Archiv für Juni 2010

Hände hoch Überfall!

Die Gesellschaft des Spektakels, das Alltagsleben und die Kunst der Entwendung

Von Thomas Seibert aus der arranca 22

I.

Zwischen 1957 und 1971 war die Situationistische Internationale (SI) eine der radikalsten Bewegungen der Kunst und zugleich der Neuen Linken. Quer zur Trennung von politischer Aktion, künstlerischem Experiment und theoretischer Kritik wollte die SI aufdecken, dass und wie die institutionalisierten Formen der Politik, der Kunst und der Theorie vollständig in den massenmedialen Totalitarismus der „Gesellschaft des Spektakels“ integriert sind. Den Vorwurf der Integration ins Spektakel richteten die Situationisten auch und gerade gegen Personen und Gruppen, denen sie zeitweilig eng verbunden waren. Rücksichts- und Maßlosigkeit der Kritik herrschten auch im Innern. Über die Hälfte der rund 70 Mitglieder wurde ausgeschlossen, der Großteil der Übrigen kam dem Ausschluss durch Austritt zuvor. Am Ende ihrer Geschichte war die SI ein Gespenst, das in allen Revolten Europas umging und von den Massenmedien für den Pariser Mai ’68 verantwortlich gemacht wurde. Zu dieser Zeit zählte sie noch drei Mitstreiter; einer davon war Guy Debord, der sich schon früh zu ihrem Kopf stilisierte.

Was damals noch als parodistischer1 Versuch gelten konnte, einen theoretischen und praktischen Neuansatz vor Verwechslungen und Trittbrettfahrern zu schützen, verkehrt sich in sein Gegenteil, wenn die heutige Kritik die Ausschlüsse und Abgrenzungen von damals wiederholt. Tatsächlich beziehen sich die meisten Kommentare auf Debord, der damit endgültig zu dem Meistersituationisten wird, als den er sich darstellte. Während ihn einige in den Götterhimmel der Antikunst erheben, gilt er anderen als früher Theoretiker des „Medienzeitalters“. Im Dossier der Jungle World macht Stephan Grigat ihn sogar zum Vorläufer der Wertkritik. Grigat zwingt den Reichtum des situationistischen Experiments damit in die dogmatische Armut eines Hegelmarxismus zurück, für den sich die Kritik der gesellschaftlichen Verhältnisse auf die „massenhafte Aneignung kritischer Gesellschaftstheorie“ reduziert.2

Soll der Reichtum des Experiments gegen die Mängel seiner Ausführung und die dogmatische Wiederholung durch weniger begabte Nachfolger verteidigt werden, müssen seine Überschüsse und Widersprüche freigelegt werden. Deshalb wird die SI im Folgenden in den Kontext ihrer Entstehung und das Kräftefeld der Spannungen zurückgesetzt, an denen sie zerbrochen ist.
II.

Die SI entsteht nach dem Zweiten Weltkrieg und reflektiert insofern die autoritäre Restauration der bürgerlichen Gesellschaft ebenso wie die ihr folgende Durchsetzungsgeschichte der fordistischen Modernisierung. Ihre GründerInnen entstammen der intellektuellen Pariser Jugendsubkultur und werden durch ältere Künstler und Intellektuelle aus Dänemark, Holland, Belgien und Italien sowie durch Emigranten aus Nordafrika, Ungarn und Rumänien verstärkt. Gruppen aus München und London schließen sich an.

Anregungen liefern einerseits die Surrealisten um André Breton, andererseits die Existenzialisten um Jean-Paul Sartre. Die Übernahme von Theoriefragmenten wird durch heftige Polemiken verdeckt, mit denen sich die SI schnell Prestige erwirbt. Engere Beziehungen werden zur ex-trotzkistischen Gruppe Socialisme ou Barbarie3 und zum universitären Kreis um Henri Lefebvre4 geknüpft; auch hier erfolgen die fragmentarischen theoretischen Anleihen unter polemischer Distanzierung. Das Verfahren wird unter der Bezeichnung „Entwendung“ (détournement) zur Methode erhoben. Unterstellt wird, dass die subversiven Entdeckungen der Theorie, der Politik und der Kunst fortlaufend vom Spektakel entleert und ihm deshalb stets neu „entwendet“ werden müssen. Dabei kann sich die Entwendung überlieferter Diskurse und Praktiken immer nur am Fragment, nie am Ganzen bewähren: Während „der“ Marxismus oder „die“ Künstleravantgarden unwiederbringlich ins Spektakel integriert wurden, werden sich immer Bruchstücke der marxistischen, surrealistischen oder existenzialistischen Tradition finden, die mit subversiven Energien aufgeladen werden können.

Zu den wichtigsten Quellen der Entwendung werden nach eigener Auskunft „die Arbeiterbewegung, die moderne Kunst und Poesie und das Denken der Epoche der Aufhebung der Philosophie von Hegel bis Nietzsche.“5 Den unterschiedlichen Quellen ordnen sich allerdings unterschiedliche Personen bzw. Fraktionen zu. Folgt man der Fraktion um Debord, kommt es zwischen KünstlerInnen einerseits und TheoriepolitikerInnen andererseits zum „Streit zweier Linien“. Der Richtungskampf führt zum frühen Rückzug bzw. Ausschluss wichtiger Situationisten wie Guiseppe Pinot-Gallizio (1960), Constant Nieuwenhuis (1960) und Asger Jorn (1961) und wird 1962 mit dem Ausschluss der deutschen „Sektion“ der SI entschieden. Tatsächlich waren die Fronten nicht einfach auf den Widerspruch „Kunst“ versus „Theorie/Politik“ zu reduzieren.6 Auch die „Theoriefraktion“ war keinesfalls einheitlich; Attila Kotanyi (Ausschluss 1963), Anton Hartstein (Pseudonym Toni Arno, Ausschluss 1966) und Raoul Vaneigem (Austritt 1970) vertraten Positionen, die sich z.T. deutlich von denen Debords unterschieden.

Die Differenzen durchziehen auch den Begriff der „Gesellschaft des Spektakels“.7 Was darunter zu verstehen ist, lässt sich in drei Bestimmungen entfalten, die nicht nahtlos ineinander aufgehen. Immer geht es dabei um die Analyse einer Gesellschaft, die nicht nach dem Schema von „Basis“ und „Überbau“ kritisiert werden kann, weil die herrschende Ideologie nicht einfach mit den „Ideen“ der herrschenden Klasse, sondern mit dem Alltagshandeln und -verstand der vergesellschafteten Subjekte und ihrer Institutionen zusammenfällt.
III.

In einer ersten Bestimmung der Gesellschaft des Spektakels folgen die Situationisten der Marxschen Analyse des Warenfetischismus8, nach der die gesellschaftlichen Verhältnisse und die Beziehungen der Subjekte als Verhältnisse und Beziehungen von Dingen erscheinen. „Der fetischisierte Schein reiner Objektivität in den spektakulären Beziehungen verbirgt ihren Charakter als Beziehung zwischen Menschen und zwischen Klassen: eine zweite Natur scheint unsere Umgebung mit ihren verhängnisvollen Gesetzen zu beherrschen. (…) Wenn auch das Spektakel unter dem begrenzten Aspekt von ›Massenkommunikationsmitteln‹ (…) als einfache Instrumentierung erscheinen kann, die auf die Gesellschaft übergreift, so ist sie doch tatsächlich nichts Neutrales, sondern genau die Instrumentierung, die zu der totalen Selbstbewegung des Spektakels passt.“9

Die Situationisten radikalisieren die Analyse Marxens, indem sie zeigen, wie die gesellschaftlichen Beziehungen nicht nur als Beziehungen zwischen Dingen erscheinen, sondern darüber hinaus von den massenmedial erzeugten Bildern von Subjekten und Dingen überlagert werden: Stereotypen sozialer Rollen, modelliert nach den Bildern von kleinen und großen Stars; Bedürfnisse und Begierden, die sich nicht mehr auf andere Subjekte und nicht mehr auf Dinge, sondern auf beliebige DarstellerInnen inszenierter Posen und auf „Marken“ richten. Diese Bilder „vereinigen sich in einem gemeinsamen Strom, in dem die Einheit des Lebens nicht wiederhergestellt werden kann. Die teilweise gesehene Wirklichkeit entfaltet sich in ihrer eigenen, allgemeinen Einheit als abgeteilte Pseudo-Welt, als Gegenstand alleiniger Anschauung. Die Spezialisierung der Bilder von der Welt findet sich vollendet in der Welt des autonom gewordenen Bildes, in der sich das Verlogene selbst belogen hat. Allgemein ist das Spektakel als konkrete Verkehrung des Lebens die autonome Bewegung des Leblosen.“10 Von dieser gilt jedoch: „Die generalisierte Spaltung des Spektakels ist untrennbar vom modernen Staat, d.h. von der allgemeinen Form der Spaltung in der Gesellschaft, dem Produkt der gesellschaftlichen Arbeitsteilung und dem Organ der Klassenherrschaft.“11
IV.

Das Spektakel der Ware spaltet sich in eine Vielzahl von Spektakeln, die jeweils eine Sphäre des gesellschaftlichen Lebens repräsentieren. So gibt es das Spektakel der Politik, das Spektakel der Kultur, das Spektakel der Wissenschaft, der Kunst, der Religion, des Sports, des Sex und schließlich auch ein Spektakel der Revolte: „Das gesamte Leben der Gesellschaften, in denen die modernen Produktionsbedingungen herrschen, erscheint als eine ungeheure Ansammlung von Spektakeln. Alles, was unmittelbar erlebt wurde, hat sich in einer Repräsentation entfernt.“12

In der Kritik an der Ersetzung des „Lebens“ durch seine Repräsentationen greifen vor allem Asger Jorn, Toni Arno und Raoul Vaneigem auf die Kulturkritiken Nietzsches, Kierkegaards und der Existenzphilosophie zurück und denunzieren das Leben im Spektakel als „uneigentliche“ Existenzweise. Dem entspricht, dass in der Revolte jeder und jede einzelne mit sich den Anfang machen muss: „Weder Göttern noch Worten gelingt es heute, schamhaft diese Banalität zu bedecken, die nackt auf den Bahnhöfen und öden Bauplätzen spaziert. Bei jeder Ausflucht vor Dir selbst spricht sie Dich an, packt Dich bei der Schulter, tritt in Deinen Blick: der Dialog beginnt. Man kann sich nur mit ihr verlieren oder sie mit sich selbst befreien.“13
V.

Die Gesellschaft des Spektakels markiert drittens nicht nur den modernen Kapitalismus, sondern zugleich die gegenwärtige Epoche einer Universalgeschichte der Ideologie.14 Diese reicht vom Mythos über die Religion und die Philosophie bis zu den Ideologien der Moderne, d.h. bis zu Nationalismus, Liberalismus und Sozialismus. Im Spektakel kommt es zur nihilistischen Zersetzung15 aller Ideologien in massenmedial aufbereitete Fragmente. Was bis dahin Subjekt der ideologischen Repräsentation war – das Individuum, die Nation, der Staat, die Klasse – wird jetzt durch sein Spektakel parodiert: Spektakel des autonomen Individuums, der durch Blut und Sprache gebundenen Nation, des demokratischen oder sozialistischen Staats, der revolutionären Klasse. Dem entspricht, dass auch der Klassenkampf nur noch in spektakulär verstellter Form erscheint: im Weltmaßstab (damals) als Blockkonfrontation zwischen West und Ost, innergesellschaftlich im Ritual der alljährlichen Tarifverhandlungen und des Wahlkampfs.
Im Zerfall der Ideologien wird zuletzt der Ort sichtbar, an dem allein das Spektakel bekämpft werden kann: das Alltagsleben. „Indem sich das tägliche Leben immer mehr banalisierte, ist es in den Mittelpunkt unserer beherrschenden Gedanken gerückt. Keiner Illusion, ob heilig oder weltlich, kollektiv oder individuell, gelingt es noch, die Armut unserer täglichen Gesten zu verbergen. Die Bereicherung des Lebens verlangt ohne Zögern eine Analyse dieser neuen Armut und eine Vervollkommnung der alten Waffen der Verweigerung.“16 Auch deshalb sind der bzw. die einzelne das alleinige Subjekt der Revolte, das sich mit der „Rückkehr des Proletariats in die Geschichte“ zwanglos kollektiviert: „Die neue Welle von Aufstandsbewegungen verbindet heute die jungen Menschen, die sich abseits der spezialisierten Politik, sei es der Linken oder der Rechten, gehalten haben (…). In der nihilistischen Sturmflut werden alle Ströme eins. Die Revolution des Alltagslebens wird die Revolution derjenigen sein, die sich nicht mehr mystifizieren lassen und nicht mehr andere mystifizieren.“17
VI.

Der telekratische Populismus, in dem sich Berlusconi, Aznar, Schröder und Blair gleichen wie ein Supermarktleiter dem anderen, belegt die von den Situationisten vorhergesagte nihilistische Entleerung der gesellschaftlichen Kommunikation. Dennoch erscheint ihre Hypothese einer endgültigen Zersplitterung aller Ideologien vergleichsweise optimistisch. Während der politische Diskurs tatsächlich aufs Niveau der Reklame herabgebracht wird, verbinden sich modernisierte Varianten der geschlossensten Ideologien – Nationalismus, Rassismus, religiöse Fundamentalismen – mit einer massiven Aufrüstung der repressiven Staatsapparate. Obwohl die Situationisten stets auf den Zusammenhang zwischen der Spektakularisierung des Lebens mit der staatlichen Organisation der gesellschaftlichen Arbeitsteilung und der Klassenherrschaft verwiesen haben, blieb ihre Analyse den Bedingungen ihrer Epoche verhaftet. So hat sich die SI vom vorherrschenden Spektakel ihrer Zeit täuschen lassen – vom Spektakel des Fordismus. Weil sie den Fortschritt des Massenkonsums und den Ausbau des wohlfahrtsstaatlichen Klassenkompromisses für dauerhaft hielt, spielten Fragen des materiellen Überlebens in ihrer Konzeption der Alltagsrevolten ebensowenig eine Rolle wie der Widerstand gegen die ökonomische und politische Marginalisierung von sozialen Gruppen oder ganzen Gesellschaften. Insofern blieb ihre Praxis auf eine an den Künstleravantgarden des 20. Jahrhunderts orientierte subkulturelle Opposition beschränkt. Deren subversives Potenzial hat sich aber – wie am Spektakel des Pop zu erfahren – weitgehend aufgezehrt.

Die Mängel der Ausführung haben den Ansatz des Experiments allerdings nicht entwertet. Dies gilt für die Bestimmung des Alltagslebens als des wichtigsten Schauplatzes eines existenziell radikalisierten Klassenkampfs ebenso wie für den Anspruch, in der Verschränkung von politischer Aktion, künstlerischem Experiment und theoretischer Kritik über die institutionalisierten Formen linker Politik hinauszukommen. Sofern sie gerade auf die Spannung zwischen der nie ganz zu vermeidenden Integration ins Spektakel und dessen immer möglicher Subversion zielt, spricht vieles dafür, die Kunst der Entwendung auf die SI selbst anzuwenden. So haben die Situationisten vor dem Bruch mit Socialisme ou Barbarie die Idee verfolgt, ihre „Hyperpolitik“ der „Konstruktion von Situationen“ durch organisierte Eingriffe in den städtischen Alltag zu konkretisieren. Zusammen mit dem in Socialisme ou Barbarie aktiven Daniel Blanchard schrieb Debord 1960: „Eine revolutionäre Politik hat daher die Totalität der Probleme der Gesellschaft zum Inhalt. Zur Form hat sie die experimentelle Praxis eines freien Lebens im organisierten Kampf gegen die kapitalistische Ordnung. (…) Schon in der Gegenwart muss sie dort, wo sie existiert, so grundlegend wie möglich die Probleme einer revolutionären Mikrogesellschaft entwickeln und lösen.“18 Ein Jahr später gewann die SI den Multimillionär und Ausstellungsmacher Paolo Marinotti für den Plan, in Italien eine „situationistische Experimentalstadt“ zu errichten, die eine gebaute Kritik des Alltags und darin eine Doppelkritik von Utopismus und Reformismus zugleich sein sollte. Der Plan scheiterte, weil sich die SI das Recht vorbehielt, „ihre Konstruktion jederzeit in die Luft jagen zu können“ (ebd.). lm alltäglichen Zugriff auf die „Totalität der Probleme der Gesellschaft“ braucht die „experimentelle Praxis eines freien Lebens im organisierten Kampf“ vielleicht nicht gleich eine ganze Experimentalstadt, etwaige Förderer müssen auch nicht unbedingt auf die Liquidation des Projekts durch Dynamit hingewiesen werden. Die Möglichkeiten der Kunst und der Architektur, der theoretischen Kritik und der politischen Aktion können auch in kleineren Räumen „entwendet“ werden, die sich – mitten in der Stadt – zu Stützpunkten von Mikrogesellschaften entwickeln können. Solche Orte könnten dann zur lokalen Basis einer Internationale ohne „nationale Sektionen“ und ohne „Zentralrat“ werden. Die Aktualität, mehr noch: die Dringlichkeit solcher Experimente liegt gerade heute auf der Hand, an jedem Ort. Nichts spricht dagegen, in der Kunst der Entwendung so freimütig wie die Situationisten zu verfahren.

1. 1. Parodie, komisch-satirische Nachahmung mit dem Mittel der Übertreibung; im Fall der SI und ihrer nationalen „Sektionen“, ihrer „Weltkonferenzen“ und ihres von Debord dominierten „Zentralrats“ die Parodie der Dritten Internationale.
2. 2. Stephan Grigat, Der Fetisch im Spektakel. Zur Gesellschaftskritik Guy Debords. Jungle World 20/2001, S.18. Ähnlich wie Grigat argumentiert Anselm Jappe, der aus denselben Zusammenhängen stammt. Jappes Buch zu Debord ist noch nicht übersetzt.
3. 3. Der Gruppe gehören u.a. Cornelius Castoriadis, Jean-Francois Lyotard und Claude Lefort an; über die Beziehungen zur SI vgl. den Beitrag von Stephen Hastings-King in Roberto Ohrt (Hrsg.), Das große Spiel. Die Situationisten zwischen Politik und Kunst. Hamburg 1999, S. 61ff.
4. 4. Lefebvre war einer der wichtigsten Theoretiker der französischen Linken und verband marxistische und existenzialistische Positionen. Deutschsprachige Bücher finden sich nur noch in Bibliotheken oder im Antiquariat. Zu nennen sind v.a. Das Alltagsleben in der modernen Welt, Frankfurt/M. 1972 und die Kritik des Alltagslebens, Kronberg/Ts. 1977. Im Netz finden sich weitere Informationen unter www.praxisphilosophie.de/lefebvre.htm sowie ein Interview zu den Situationisten unter www.notbored.org/lefebvre-interview.html.
5. 5. G. Debord, Die Situationisten und die neuen Aktionsformen in Politik und Kunst. In: ders., Rapport zur Konstruktion von Situationen. Hamburg 1980, S. 73. Der Rapport ist das Gründungsmanifest der SI und einer der wichtigsten situationistischen Texte überhaupt.
6. 6. Die Geschichte dieser Spaltungen schlüsselt Roberto Ohrt in seinem Buch Phantom Avantgarde, Hamburg 1990 auf. Das Buch ist nicht nur das kenntnisreichste, es ist mit seinen vielen Fotos auch das schönste Buch, das zur SI publiziert wurde.
7. 7. Gesellschaft des Spektakels ist der Titel von Debords wichtigstem Buch, auf dt. zugänglich in der von Debord autorisierten Übersetzung der Edition Tiamat (Berlin 1996) und in einer abweichenden Übersetzung, die seit 1999 vom Wiener Revolutionsbräuhof vertrieben wird, rbh@inode.at. Die Differenz zwischen Debord und Vaneigem kann an dessen Handbuch der Lebenskunst für die jüngeren Generationen (Hamburg 1980) abgelesen werden. Weitere Texte verschiedener SituationistInnen bzw. kollektiv verantwortete Texte finden sich in der Sammlung Der Beginn einer Epoche. Texte der Situationisten (Hamburg 1995) sowie in kleineren Publikationen vor allem der Edition Nautilus. Toni Arno hat nach seinem Ausschluss eine locker verbundene internationale Gruppierung gegründet, die bis zum Ende der 70er Jahre in mehreren Sprachen die Zeitschrift Errata herausgegeben hat. Die deutschsprachigen Ausgaben sind über die Deutsche Bibliothek erhältlich oder antiquarisch zu erwerben.
8. 8. Ein Fetisch ist ein Gegenstand religiöser Verehrung und/oder sexuellen Begehrens, dem übernatürliche Kräfte zugeschrieben werden. In kapitalistischer Vergesellschaftung kommt dies Marx zufolge der Ware und dem warenvermittelten Verkehr der Subjekte zu.
9. 9. Gesellschaft des Spektakels, Wien 1999, S.24.
10. 10. Ebd., S.2.
11. 11. Ebd., S.24.
12. 12. Ebd., S. 1. Der Begriff der Repräsentation leitet sich vom lateinischen repraesentatio (Vergegenwärtigung, Vorstellung, Darstellung) ab und bezieht sich sowohl auf „Vorstellungen“ oder „Zeichen“ in ihrem Unterschied zur vorgestellten oder bezeichneten „Sache selbst“ wie auf Verhältnisse der Stellvertretung etwa in der Repräsentation von sozialen Gruppen durch Delegierte, Abgeordnete, Stars oder Institutionen (Klasse/Partei z.B.). Die Kritik des Spektakels ist immer eine Kritik der (theoretischen oder praktischen) Repräsentation.
13. 13. Vaneigem, Handbuch der Lebenskunst, S.15.
14. 14. Ein entscheidender Text hierzu ist Vaneigems Aufsatz Basisbanalitäten, abgedruckt in Der Beginn einer Epoche, S.122-149.
15. 15. Der aus dem lateinischen nihil (nichts) abgeleitete Begriff bezeichnet seit dem Ende des 18. Jhdts. die Verneinung bzw. Zersetzung aller überlieferten Werte, Ziele, Glaubensinhalte und Erkenntnismöglichkeiten.
16. 16. Handbuch der Lebenskunst, S.13.
17. 17. Ebd., S.166.
18. 18. Zit. n. Ohrt 1990, S. 236. Blanchard schrieb unter dem Pseudonym P. Canjuers.

Kölner AZ soll morgen früh geräumt werden!

Wie aus sicheren Quellen bekannt planen Polizei, Sparkasse und Stadt für
morgen früh (Dienstag 29.06.2010) die Räumung des Autonomen Zentrums Köln
(Wiersbergstr. 41).

Am Sonntagabend wurde bekannt das sich die Polizei auf die Räumung des
Autonomen Zentrums in der Wiersbergstrasse Vorbereitet. Die ehemalige und
lange leerstehende Kantine, wurde am 16.04.2010 besetetzt und dient
seitdem als Zentrum für autonome Kunst, Kultur und Politik. Aufgrund
angeblicher Sicherheitsmängel will die Sparkasse die Inhaberin des
Gebäudes ist dieses nun räumen lassen.

Die Besetzer_Innen haben mehrfach mit Statiker_Innen, Elektriker_Innen und
Architekt_Innen zusammen gearbeitet um die sichere Nutzung der Räume zu
gewährleisten und haben dies auch in Gesprächen mit Sparkasse und Stadt
dargelegt.

Das das Gebäude nun dennoch geräumt werden soll ist eine Kampfansage von
Sparkasse und Politik und zeigt wieder einmal das man sich nicht auf die
Politik verlassen kann sondern sein Leben selber in die Hand nehmen muss,
wie es im Autonomen Zentrum Köln die letzten 73 Tage geschehen ist.

Wir wollen uns die Räumung nicht gefallen lassen, deshalb kommt alle
vorbei und lasst uns gemeinsam für den Erhalt des AZ Köln Kämpfen.

Das Besetzer_Innen Plenum

Heute 28.06.2010 20:00 Großen Räumungsplenum
Morgen 29.06.2010 ab 06:00 AZ Verteidigen!

KOMMT ALLE SOLIDARITÄT IST EINE WAFFE!

basta-wuppertal.de/2010/06/fotos_abahlali_vierte_woche/

KOMM IN DIE GÄNGE

Hamburg meets Dortmund
14.07.2010, 19.30 Uhr, Künstlerhaus Dortmund, Sunderweg 1

Mit Michael Ziehl (KOMM IN DIE GÄNGE) und Peter Birke (AUTOR) beide
Hamburg und anschließender Diskussion: ZECHE PRELLEN – RECHT AUF STADT

Unter dem Motto »KOMM IN DIE GÄNGE« besetzten 2009 Künstler/innen in Hamburg einen leerstehenden Gebäudekomplex. Sie machten damit nicht nur auf ihre prekäre Arbeits- und Raumsituation aufmerksam, sondern mischten sich auch handgreiflich in die Auseinandersetzung um die Gestaltung und Vermarktung der Stadt Hamburg ein. »KOMM IN DIE GÄNGE« ist Teil einer städtischen Bewegung in Hamburg und markiert einen Ankerpunkt in den Kämpfen gegen ökonomische Aufwertung bei gleichzeitiger Verdrängung (gentrification) sowie für ein Recht auf Stadt.

Das Recht auf Stadt bedeutet die zentrale Mitbestimmung und Raumaneignung der Bewohner/innen im Stadtteil und bedeutet vor allem den Stadtraum (lokal) zu gebrauchen, anstatt mit ihm (global) Handel zu treiben. Die Veranstaltung soll einen Einblick in die Hamburger Situation (Motivation, Werdegang, Konflikte) geben und über den aktuellen Stand der Verhandlungen informieren.

Unter dem Titel „Zeche prellen – Recht auf Stadt“ möchte die Veranstaltung eine Verbindung zur Situation im Ruhrgebiet und zur Kulturhauptstadt Ruhr.2010 herstellen. Auch wenn astronomische Mietpreise und Verdrängungsprozesse im Ruhrgebiet bisher keine große Rolle spielen, ist ausreichend großer und bezahlbarer Raum für selbstorganisierte Kultur prekärer Über/lebenskünstler/innen begrenzt. Das die Städte Eigeninitiativen eher ordnungspolitisch – statt fördernd – begegnen, erscheint umso zynischer, denn Raum ist da: LAND FOR FREE. Vor diesem Hintergrund scheint es lohnenswert, den Diskurs für ein Recht auf Stadt im Ruhrpott anzustossen und über die Optionen künstlerischer Interventionen
zu diskutieren.

veranstaltet von INURA Ruhr, AG Kritische Kulturhauptstadt und KffB
landforfree.blogsport.de
k2010.blogsport.de
kffb-dortmund.de

„Bretter, die der Welt gestohlen bleiben können“

Ein etwas ahnungsloser Artikel von telepolis
Peter Mühlbauer 25.06.2010
Nicht, dass in Wuppertal ein Theater geschlossen wird, ist ein Skandal – der Skandal ist, dass weiter eine Oper mit Schulden finanziert wird
Bis 2014 sollen im Wuppertaler Stadthaushalt insgesamt 216 Millionen Euro eingespart werden. Das hundertdreißigseitige „Haushaltssicherungskonzept“ (HSK) (1), das Oberbürgermeister Peter Jung (2) von der CDU dazu präsentierte, enthält neben der Schließung von drei Freibädern, zwei Hallenbädern und zwei Bibliotheken auch Einsparungen bei der Straßenbeleuchtung, erhebliche Gebührenerhöhungen und Kürzungen im Sozialbereich.

Mit Abstand am meisten Aufsehen erregten bisher die geplanten Einsparungen bei den Zuschüssen für die städtischen Bühnen (3). Deren Förderung in Höhe von bislang 10,9 Millionen Euro soll bis 2014 nach und nach um 2 Millionen Euro reduziert werden, was dem Konzept zufolge ab Mitte 2012 eine Aufgabe des Schauspielhauses (4) als Spielstätte zur Folge hätte. Betriebsbedingten Kündigungen soll es dabei deshalb nicht geben, weil die Handwerker anderswo eingesetzt werden und die Schauspieler nur befristete Verträge haben. Zudem werden „organisatorische Verbundlösungen“ mit anderen Städten geprüft. Keine unbedingt unschlüssige Idee: Immerhin liegt Wuppertal auch nicht weiter vom Ruhrgebiet mit seinen zahlreichen Spielstätten entfernt als die Vororte anderer Großstädte.

Schauspielhaus Wuppertal. Foto (5): Andreas Praefcke. Lizenz: CC-BY-SA (6).

Trotzdem sorgte die geplante Schließung des Schauspielhauses für viel Medienaufmerksamkeit. Seitdem steht die Stadt als Symbol für die angebliche „Notlage“ der deutschen Kommunen. Dabei gerät ein bisschen aus dem Blickfeld, wie sehr sie weiterhin andere Bereiche subventioniert – darunter eine Stadthalle für eine knappe Million Unterhaltskosten im Jahr und ein Sinfonieorchester. Für die Tanztheater GmbH werden die Zuschüsse sogar um einige hunderttausend Euro erhöht und sollen 2014 – ohne „Sachleistungen“ – bei knapp 2,4 Millionen liegen, obwohl die Attraktion und Namensgeberin dieser Einrichtung im letzten Jahr starb. Auch das Opernhaus (7) und der Opernplatz wurden gerade frisch und für offenbar so viel Geld „umgestaltet“, dass die Stadtverwaltung Nachfragen zu den konkreten Kosten unbeantwortet lässt.

Von all dem ist in den Beschwerden wenig zu hören: Opernintendant Johannes Weigand (8) meint etwa, das Stadttheater müsse deshalb unbedingt erhalten werden, weil es eine identitätsstiftende Funktion habe und das Theater ebenso wie die Oper für die Jugend „eine großartige Übung für die Wirklichkeit“ wäre – was immer das sein soll. Und Holger Springorum (9), der Betriebsratsvorsitzende des Schauspielhauses, meint, sein Arbeitsplatz werde „gebraucht“, weil er „zum einen durch die Darsteller Identifikation biete, zum anderen bei jungen Leuten eher Anklang finde als die Oper“.

Die Stadt Wuppertal hat derzeit etwa 350.000 Einwohner. In den 1950er Jahren waren es noch 100.000 mehr. Das Theater besuchen davon höchstens ein paar Hundert, die Oper noch weniger. Beide Einrichtungen sind angeblich (10) teilweise so leer, dass sich auf der Bühne mehr Menschen befinden als im Zuschauerraum.

Auch wenn es Manchem wahrscheinlich nicht gefällt, muss man wohl objektiv konstatieren, dass Theater und Oper zwei Kunstformen sind, die im 21. Jahrhundert vorwiegend einer sehr, sehr kleinen Elite als Treffpunkt dienen. „Die Bühne“, so formulierte es Fritz Ostermayer (11) bereits in den Nuller Jahren, „sind die Bretter, die der Welt gestohlen bleiben können“. Ganz anders sieht es da im Bereich der Bibliotheken aus, wo im Zuge der HSK-Einsparungen gleich zwei Häuser geschlossen werden sollen. In diesem analogen Äquivalent zum Filesharing stiegen die Ausleihen seit 2005 bundesweit um etwa fünf Prozent.

Auch abseits des Kulturbereichs findet sich in dem angeblichen „Nothaushalt“ noch einiges, von dem man sich wundert, dass es mit Schulden finanziert wird: Ausgaben für einen Rosenmontagszug, „Ehrengaben für Ehejubilare und Altersjubilare“ sowie Zuwendungen für eine Vielzahl von Sport- und sonstigen Vereinen scheinen beispielsweise Ausgaben, die eher aus der Wahlkampfkasse der Parteien als aus dem Stadtsäckel finanziert werden sollten. Sogar für Städtebauförderungsmaßnahmen wollte der Wuppertaler Bürgermeister noch Geld ausgeben und dafür Schulden machen. In diesem Programm werden öffentliche Mittel für das Pflastern von Teerstraßen und Ähnliches verwendet. Hier zog jedoch die Bezirksregierung die Notbremse.

Das Soziale umfasst im Haushaltsplan 2010/2011 mit 4,5 Millionen Euro deutlich weniger als die Hälfte der Zuschüsse für Bühnen. Trotzdem soll auch in diesem Bereich eine knappe halbe Million eingespart werden. Wie viel davon genau bei der Hilfe für Obdachlose gestrichen wird, will die Stadtverwaltung nicht sagen. Doch einerlei, um wie viel es sich genau handelt: Sich ein Opernhaus und Obdachlose gleichzeitig leisten, ist auch eine Priorität, die man erst einmal setzen muss.
Links

(1) http://www.wuppertal.de/rathaus-buergerservice/medien/dokumente/20091117_HSK.pdf
(2) http://www.jung-wuppertal.de/oberbuergermeister/kultur-und-stadtentwicklung/
(3) http://www.wuppertaler-buehnen.de/
(4) http://www.wuppertaler-buehnen.de/index.php?id=633
(5) http://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Wuppertal_Schauspielhaus_2005.jpg
(6) http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.en
(7) http://www.wuppertaler-buehnen.de/index.php?id=12
(8) http://www.facebook.com/johannes.weigand?_fb_noscript=1
(9) http://publik.verdi.de/2010/ausgabe_05/gesell/report/seiten-12-13/A0
(10) http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,675093,00.html
(11) http://kundendienst.orf.at/orfstars/ostermayer.html

Telepolis Artikel-URL: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/32/32850/1.html




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