Archiv für März 2010

Archie verläßt die Welt

Und seine Freunde bleiben mit ihm hier
Von Erasmus Schöfer

Er macht immer noch Vorschläge. Und er lebt seine Vorschläge auch. Sein neuester Vorschlag ist, dem Tod, der einem richtigen Leben folgt, freundlich und mutig entgegenzugehen.

Eigentlich klingt mutig viel zu heldisch für diesen Mann namens Archie, der eine Inkarnation jener Freundlichkeit zu sein scheint, die Bert Brecht erhofft hat. Aber doch muß eine gehörige Por­tion Charakterstärke dazugehören, seinem absehbaren Ende nicht resignierend oder wehleidig, sondern mit entschlossener Heiterkeit gegenüberzutreten.

Archie Kuhnke hat eine schier unübersehbare Zahl von Freunden und Freundinnen, die man, ohne viel falsch zu machen, auch Genossinnen und Genossen nennen kann. Die lud er zu einem Abschiedsbegängnis – Fest will ich nicht sagen – in seinen Ostberliner Wohnort, da er beschlossen hatte, seinem Krebs keinen quälenden medizinischen Widerstand zu leisten.

Wenn man keinen bösartigen Gott mit einer teuflischen Hölle als Drohkulisse kennt, dann kann man guter Dinge dem zu erwartenden Nirwana ins nichtende Auge blicken. So dachte und empfand dieser vollbärtige, dionysisch wohlbeleibte und belebte Mann, als ihm kürzlich die Diagnose der tödlichen Krankheit gestellt wurde, und lud landesweit mit einem beherzten Brief an die Weggefährten zu einem prähumen Archie-Gedächtnis-Treffen ins Zentrum der Hauptstadt. Aus der plausiblen Überlegung, daß weder er selbst noch seine Freunde aus einer posthumen Trauerveranstaltung den Nutzen ziehen könnten, den ihnen die leibhafte Begegnung gewähren sollte.

»Ich gehöre zu den wenigen Menschen, die ihre letzten Wochen in gewissem Grade autonom planen und gestalten können. Gönnt mir dieses Glück. Auch wenn dieser Gedanke manchen von euch Schmerzen macht und Unwillen erzeugt. Experimentieren wir doch mal mit der Sepulcralkultur.« So bat er und überzeugte mit seinem außergewöhnlichen Wunsch.

Vor wenigen Jahren gab Archie Kuhn­ke, in dem Band »1968 – und dann?«, ganz wehrhaft und unangekränkelt die folgende Selbstauskunft:

»Zapatisten, buntes Antiglobalisierungsvolk, kämpferische Gewerkschafter, Bauern, die die Chemisierung verweigern, religiöse Egalitäre, Anti-Modernisierer, Gegner der Privatisierung alles Biologischen – oh ja, wir Veteranos fühlen uns bei ihnen gut aufgehoben in Hegels dreifachem Sinne.

Jawohl, keine antiquierten Delegierten, keine deformierten Deputierten, keine abwürgenden Aufwiegler; selber denken, selber reden, selber entscheiden, selbst eingreifen!

Wir Veteranos, sofern uns bisher nicht durch einsichtstiftende Dotationen die Realitäten erreichten, sondern wir durch Verbleiben in sozialer Unsicherheit bockig blieben – nicht umgekehrt! –, können nur hoffen, daß diese erfrischenden Bewegungen auch künftig unsere Fehler, die der Arbeiter- und anderen sozialen Bewegungen, zu vermeiden gelernt haben, und wir wünschen ihnen, daß ihr Shaker genügend Teile Witz, Toleranz, Militanz, Tango mixt und alles mit den nötigen Kräuterblättchen Dialektik, Lust, Liebe und Frechheit gewürzt ist und bleibt, auf daß dies der Todestrank der überflüssigen, überdrüssigen ökonomischen Unterdrückung werden kann!« (Atlantis-Verlag 2002).

Seine für ihn wichtigsten Jahre waren sicher die als Arbeiter, als Drahtzieher, Dreher und Betriebsrat in Düsseldorf bei Henkel, Klöckner, Daimler-Benz. Er hat sich ziemlich lange in der DKP engagiert, auch in der IG Metall, im Betrieb bei den »Vereinigten Alternativen« und gehört aber seit Jahren zu denen, die libertär mehr auf die Eigeninitiativen und selbstbestimmten Interessenvertretungen der Engagierten setzen, statt sich von den klassischen Arbeiterorganisationen und ihren Zielen bestimmen zu lassen. Ein luxemburgischer Sozialismus dürfte ihm als Leitstern vorschweben und er ist ein Mann, der das immer glaubhaft gelebt hat, indem er nicht nur die aus ihrem betrieblichen Arbeitsleben seiner Kolleginnen und Kollegen entstehenden Probleme zu seinen eigenen machte, sondern sie mitnahm in Museen, auf Wanderungen, zu Lektürekreisen, auf politische Reisen, diese Gelegenheiten zur eignen Entwicklung nutzend und zugleich das bereits Erworbene großzügig und mit leuchtenden Augen weiterschenkend.

Archie versteht es zu faszinieren und mit Leuten selig zu sein. So geht er auf sie zu, und seien sie ihm bis eben völlig unbekannt gewesen; ein kleiner Aufhänger, seine sokratische Neugier entzündend, genügt und er verwickelt sein Gegenüber in eine gemeinsame Erkundung. Und die ist lustbetont! Selten hat man ihn störrisch oder politisch verbissen erlebt.

Ich weiß nicht, ob ich ihn genußsüchtig nennen soll. Er bewunderte und pries Renaissancebilder und Exponate der Dokumenta, aber seine bacchantische Figur legt schon optisch den Schluß nahe, daß er auch leibliche Delikatessen sehr zu schätzen wußte. Diese Freuden hat ihm erst die Krankheit vergällt. Vor Jahren eingeladen in seine Neuköllner Wohnung wurde mir zuerst die umwerfende Fülle von Medien sämtlicher Gattungen präsentiert, zwischen denen zu schlafen war – am Morgen jedoch ein absolut überwältigendes Küchenfrühstück, dessen Variantenvielfalt und Üppigkeit meine Magenkapazität weit überforderte so wie es mein Beschreibungsvermögen noch heute übersteigt! Noch nie und nie wieder erlebte ich in einer kleinen Küche ein solch paradiesisches Frühstück! Es war wohl nicht nur ein Zeichen seiner Gastfreundlichkeit und Großzügigkeit, sondern eine politische Demonstration der möglichen Freuden einer klassenlosen Gesellschaft. Versteht sich, daß die guten Reden den Liebeskampf mit den Leckerbissen begleiteten.

An die hundert mit derartig ungewöhnlichem Lebenswandel erworbene Freunde, beiderlei Geschlechts, waren nun am an einem Wochenende im März der Einladung des Abschiedswilligen nach Berlin gefolgt. Sie kamen aus Nordrhein-Westfalen, Hessen, Niedersachsen, nicht wenige auch aus Berlin, wo Archie seit seiner Frühpensionierung sich stadt-, kunst- und menschenkundig gemacht hat. Sie versammelten sich am Samstag morgen im Haus der Demokratie und Menschenrechte, Robert-Havemann-Saal, den einige Freunde mit Fotos aus Archies kunstvollem Arbeitsleben angereichert hatten. Sonst nichts Feierliches: Ausreichend Stühle, Brezeln und Wasser im Vorraum, eine Leinwand, ein Projektor.

Zwischen den sich versammelnden meist älteren Personen, in schlaksigen Jeans und Pullover, merklich verschlankt, der Abschiednehmende, Freude verstrahlend jedem und jeder Neuankommenden ins Gesicht – er ließ keine Trauer, keine Bedrückung aufkommen. In ihrer Mitte stehend stellte Archie in einer reichlichen Stunde die locker Herumsitzenden allen mit den Kurzgeschichten von Begegnungen und Beziehungen vor, so schon einen kleinen persönlichen Lebenskosmos nachzeichnend. Der vergrößerte sich in den folgenden Stunden durch die in ungeplanter Reihenfolge von den Besuchern vorgetragenen eigenen Erinnerungen, Texten, Gedichten, den gezeigten Filmen, die auf direkte oder indirekte Weise Verbindung zum Leben des Scheidenden hatten. Sicher waren alle diese teils kunstvollen, teils eher liebevollen Preisungen für Archie eine Art Vergewisserung seiner eignen Überzeugung, die heißt: Ich habe richtig gelebt. Aber gleichzeitig hatte dieser Abschied auch einen aktiven Stiftungscharakter, indem hier und bei dem nachfolgenden Schmaus im nahen Volkspark- Restaurant Schoenbrunn sich politische Aktivisten kennen lernten oder wiederbegegneten, woraus sich neue Unternehmungen zu entwickeln versprachen. Oder, was auch nicht zu verachten ist, das Wissen um die Tätigkeiten Gleichgesinnter an voneinander entfernten gesellschaftlichen Orten rückenstärkend entsprang.

Am folgenden Morgen aber versammelten sich noch einmal ein halbes Hundert Menschen auf Archies Einladung im Großen Saal der Gemäldegalerie des Kulturforums zu einer dreistündigen Herausforderung der Art, wie er sie oft selbst mit Leidenschaft praktiziert hatte: Drei marxistische Kunstwissenschaftler, gelegentlich begleitet von Archies Einwürfen, erklärten den Versammelten vor den Bildern der italienischen Renaissance und der bürgerlichen Niederländer des 17. und 18. Jahrhunderts das Verstehen der in den Bildern zu lesenden ästhetischen Entdeckungen und der in ihnen sich ausprägenden sozialen Verhältnisse. Das war eine Anwendung der Methode, wie Peter Weiss sie geschildert hat – bei einer gemeinsamen Lektüre der »Ästhetik des Widerstands« hatte ich Archie in den frühen achtziger Jahren in Düsseldorf kennen gelernt. Für mich schloss sich hier der inspirierende Erfahrungskreis mit Namen Archie Kuhnke. Ich verabschiedete mich von ihm, um von diesem ungewöhnlichen Menschen und seinem für viele seiner Freunde vorbildlichen Farewell den Leserinnen und Lesern der jungen Welt Kunde zu geben. Ich denke, sie werden dir, Archie, ein Lebe wohl bis zu einem beherzten letzten Abschied wünschen. Wie ich es hiermit tue.

4.Woche findet in der 5. Woche statt!

Wegen der Versammlung gegen die Sparmaßnahmen verschieben wir das 4. Woche Essen ausnahmsweise auf den Dienstag, den 30. März ab 16:00 auf den Schusterplatz. Da soll dann auch die Sonne scheinen…

Es grüßt der Freundeskreis 4. Woche“

zur 4. Wocvhe Aktion: http://4woche.blogsport.de/2009/10/16/am23-oktober-is-wieder-4-woche/

2. Versammlung gegen das Sparpaket!

Basta-Wuppertal lädt zum 2. Treffen ein:

26. März 17:00 in der Börse Wolkenburg 100

Schön, dass am Montag vor’s Rathaus doch einige Menschen zusammen gekommen sind und nicht nur getrauert haben, sondern auch zu weiterem Protest aufgerufen haben. Um diesen weiter gemeinsam zu gestalten und voneinander mitzubekommen, was geplant ist, haben wir uns für Freitag, den 26. März wieder um 17 Uhr diesmal in der börse (Wolkenburg 100) verabredet. Schön wär’s, wenn es nicht nur beim ‚Nein gegen das Sparpaket‘ bleibt, sondern eine Diskussion in Gang kommt, was wir WuppertalerInnen denn überhaupt brauchen und wollen.

Aus wahltaktischen Gründen haben die großen Parteien sich die Freiheit genommen, dem Spardiktat von Cronenkönig Jung zeitweise die Unterstützung zu entziehen. Aber Vorsicht nach dem 9.Mai werden neue Vorschläge diktiert.

Wir sollten wachsam bleiben

Bis dahin also!

Die nächste Ratssitzung kommt schon bald.

Am Mittwoch wird es ernst

WSV gegen Bayern München II

alle hingehen!

Auf dem richtigen Weg?

Spardebatte…..

Wuppertal könnte die Krise nutzen – aber leider kackt die Stadt nur ab

Die Diskussion zwischen der Freien Szene auf der einen und dem OB, dem Kulturdezernenten und der Leiterin des Kulturbüros am 16. März in der Börse war engagiert und z.T. auch emotional, aber in keiner Weise „aufgebracht“ (Zitat WZ).

Auch gab es bei den städtischen Vertretern keine „betretenen Gesichter“ angesichts der kleinen Einlage einiger sich zu Boden werfender Akteure. Und es kam schon gar nicht zum „Eklat“, wie es eine Meldung auf der website der Lokalzeit BergischLand suggerierte.

Ob in China ein Sack Reis umfällt, oder in der Börse zwölf KünstlerInnen – beides macht auf OB und Dezernent gleich wenig Eindruck (zumal die Stadtspitze von der Aktion wissen musste).

Herr Jung und Herr Nocke gerieten auch nicht in „Erklärungsnot“, wie die WZ schrieb. Vielmehr hat der OB den Vortrag, den er seit Veröffentlichung des HSK in allen Gremien und auf allen Versammlungen zur Rechtfertigung des Konzeptes hält, auch in der Börse gehalten. Routiniert und souverän, natürlich.

Und über allen Gipfeln war Ruh´.

Was auch auf dieser Versammlung überhaupt nicht zum Ausdruck kam, war eine Frage, die in der März-Ausgabe der Zeitschrift DIE DEUTSCHE BÜHNE so formuliert wird:

Die Frage, wie viel Geld für die Kultur noch übrig ist nach dem Aderlass zugunsten schlecht geführter Banken und Unternehmen, ist eine Frage politischer Prioritäten und nicht jener Sachzwänge, hinter denen sich Politik gern versteckt. So schreibt die Münchner Unternehmensberatung actori in einer aktuellen Studie, es werde „entscheidend auf die Reaktion der Politik ankommen, ob das Niveau der bisherigen öffentlichen Kulturfinanzierung gehalten werden kann“. Allein die Differenz der Dimensionen führt ohnehin jede Sachzwang-Behauptung ad absurdum: Einerseits sollen Sparten oder womöglich ganze Theater zugrunde gehen, damit man ein paar Millionen spart; andererseits wurden allein für den „Rettungsschirm“ der Banken 500 Milliarden Euro bereitgestellt. Davon könnte man die gesamte öffentliche Kulturförderung in Deutschland in gegenwärtiger Höhe auf rund 60 Jahre sicherstellen.

Dabei ist die Situation absurd: Im gleichen Moment, wo die Wirtschaft freudig ihrer Erholung entgegensieht, gehen die öffentlichen Haushalte in die Knie, weil in erster Linie weder die Bürger noch die Gemeinwesen von der öffentlich geförderten „Gesundung“ der Wirtschaft profitieren, sondern Aktienbesitzer, Manager und Banken.

Hier wird deutlich, worum es eigentlich geht: um eine Umverteilung im Sinne ökonomischer Lobbies. Dazu noch ein Zitat aus der genannten Zeitschrift:

Hat sich dieses Wirtschaftssystem in den vergangenen Monaten etwa so gut bewährt, dass man ihm die Kultur, ja ein ganzes Bildungsideal opfern soll, zu dem ja nicht nur die ästhetische Bildung gehört, sondern auch jene zeitlich begrenzte Freiheit des Hochschul-Studiums, die gerade durch die Bologna-Reformen entsorgt wird– damit die Studenten besser in eben jenes Wirtschaftssystem passen?

Diejenigen, die Aktien haben und in den Spitzenpositionen der Banken und Unternehmen sitzen, werden vor dem Schaden, den sie selbst angerichtet haben, mit öffentlichem Geld geschützt. Dieses Geld fehlt in den Kassen der öffentlichen Hand. Zugleich geht die wirtschaftliche „Gesundung“ einher mit dem Verlust von Arbeitsplätzen, weil Betriebe „schlank gespart“ werden. Die damit erwirtschafteten Gewinne kommen einer wohlhabenden Minderheit zugute, während die öffentlichen Haushalte auch noch die Unterstützung der Arbeitslosen und Kurzarbeiter schultern müssen, die beim Schlanksparen aussortiert wurden. Was im Endeffekt nichts anderes bedeutet, als dass die öffentliche Hand ihre Aufgaben immer weiter einschränken muss.

Wem aber kommen die Leistungen der öffentlichen Hand zugute? Natürlich: denen, die sie in Anspruch nehmen, weil sie sich diese Leistungen nicht selber leisten können. Wer Bücher und Medien selbst kaufen kann, kommt ohne öffentliche Bibliothek aus. Wer einen Swimmingpool hat, braucht keine öffentliche Badeanstalt. Und wer seine Theaterbedürfnisse auf Reisen nach Salzburg oder Bayreuth, Berlin oder München befriedigen kann, dem kann das Theater in Köln oder Wuppertal, Hagen oder Oberhausen selbst dann piepegal sein, wenn er in einer dieser Städte wohnt.

All die Menschen aber – und sie bilden in diesem Gemeinwesen die Mehrheit –, die sich all das nicht leisten können, gucken in die Röhre. Und deswegen würde eine Schließung des Schauspiels in Wuppertal, ein Heruntersparen des Schauspiels in Köln auf Provinzniveau, eine Umwandlung des Theaters Hagen in ein Bespielhaus ein Basisargument markwirtschaftlicher Ideologie Lügen strafen: dass der Wohlstand der Wohlhabenden auch dem Gemeinwesen zugute kommt. In diesen Wochen ist zu beobachten, wie die Prosperität im Lande umverteilt wird: Die Reichen werden reicher und die Armen werden ärmer. Und das nicht nur in dem Sinne, dass die Verdienst- und Vermögensdifferenz zwischen beiden Gruppen immer weiter auseinanderklafft; sondern auch in dem Sinne, dass die öffentlichen Einrichtungen, die Ungleichheit durch Leistungen des Gemeinwesens kompensieren, immer schwächer werden.

Ob die Freie Szene in Wuppertal mit 80.000 oder mit 113.000 EURO gefördert wird, ist hier zweitrangig – an den Mitteln des Kulturbüros hat sich ohnehin noch nie ein Künstler gesund gestoßen. Albern ist es angesichts der im Raume stehenden Summen, an dieser Stelle überhaupt von einer Notwendigkeit der Kürzung zu sprechen. Konsequenterweise sollte die Stadt Wuppertal gleich das ganze Kulturbüro und mit ihm auch das Dezernat auflösen. Wirklich gebraucht werden beide nicht mehr. Und das Einsparvolumen wäre zumindest nennenswert. Ich zumindest würde das befürworten.

Interessant und notwendig wäre die Frage nach Formen einer möglichen Gegenwehr. Es ist nicht nur die Freie Szene betroffen, nicht nur das Schauspielhaus, nicht nur die Kultur, sondern auch soziale Arbeit, Bildung und demokratische Grundstrukturen. Dies alles gehört ohnehin zusammen und es ist nicht sehr schlau, etwa zwischen Kultur (minus 30%) und Bildung (wichtiger, deshalb „nur“ minus 10%) zu trennen. Kultur ist Bildung ist Soziale Arbeit ist Zivilisation!

Bedauerlich ist, dass wir als „Freie“ es nicht geschafft haben, das Thema von der eigenen Betroffenheit weg und hin zum großen Ganzen zu öffnen.

Die seit Jahren als schleichender Prozess laufende Kapitalisierung und Ökonomisierung des Gemeinwesens ist das eigentliche Thema. Und hier müsste man endlich einmal aufstehen und STOPP rufen. Wer, wenn nicht die Freie Szene, ist unabhängig und kreativ genug, den nötigen Anstoß zu geben? Intendanten bekommen genauso wie andere städtische Bedienstete vom OB einen Maulkorb umgehängt (und nehmen dies hin). Kommunalpolitiker blicken selten über den Tellerrand hinaus und noch seltener durchblicken sie die Strukturen, die hinter solchen Tendenzen stecken. Landtags- und Bundestagsabgeordnete beugen sich dem Druck von Fraktion und Lobbies (wenn es denn überhaupt nötig ist, sie zu „beugen“).

Noch einmal aus der DEUTSCHEN BÜHNE:

Aber auch das passt wieder auf erschreckende Weise ins Gesamtbild. Was fällt denn als erstes hinten ‘runter, wenn die gymnasiale Schulzeit auf acht Jahre verkürzt wird? Richtig: die viel gepriesene ästhetische Bildung. Was bleibt als erstes auf der Strecke, wenn die Universitäten durch die Bachelorisierung immer mehr unter den Druck wissenschaftlicher Planzielerfüllung geraten? Richtig: ein Bildungshorizont, der über den begrenzten Fachbereich des anvisierten Berufsfeldes hinausgeht. Und hinterher wundern wir uns, wenn Wirtschafts-„Weise“, Banker und Manager demnächst noch fachidiotischer handeln, als sie es bei der Verursachung der Bankenkrise ohnehin schon getan haben.

Hinter vorgehaltener Hand spricht man sogar bei der Wuppertal Marketing GmbH von dem negativen Image, dass dieses HSK der Stadt Wuppertal bundesweit angehängt hat. Und man fragt sich dort verzweifelt, mit welchen Strategien man dies wieder reparieren könne. Interessant in diesem Zusammenhang ist die in der Rheinischen Post verlautbarte Begründung für die gescheiterte Kandidatur unseres Kämmerers in Düsseldorf: „Rückwärts gewandtes Sparen“ werde mit der Person Slawigs verbunden. Sic!

Was für eine positive bundesweite Imagekampagne für Wuppertal wäre aus einer Haltung resultiert, die sich lautstark, aufmüpfig, kreativ und vor allem politisch den Menschen verantwortlich gegen die unsägliche Umwälzung unserer demokratischen Strukturen gestellt hätte. Das wäre ein „vorwärts gewandtes“ Vorgehen gewesen und Wuppertal würde verbunden mit Begrifflichkeiten wie Mut, Avantgarde und Zivilcourage im wahrsten Wortsinne.

So aber spielt Wuppertal weiter mit in einem zynischen Spiel, in dem die Bürger und Bürgerinnen nur die Spielfiguren sind (wie auch die Kommunalpolitiker) und in dem die Stadt nur verlieren kann.

„Wuppertal kackt ab“ heißt ein aktuelles Projekt des Medienzentrums. Der OB äußerte in der Börse sein Entsetzen über diesen Titel. Aber er selbst trägt dazu bei, dass der Titel der Wahrheit entspricht. Den Überbringer der Nachricht anzuklagen, ist schlichtweg Unsinn.

Der Medienunternehmer Jörg Heynkes schrieb in der WZ:

Diese Stadt braucht keine Organisationen, die peinliche Protestaktionen organisieren und damit öffentlich dokumentieren das selbst der Protest nicht wirklich gelingt. Diese Stadt braucht keine Künstler, die Musikvideos mit der martialischen Beschreibung des Untergangs über das Internet weltweit kommunizieren. Diese Stadt braucht keine Bürger, die sich ergötzen in der Beschreibung der Missstände und ihre größte Befriedigung in der sich selbst erfüllenden Prophezeiung suchen.

Peinlich sind aber nicht die Protestaktionen diverser Gruppen, sondern eine derart unreflektierte Haltung eines Unternehmers, der nicht im Entferntesten versucht, hinter die Kulissen zu blicken. Ob Protestaktionen dilettantisch oder professionell aufgezogen werden, kann hier nicht der Maßstab sein. Diese Stadt braucht keine konformistischen Glattbügler wie Heynkes, sondern Menschen, die aufstehen.

Eine Schande, dass auch wir „Freien“ nur punktuell und in Mikroprojekten (wenn überhaupt) dem entgegenwirken. Die Chance einer Initiierung einer wirklich notwendigen Bewegung (die auch über das Wirken von „Wuppertal wehrt sich“ hinausgeht) haben wir in der Börse vertan. Aber vielleicht ist es ja noch nicht zu spät.

Nette Steuergeschenke an die Wohlhabenden, während die kommunale Infrastruktur verrottet – das sollte sich kein Bürger, kein Kommunalpolitiker, kein Theater bieten lassen.

Andy Dino Iussa aus njuuz




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