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Aus Teufels Küche

Fritz Teufel, Gerald Klöpper, Ralf Reinders, Ronald Fritzsch

Am 6. Juli starb der ehemalige Kommunarde und Stadtguerillero Fritz Teufel im Alter von 67 Jahren. Im Januar 1979 dokumentierte KONKRET mit Teufel und anderen aus der Bewegung 2. Juni – das der „Stern nicht hatte drucken wollen.

Wie entstand die Bewegung 2. Juni? Welche persönlichen und politischen Erfahrungen führten dazu, Stadtguerilla zu machen und in den Untergrund zu gehen?

Abgesehen davon, daß am 2. Juni 1878 Kaiser Willem bei einer Ausfahrt im Tiergarten und während eines Staatsbesuchs des Schafts von Persien in Berlin Opfer eines Attentats wurde und mit schrotgespicktem kaiserlichen Hintern im Krankenhaus darüber sinnierte, was die Leute gegen ihn hätten, und abgesehen davon, daß am 2. Juni 1967, wieder während eines Staatsbesuchs des Schafts von Persien, in Berlin der Student Benno Ohnesorg vom Kriminalbeamten Kurras in vermeintlicher („putativ-“) Notwehr erschossen wurde, abgesehen davon also, entstand die Bewegung 2. Juni durch eine Anzahl mehr oder minder lustbetonter Geschlechtsakte mehr oder minder biederer deutscher Eheleute in den vierziger und fünfziger Jahren, bei denen die späteren Protagonisten, Freaks und Freiheitstriebtäter der Bewegung 2. Juni gezeugt wurden.

In der Fantasie von Staatsanwälten ist die Bewegung 2. Juni einer von verschiedenen Vereinen zur Begehung terroristischer Verbrechen. Mit Mitgliedern, Satzung, Chefs, Spezialisten und Sympathisanten. Die Gemeinnützigkeit dieser Vereine wird vom Establishment geleugnet.

In der revolutionären Fantasie anderer Leute ist die Bewegung 2. Juni eine subversive Kraft, die nach dem 2. Juni 1967 entstanden und gewachsen ist. Mit dem Schauplatz in Berlin. Berlin, als einer von vielen Schauplätzen autonomer Bewegungen zur Veränderung der Gesellschaft. Aus einer kapitalistischen Ausbeutungs- und Entfremdungshölle zu einer sozialistischen Gesellschaft freier Menschen. Ohne Herrschaft. Ohne Zwang.

Tatsächlich war die Bewegung 2. Juni Anfang der siebziger Jahre zunächst eine Art politisches Gesinnungsetikett für militante Aktionen gegen Besatzer, Klassenjustiz, Kapitalisten, Bullen und das verfilzte Dummbeutelregiment Berliner Lokalpolitiker.

Handelnde Leute waren immer aus der Szene oder Scene, die auftauchten, zuschlugen und verschwanden, wie es ihnen paßte. Nach bestem Wissen und Gewissen. Welche Erfahrungen diese Leute bewogen und bewegen? Die alltäglichen! Auf Schritt und Tritt die Fesseln der industriellen kapitalistischen Lebens- und Produktionsweise. Familie, Schule, Fabrik, Büro, Betrieb, Uni, Knast, Wohnsilo, der ganz gewöhnliche terroristische Irrsinn des kapitalistischen Alltags, der Jugendliche in aller Welt auf die Barrikaden und dazu trieb, mit neuen Formen des Zusammenlebens und des Kampfes zu experimentieren. Der Wunsch, selbständig zu leben. Nicht Anziehpuppe, Schräubchen, Roboter, manipulierter Konsumidiot einer von Profitinteressen gesteuerten gesellschaftlichen Als-ob-Natur zu sein.

Und was heißt Untergrund? Nach jeder Aktion, die nicht in den Kreis der allseits beliebten eigentümlichen Gesellschaftsordnung paßt, füllen die Bullen einen Tipzettel aus. Die und die und der und der könnten es gewesen sein. Polizeideutsch: „Mit Haftbefehl gesuchte terroristische Gewalttäter“. Und sobald du dein mehr oder weniger gelungenes Konterfei an den Litfaßsäulen entdeckst, kannst du wählen:

· Entscheidung für den Untergrund, den Polizeistaat, die Gesellschaft von gestern: stell dich der Polizei; laß dich gründlich aushorchen und beschnüffeln; ich wars nicht; vielleicht mein Kumpel; sitzt du notfalls ein paar Jahre auf Verdacht;

oder

· Entscheidung für den Untergrund, die Gesellschaft von morgen: leckt mich doch am Arsch; ein Leben auf der Flucht;

oder

· ist das Ganze vielleicht eine Bullenalternative? Die freie Wahl zwischen zwei mörderischen Existenzschablonen. Muß sich da für uns die Frage nicht ganz anders stellen? Das ist doch gerade die Aufgabe der Bewegung, die Schablonen und Zwangsjacken der Bullen unbrauchbar zu machen. Der Computer kennt nur ja oder nein, bzw. „I“ oder „O“ . Der Revolutionär kennt das Leben, lernt es von allen möglichen Seiten kennen. Es gibt fließende Übergänge zwischen Legalität und Illegalität. Leute, die nicht gesucht werden, können ungesetzliche Dinge tun. Leute, die gesucht werden, können jahrelang leben, ohne sich an irgendwelchen typischen Stadtguerillaaktionen zu beteiligen; etwa im Ausland leben, in Landkommunen oder mit. falschen Papieren in einem Büro, einer Fabrik oder sonstwo arbeiten.

Und was gestern erlaubt war, kann schon heute verboten sein, wie es den Herrschenden in den Kram paßt. In den letzten Jahre haben die ein paar Dutzend Leute in den Gefängnissen mit neuen Gesetzen regelrecht zugeschissen.

Haben theoretische Schriften dabei eine Rolle gespielt?

Wenn die Frage darauf abzielt, welche Schriften zwecks Staatsschutz aus dem Verkehr gezogen werden müssen, alle! Alles, was die Fantasie anregt, ist gefährlich. Indianerbücher, Reisebeschreibungen, Illustrierte (der dressierte Mann im „Stern“ ist unheimlich gefährlich.)

Ansonsten mögen diverse Schriften wohl Denkanstöße geben und Zusammenhänge vermitteln; die Motivation aber, bewaffneten Widerstand zu leisten, bezieht man aus den konkreten, praktischen Erfahrungen, der Rechtslosigkeit im Betrieb, der Wirkungslosigkeit verbalen Protestes, dem Normenterror, dem Widerspruch zwischen formalen Rechten und der realen Machtlosigkeit, sie auch tatsächlich durchzusetzen.

„Man soll sich den Schritt in die Illegalität nicht leicht vorstellen“ hat Horst Mahler gesagt. Wie verändert man sich in der Illegalität?

Man soll sich überhaupt nichts leicht vorstellen. Illegalität, Legalität, Fabrik, Knast, CDU, SPD – immer haben wir die freie Wahl zwischen igitt und pfuibäh. Keiner wird freiwillig illegal, und wenn wir illegalisiert werden, dann wehren wir uns gegen die Schablonen „Illegalität“ und „Terrorismus“. Wir wehren uns und leisten Widerstand. Genau wie das in allen anderen Lebensbereichen und Situationen möglich und nötig ist.

Illegalität ist nichts Besonderes, das kann jedem passieren, wie ein Tritt in die Hundescheiße. Das beweisen die Verfolgungen der Kernkraftgegner von Brokdorf und Grohnde ebenso wie die Razzien gegen die Frankfurter Frauengruppen z.B.

Wir werden uns hüten, Illegalität zu glorifizieren oder zu dämonisieren. Sie ist im Polizeistaat was ganz Alltägliches. Wir müssen nüchtern bleiben. Mahler hat mal gesagt: „Die revolutionäre Politik ist notwendig kriminell“ und wurde als Verfasser einer Broschüre genannt, die sich großer Beliebtheit erfreute. Damals stand er in einem Wald von Ausrufezeichen: Begreift endlich! Macht endlich! Tut was! Heute steht er in einem Wald von Fragezeichen und läßt sich dem gebildeten Publikum als antiterroristische Vogelscheuche präsentieren. Dabei ist Makler wohl immer aufrichtig; gelangte aber wie manch einer vom Überschwang der Begeisterung zum Überschwang der Bitterkeit.

Was not tut, ist ein nüchternes Verhältnis zur Wirklichkeit. Auch zur Wirklichkeit der Illegalität. Wir sehen im Mischwald der Wirklichkeit unseres progressiven Alltags Ausrufezeichen und Fragezeichen und manches A mit Kringel rum. Aktionsfähigkeit, Begeisterung und „drauf“ sein und die Fähigkeit zur Selbstkritik (wozu auch gehört, die Kritik anderer ernstzunehmen, auch wenn die Bullen jede Art von Kritik am Kampf für sich auszuschlachten bemüht sind) dürfen einander nicht ausschließen.

Versperrt nicht die Illegalität den Zugang zu den Massen, die man eigentlich erreichen will?

Illegalisierung ist ein Mittel der Bullen, Leute zu isolieren, die sie für gefährlich halten. Klar. Aber Isolation herrscht in allen Lebensbereichen; der Kampf gegen die Isolation, für Solidarität ist die Hauptaufgabe jeder revolutionären Praxis.

Aber nicht die Illegalität versperrt den Zugang zu den Massen, sondern der möglicherweise daraus resultierende stinkende Avantgarde-Dünkel.

Im übrigen sind wir keine Prediger, die „den Massen“ die Heilslehre bringen. Funktion der Guerilla ist es, die Möglichkeiten des Widerstandes gegen einen scheinbar allmächtigen Staat und seine Nutznießer aufzuzeigen und zu organisieren. Wenn KKW-Gegner durch Bauplatzbesetzungen oder Sabotage die Verwüstung ihrer Umwelt verhindern, wenn Frauengruppen Abtreibungsfahrten oder Kliniken organisieren, wenn Schüler sich durch anonyme Bombendrohungen einen Tag Befreiung vom Leistungsterror in den Lernfabriken erkämpfen, dann ist das auch eine Art Guerilla. Guerilla ist keine Religion, sondern die Kampfform gerade der Massen.

In der RAF gab es starke hierarchische Tendenzen. Wie sieht das in der Bewegung 2. Juni aus? Wie wurden Entscheidungen getroffen? Wie war das Verhältnis zur RAF?

Wir wissen nicht so viel über die RAF. Aktive RAF-Leute sagen immer, daß bei ihnen Zärtlichkeit und Kollektivität herrschen. Beim 2. Juni unterdrücken die Frauen die Männer und die Proleten die Studenten, sowie umgekehrt. Entscheidungen werden durch Würfeln oder Schlägereien getroffen, aber immer falsch.

Unser Verhältnis zur RAF ist sehr erotisch und verwandtschaftlich.

Karl-Heinz Dellwo hat geäußert, durch manche Aktionen würden die Sympathisanten vor den Kopf geschlagen. Ist es so, wie Bommi Baumann sagt, daß jetzt nach Gesetzmäßigkeiten gehandelt wird, die man nicht mehr selber bestimmt?

Es stimmt. Die Flugzeugentführung nach Mogadischu war volksfeindlich. Es gibt sogar eine Theorie, wonach es „populistisch“ sei, nach der Sympathie des Volkes zu gieren und revolutionär, sich einen Scheißdreck drum zu kümmern. Wir haben uns für den Populismus entschieden, weil es bei unserem blendenden Aussehen ohnehin unmöglich ist, die Sympathie der Volksmassen loszuwerden.

Bommi Baumann handelt nach der Gesetzmäßigkeit, daß er von Zeit zu Zeit Geld braucht und seine inzwischen bekannten Geschichten nur verkaufen kann, wenn er sich was Neues einfallen läßt. Wie z.B. atomare Erpressung durch „Terroristen“. Hier hört für uns der Spaß auf. Es waren rassistische Amis, die die ersten Atombomben auf japanische Millionenstädte werfen ließen. Und wir fürchten schon lange, daß die atomaren Profitgeier und die politisch Verantwortlichen nach dem ersten größeren KKW-Unfall oder Atomwaffenunglück den Volkszorn auf UNS lenken wollen.

Daß sich Bommi für sowas hergibt, zeigt, wohin es führen kann, wenn man sich zur Propagandanutte der Herrschenden machen läßt.

Sah die Bewegung 2. Juni bei ihrer Gründung die Bundesrepublik als faschistischen Staat an, wie sieht sie den Staat heute? Hat sich die Analyse entscheidend verschoben?

Quatsch! Die BRD war und ist nicht faschistisch. Aber die staatstragenden Bürokratien, allen voran Polizei und Justiz, funktionieren unverändert, nicht erst seit dem 3. Reich, sondern schon seit Kaiser Willem und auch in der Weimarer Republik im Sinne der Herrschenden, der Reaktion, des Kapitals. So ist es in jeder Klassengesellschaft. Und es sind diese staatstragenden Bürokratien, die besonders in Krisenzeiten Terror von rechts absegnen und Terror von staatswegen betreiben.

Dabei fühlt sich der einzelne Richter, Staatsanwalt und Bulle durchaus „unbefangen“. Der Repressionsapparat funktioniert durch (preußischen) Drill und (Klassen-) Reflexe. Blind wären wir, wenn wir keinen Unterschied sähen zwischen Freislerschen Verhandlungen am Nazi-Volksgerichtshof, die in 10 Minuten zu dem Urteil „Rübe ab“ führten, und unserem Prozeß, der sich über Monate und Jahre hinquälen wird, zu einem Urteil, das kaum weniger feststeht, aber immer bemüht, den rechten staatlichen Schein zu wahren. Wir dürfen sogar noch Interviews geben, – sehr nett!

Knuts Vater ist jetzt Wuppertaler

Wuppertal. Ein prominenter Neuzugang aus Berlin wird jetzt im Wuppertaler Zoo einziehen: Lars, gesetzter Eisbär-Mann des Jahrgangs 1993 und Vater von niemand anderem als Deutschlands einstiger Kuschel-Ikone Knut. Der 16 Jahre alte Eisbär ist am Freitag in einem Transportkäfig von seinem neuen Pfleger aus Berlin nach Wuppertal gefahren worden. Er soll demnächst als Gefährtin von Wuppertals Eisbär-Dame Jerka (20) ins Gehege an der Hubertusallee einziehen.

Dort lebte bisher Eisbär-Mann Boris, der kürzlich im Alter von 30 Jahren gestorben ist – wie die Stadt erst jetzt mitteilte. Lars, der derzeit von den Medien abgeschirmt wird, muss sich zunächst ans neue Domizil gewöhnen, ehe er mit Jerka zusammengebracht werden kann. Versteht sich das Paar, könnte es auch noch einmal Eisbär-Nachwuchs in Wuppertal geben. fl




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