruppe galt, eben in allen Bereichen gleichwertig anzusetzen, auch psychische und sexuelle Probleme ernst zu nehmen, die umfassende Entfremdung im Spätkapitalismus auch umfassend zu bekämpfen, wurde als antiautoritärer Ansatz unter den Tisch gekehrt. Ich fühlte mich hilflos und war enttäuscht, doch sah ich es als sinnlos an zu protestieren, da mir dies als eine allgemeine Entwicklung der Basisgruppe erschien, gegen die ich nicht mehr ankam, zumal sie von allen anderen Gruppen in Berlin gestützt wurde, die sich fast durchweg auf Betriebsarbeit beschränkten und nur sie als politische Arbeit ansahen. Da war das rätedemokratische Modell einer revolutionären Betriebsorganisation immerhin noch der radikalste Ansatz.

Tatsächlich verloren sich die großen, von der KAPD geborgten Worte bald wieder, und es blieb eine vage, aber doch festsitzende Vorstellung von Rätedemokratie in den Köpfen, die vorerst eine weitere Dogmati-sierung verhinderte. Außerdem konnte der antiautoritäre Ansatz so schnell nicht verleugnet werden, da er ein integraler Bestandteil der Basisgruppe und ihrer Entwicklung gewesen war. Es gab immer wieder neue Psycho-Gruppen, die vor allem ein Emanzipationsbedürfnis hatten, und andere, die den Sexpol-Ansatz in die Jugendheime Spandaus trugen.

Im September kamen dann, für uns unerwartet, die wilden Streiks in Westdeutschland. Kaum einer hatte damit gerechnet, daß so etwas so bald möglich sein würde. Viele von uns waren in den Ferien. Wir beschränkten unsere Agitation auf Ohrenstein & Koppel, da bei Hoesch in Dortmund Tausende von Arbeitern ihre Arbeit hingeschmissen hatten, um mit der Parole »Dreißig Pfennig mehr für alle« durch die Straßen der Innenstadt zu marschieren. Die Ohrenstein & Koppel AG Berlin ist ein metallverarbeitender Betrieb mit etwa 1500 Beschäftigten und den Produktionsbereichen: Hydraulik-Bagger, BVG-Busse, U-Bahn und Waggons. Die Hoesch AG und die AGIV (Aktiengesellschaft für Industrie und Verkehrswesen) besitzen 75 °/o der Aktien.

In den Berliner Betrieben blieb es enttäuschend still. Immerhin kam es bei Ohrenstein & Koppel zu einem Warnstreik, bei dem ebenfalls, wie in Dortmund, eine Erhöhung der Effektivlöhne um dreißig Pfennige gefordert wurde. Die Geschäftsleitung, die mit dieser Unruhe gerechnet hatte, sagte schnell eine Erhöhung der Effektivlöhne um fünf Prozent zu, um es zu keinen größeren Ausschreitungen kommen zu lassen. Wir wußten, daß es nicht zuletzt durch die Agitation einiger Arbeiter aus unserer Basisgruppe und durch die Betriebszeitungen zu der Forderung von »Dreißig Pfennig mehr für alle« gekommen war, so minimal dieser Protest auch, verglichen mit dem, was in Westdeutschland geschah, sein mochte.

Ich hatte mich an der Betriebsagitation in dieser Zeit nur deshalb so intensiv beteiligt, weil zu viele Genossen in den Ferien waren. Sonst nahm ich an der Betriebsgruppe nicht teil, sondern begann sehr bald mit der Kinderarbeit im Falkenhagener Feld, einem Stadtteil von Spandau.

Der Ölberg kocht –

Vierte Woche – Quarta Settimana am 26. Juni 2009 auf dem Schusterplatz ab 16:00 Uhr

Hallo Allerseits!
Wir laden am 26. Juni ab 16.00 zum dritten Mal zum öffentlichen Kochen und Speisen auf den Schusterpatz in die Elberfelder Nordstadt ein. http://4woche.blogsport.de/
Die „Vierte Woche“ soll wieder eine öffentliche Demonstration gegen die unsoziale Verarmungs- und Vertreibungspolitik hier in Wuppertal und anderswo sein. Wir lassen uns weder vom Kommunalen Ordnungsdienst noch von anderen uniformierten Häschern vertreiben. Wir lassen uns die Beschneidung unserer sozialen Rechte nicht (mehr) gefallen. Viele von uns sind von miesen Löhnen, von Hartz IV und von Schikanen bei der Arge betroffen. Die MigrantInnen unter uns müssen sich vom Ausländeramt schikanieren lassen, Flüchtlinge sind zusätzlich von Residenzpflicht und Abschiebungen bedroht.
Wir haben in den letzten Monaten auf dem Otto-Böhne-Platz das Projekt „La quarta settimana“ die vierte Woche begonnen. Die Aktion ist inspiriert von den „Vierte Woche“– Aktionen der Prekären in Italien, die- wie die meisten von uns -am Ende des Monats kein Geld mehr in der Tasche haben. Sie treffen sich regelmäßig in der vierten Woche zu gemeinsamen Menüs und abschließenden Einkaufstouren und Kinobummel, um ihr Recht auf Teilhabe am gesellschaftlichen Leben durchzusetzen. Wir wollen uns ab jetzt jeden letzten Freitag im Monat treffen, um in Zeiten von Hartz VI, Kurzarbeit, Niedrigrenten, Studiengebühren und 1 Euro Jobs uns gemeinsam ein köstliches Menü umsonst und draußen zu kochen. Hierzu sind Alle mit Kindern und Enkelkindern herzlich eingeladen. Bringt eure Küchenmesser, etwas eßbares, was Ihr erübrigen könnt, Appetit und Hunger und gerne auch die ein oder andere Gitarre oder Gedichte mit.
Laden wir unsere Nachbarinnen und Nachbarn ein, uns gemeinsam einen Ort des Austauschs zu schaffen, gutes Essen und guter Wein in gemeinsamer öffentlicher Runde sind die Vorraussetzungen für einen Widerstand mit langem Atem, wilden Aktionen und guten Argumenten.

Weg mit Hartz IV- Würdige Lebensverhältnisse für alle, mindestens 800 Euro (ohne Miete) und 10 Euro Mindestlohn aber dalli!

Weitere Termine:

27. Juni 2009 Reclaim the langer Tisch
30. Juni 2009 10:00 „Soziale Stadt statt Döppersberg! Protest gegen den Spatenstich am Döppersberg mit Rüttgers
3. August 2009 Zahltag in der ARGE in Wuppertal“
Soziale Stadt statt Döppersberg!





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