Archiv für Februar 2010

Freiräume für Bewegung

Freiräume Für Bewegung – Interview mit Rocko Schamoni (Zusammenschnitt) from Freiräume Für Bewegung on Vimeo.

»ICH STRESS. ICH PAUSE. ICH STREIK.«

ein paar theoretische Überlegungen zum 1.Mai…..

Widerständige Subjektivierungen auf den EuroMayDay-Paraden der Prekären

Marion Hamm / Ove Sutter

In der Zeit seines Bestehens wurde der 1. Mai als öffentliche Versammlung zur Artikulation politischer und sozialer Interessen von unterschiedlichsten AkteurInnen aufgegriffen. Mit den gesellschaftlichen Bedingungen und den jeweiligen AkteurInnen wandelten sich auch Forderungen und Ausdrucksformen. Neben den geordneten Umzügen und Kundgebungen der organisierten Arbeiterbewegung finden etwa seit den 80er Jahren die »revolutionären 1.-Mai-Demonstrationen« der urbanen radikalen Linken, seit 2000 einige global ausgerufene Aktionstage der globalisierungskritischen Bewegung sowie Massenmobilisierungen migrantischer ArbeiterInnen in den USA statt.

In jüngster Zeit sind die EuroMayDay-Paraden der Prekären hinzugekommen (www.euromayday.org). Hier versammeln sich jene, die – oft durchzogen von Phasen der Erwerbslosigkeit – in ungesicherten befristeteten oder Teilzeitjobs, als PraktikantInnen oder selbständige ProjektarbeiterInnen beschäftigt sind. Ausgehend von der ersten im Jahr 2001 in Mailand durchgeführten MayDay-Parade mit 5.000 TeilnehmerInnen verbreitete sich das Format auf mittlerweile über 40 europäische Städte. Die TeilnehmerInnenzahlen reichen von unter Hundert beim Mini-MayDay in der Kleinstadt Hanau bis 120.000 in Mailand im Jahr 2005 (Mattoni 2006).

Als transnationales Netzwerk formierte sich EuroMayDay im Jahr 2004 bei »Beyond ESF«, einer Veranstaltung im Kontext des Europäischen Sozialforums in London. Gruppierungen aus der globalen Protestbewegung erklärten in der »Middlesex Declaration« ihre Absicht, 2005 in ganz Europa zeitgleich am 1. Mai EuroMayDay-Paraden abzuhalten.Von Helsinki und Hamburg im Norden bis Neapel im Süden, von Amsterdam im Westen bis Wien im Osten wurde dies in 19 Städten umgesetzt.

Sprühend vor Kreativität und strotzend vor Dynamik, sind die EuroMayDay-Paraden von Darstellungsformen in unterschiedlichsten medialen Formaten durchzogen: Website-Adressen werden auf die Straße gemalt, Aufkleber werden auf Schaufenster, Bankautomaten, Laternenpfähle, T-Shirts oder das eigene Gesicht geklebt, es werden Graffiti gesprüht, Transparente mitgetragen, und Plakate beschriftet. DJs beschallen die Parade von aufwendig dekorierten Wägen mit Soundsystemen aus, während auf der Straße getanzt wird. Es wird fotografiert, gefilmt, geSMSt – alle scheinen ständig etwas zu tun zu haben.

Durch die Wahl des »Internationalen Kampftags« der Arbeiterbewegung als Veranstaltungstermin, und die verwendete Bildersprache in Kombination mit dem Thema der »Prekarisierung von Arbeit und Leben« machen die EuroMayDay-AktivistInnen deutlich, dass sie sich in der Traditionsline der Arbeiterbewegung verorten. Gleichzeitig markieren sie inhaltlich und durch die Form ihres Auftretens eine Differenz zu dieser Tradition (Hamm/Adolphs 2009). Von außen betrachtet fallen die EuroMayDay-Paraden im Unterschied zu den traditionellen 1.-Mai-Umzügen durch Offenheit, Ungeordnetheit und Vielfalt auf (Denk/Waibel 2009). In einem Strom von Farben, Formen und Klängen beziehen sie unterschiedlichste Inhalte auf das Konzept der Prekarisierung von Arbeit und Leben.

Dies lässt sich nicht nur auf unterschiedliche ästhetische Vorlieben zurückführen, sondern hat vor allem mit den sich verändernden Arbeits- und Lebenswelten zu tun, in denen sich die TeilnehmerInnen des EuroMayDay bewegen, in denen sie sich organisieren und aus denen sie ihre programmatischen Forderungen entwickeln (Adolphs/Hamm 2008).

Was sind es nun für Arbeits- und Lebenswelten, aus denen die EuroMayDay-Paraden hervorgehen? Warum präsentieren sich die TeilnehmerInnen nicht als VerkäuferInnen, Studierende, ProgrammiererInnen, KulturarbeiterInnen, DienstleisterInnen, sondern als eine Vielfalt von kulturellen und politischen Identitäten und Subjektivitäten? Woher kommt der hohe kreative Einsatz, mit dem Einzelne, Gruppen und Grüppchen ihre eigene Situation als Bilder und Performances bei den EuroMayDay-Paraden zum Ausdruck bringen?

Die postfordistischen (Wissens-)ArbeiterInnen …

Seit den 70er Jahren läßt sich eine grundlegende Veränderung der gesellschaftlichen Organisation beobachten, die von Regulationstheoretikern als Übergang vom Fordismus zum Postfordismus bezeichnet wird (Jessop 2007). Mit dem damit verbundenen Wandel der Arbeits- und Lebenswelten gerät das gesellschaftliche Leitbild des fordistischen Normalarbeitsverhältnisses ins Wanken. Die Normalität des männlichen Arbeitnehmers, der in fester Anstellung einer geordneten Laufbahn folgt und als Alleinverdiener seine Familie ernährt, wird zunehmend von »prekären« und »subjektivierten« Arbeitsverhältnissen unterlaufen (Schönberger 2007).

Prekäre Arbeits- und Lebenssituationen sind vor allem in gar nicht mehr so »atypischen Beschäftigungsverhältnissen« wie Teilzeitarbeit, Leiharbeit, befristeter Beschäftigung, geringfügiger Beschäftigung, Projektarbeit, Praktika, (Schein-)Selbständigkeit und dem beträchtlichen Sektor der illegalisierten Arbeit anzutreffen. Nicht nur die Unsicherheit der Arbeitsverhältnisse, sondern auch zunehmende Flexibilitäts- und Mobilitätsanforderungen erschweren eine langfristige Karriere- oder gar Lebensplanung. Prekär Erwerbstätige verfügen häufig über ungenügende oder gar keine soziale Absicherung für Krankheit, Unfälle oder Alter. Oft haben sie uneindeutige räumliche und zeitliche Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit zu bewältigen. Vielen reicht das Einkommen nicht zur Existenzsicherung. Zudem können sie nur selten auf traditionell gewerkschaftliche Formen der Interessenvertretung zurückgreifen. Je nach Lebensumständen können solche Arbeitsverhältnisse als Erweiterung der eigenen Autonomie oder als Zumutung erlebt werden – und häufig mischen sich diese Wahrnehmungen (Tsianos/Papadopoulos 2007).

Nicht nur die Rahmenbedingungen der Arbeit haben sich verändert, sondern auch die Arbeit selbst. Fähigkeiten und Tätigkeiten, die eng mit der Persönlichkeit der Arbeitenden, aber auch der KonsumentInnen in Verbindung stehen, und die im Fordismus eher in den Bereichen Alltag und Freizeit angesiedelt waren, rücken zunehmend ins Zentrum der Produktionslogik westlicher Gesellschaften. Ein Indiz dafür ist das stetige Anwachsen des Dienstleistungssektors seit den 70er Jahren. Dieser Prozess wird in der Soziologie als »Subjektivierung der Arbeit« bezeichnet und ist in unterschiedlichem Ausmaß quer durch alle Branchen und Industrien zu beobachten (Moldaschl/Voß 2002). Quasi idealtypisch vollzieht er sich in Bereichen wie Medien, Wissenschaft, Werbung oder Kultur, in denen der Umgang mit und die Produktion und Distribution von Wissen im Vordergrund stehen.

Wissen wird zum Produkt und einer grundlegenden Ressource im Produktionsprozess westlicher Industrieländer. Es werden zunehmend immaterielle Güter hergestellt – wie etwa Waren- und Unternehmens-Images, informations- und kommunikationstechnologisches Wissen oder – oft digital gestützte – Kommunikations- und Kooperationsnetzwerke. Entsprechend werden von den Arbeitenden in erhöhtem Maße kommunikative und affektive Fähigkeiten gefordert. Kreativer Umgang mit Sprache, Zeichen und Symbolen, die Fähigkeit, sich ständig weiterzubilden, zu kooperieren und Netzwerke zu produzieren rücken ins Zentrum des Produktionsprozesses.

Der Prozess der Subjektivierung von Arbeit wird zum einen durch die strukturellen Veränderungen des Produktionsprozesses an die Arbeitenden herangetragen. Zum anderen geht diese Form der Arbeit aber auch auf historische Prozesse „von unten“, zurück: auf die Forderung nach einer Verbindung von Arbeit und Leben, die sich gegen die im Produktionsprozess erfahrene Entfremdung richtete, und auf die Forderung nach mehr Selbstbestimmung auch im Arbeitsverhältnis. Diese Forderungen äußerten sich z.B. in den 60er Jahren in kollektiven Kämpfen gegen starre Hierarchien, räumliche und zeitliche Begrenzungen und entfremdete Tätigkeiten in den Fabriken und Büros und werden nun neoliberal gewendet als Anforderung durchgesetzt.

Subjektivierte Arbeit wird weniger auf Anweisung von oben verrichtet, sondern erfordert die selbstgesteuerte und eigenverantwortliche Beteiligung der Arbeitenden an Entscheidungsprozessen. Gerade in der verbreiteten, oft (schein)selbständigen Projektarbeit ist es nötig, eigeninitiativ zu agieren. Dies führt nicht zuletzt dazu, dass die Sphären von Arbeit und Freizeit zunehmend ineinander übergehen.

Ebenso müssen die Arbeitenden aufgrund ihrer häufig wechselnden Erwerbs- und Lebenssituationen über Fähigkeiten und Techniken verfügen, auf sich selbst verändernd einzuwirken und sich entsprechend der wechselnden Anforderungen zuzurichten. Die reflexive Perspektive auf sich selbst, auf die eigene Biographie, auf den weiteren Verlauf des eigenen Lebens und die damit verbundenen Wünsche und Ziele muss ständig neu ausgerichtet werden.

Diese Art der Produktion bringt in vielen Branchen selbst Subjektivitäten hervor. Hier werden neue Wissensformen, neue Bedürfnisse und neue Netzwerke erzeugt, die die Art, sich selbst und seine Umwelt zu sehen und zu deuten sowie im Umgang mit sich selbst und mit anderen zu handeln, verändern. In solchen Arbeitsverhältnissen müssen die Arbeitenden also nicht nur in der Lage sein, auf ihre eigene Subjektivität verändernd einzuwirken, sie müssen darüber hinaus auch Techniken beherrschen und über Fähigkeiten verfügen, die geeignet sind, die Subjektivitäten anderer zu verändern (Lazzarato 1998).

…. auf dem EuroMayDay

Mit dem EuroMayDay als »Parade der Prekären« am 1. Mai wird versucht, der Prekarisierung von Arbeit und Leben wirksame Formen des Widerstands entgegenzusetzen (Panagiotidis/Tsianos 2007). Dazu werden gegenüber dem Handlungsrepertoire der Arbeiterbewegung veränderte Formen und Themen entwickelt. So schreibt die Vorbereitungsgruppe des EuroMayDay Wien im Jahr 2005 in ihrem Aufruf:

»Von den traditionellen Maiaufmärschen werden sich unsere Aktivitäten an diesem Tag durch lautstarke, bunte und kreative Formen des Kampfes und der Organisation unterscheiden. Aber auch durch die Verschiebung des inhaltlichen Schwerpunkts von einer abstrakten Feier der Arbeit hin zur Auseinandersetzung mit der konkreten Prekarisierung von Arbeit und Leben.«[1]

Das Thema wird von »Arbeit« auf »Prekarisierung« verschoben. Auf den EuroMayDay-Paraden präsentieren sich die AkteurInnen nicht einheitlich getaktet als »Arbeiter«, sondern sie bringen eine Vielheit von ungesicherten Lebenssituationen zum Ausdruck, verbunden mit dem Wunsch, diese Situationen kollektiv und kämpferisch zu verändern. »Ich Stress. Ich Pause. Ich Streik« hieß es auf dem Berliner Euromayday 2008. Wie die spanische Gruppe Precarias a la deriva (2004) feststellt, ist dies kein einfaches Unterfangen:

»Unsere Situationen sind so unterschiedlich, so singulär, dass es uns schwer fällt, den gemeinsamen Nenner zu finden, von dem wir ausgehen könnten, oder die eindeutigen Unterschiede, durch die wir einander bereichern könnten. Es ist schwierig für uns, uns auf der gemeinsamen Basis von Prekarität auszudrücken und zu definieren, einer Prekarität, die auf eine eindeutige kollektive Identität verzichtet, in der sie sich simplifiziert und verteidigt, die aber nach einer Form der gemeinsamen Verortung verlangt.«

Entsprechend kündigten die Wiener InitiatorInnen an, »Repräsentation durch Selbstermächtigung, Einfalt durch Vielheit zu ersetzen«. Gegenwärtige Prekarisierungsprozesse sollten »der Unsichtbarkeit entrissen und verhandelbar gemacht werden«, um so »eine Basis für gemeinsames politisches Agieren zu schaffen«.

Aber wie lässt sich eine soziale Bewegung auf Unterschiedlichkeit gründen? Besteht eine Bewegung nicht gerade darin, dass Akteure auf der Basis einer gemeinsamen Identität ihre Interessen durchsetzen? Wie können die vereinzelten, individualisierten Kämpfe im Umgang mit prekären Lebens- und Arbeitsbedingungen sichtbar gemacht werden, wenn eine eindeutige Repräsentation weder möglich noch gewünscht ist? Eine erste Antwort darauf gibt der Aufruf zur Euromayday-Parade 2004, die in Mailand und Barcelona stattfand:

»Wir sind davon überzeugt, daß das Rückgrat des neoliberalen Akkumulationprozesses in der flexiblen und unsicheren Arbeit von jungen Leuten, Frauen, MigrantInnen und Angestellten in ungesicherten Arbeitsverhältnissen besteht, im unverzichtbaren Bereich der reproduktiven und distributiven Dienstleistungen, und in den Wissens-, Kultur- und Medienbranchen, die das Rohmaterial bereitstellen, das eine Voraussetzung für das Funktionieren des Systems ist: (…) Wir sind die ProduzentInnen neoliberalen Reichtums, wir sind die SchöpferInnen des Stils und der Kultur, die durch die Macht der Monopole eingezäunt und in Besitz genommen werden…« (Ü.d.Verf.)[2]

Die InitiatorInnen positionieren sich damit als DienstleisterInnen, als Wissens-, Kultur- und MedienarbeiterInnen an zentraler Stelle des Produktionsprozesses. Im Aufruf des folgenden Jahres kündigen sie an, eine »neue soziale Imagination« schaffen zu wollen:

»Prekäre Menschen sind nun der Grundstein der Produktion gesellschaftlichen Reichtums. Trotzdem sind wir unsichtbar und haben keine Geltung in den traditionellen Formen sozialer und politischer Repräsentation oder auf der europäischen Tagesordnung. (…) Darum errichten wir einen öffentlichen Raum auf europäischer Ebene. Damit wollen wir neue Formen sozialer Kooperation vorantreiben, das Teilen von Fertigkeiten, Erfahrungen und Ressourcen maximieren: Wir wollen eine neue soziale Imagination konstruieren und ins Leben rufen.«[3]

Wenn die Subjektivität der Arbeitenden zum zentralen Produktionsmittel wird, dann liegt es nahe, eben in diesem Bereich nach Werkzeugen zur Opposition, zum Widerstand und zum Aufstand zu suchen. Die Mailänder Gruppe »Chainworkers«, Mit-Initiatorin der ersten Euromayday-Parade, ging genau von dieser Logik aus:

»Viele in der ChainCreW haben dieses seltsame Profil einer Gewerkschaftsvergangenheit und einer Gegenwart als ArbeiterInnen in der Mailänder Medienindustrie. Wir sind mit der Überzeugungskraft von Popkultur und dem Lexikon des Werbegeschäfts wohlvertraut. Unsere Intention ist es, eine neue ›Marke‹ von arbeitsbezogenem Aktivismus und Revolte zu bewerben, also zu ›subvertisen‹, indem wir Sprache und Graphix verwenden, die auf die Zielgruppe derer ausgerichtet ist, die keine politische Erfahrung haben als den Verschleiß und die Mühsal ihres Körpers und Geistes in den riesigen Verkaufsstellen.« (Ü.d.Verf., zitiert in Vanni 2007:151)

Ausgehend von den eigenen Arbeits-Erfahrungen in der Medienindustrie und den daraus formulierten politischen Absichten entwickelten sie das Protestformat der EuroMayDay-Paraden als Ausdruck einer Vielzahl von kulturellen und arbeitsbezogenen Subjektivitäten, die zusammenfließend und doch unterscheidbar bleibend als politische sichtbar werden.

Eine Affinität der InitiatorInnen von EuroMayDay-Paraden zu unterschiedlichen Bereichen der Wissensarbeit lässt sich in vielen Städten beobachten. Weder InitiatorInnen noch die weiteren Vorbereitungs- und TeilnehmerInnenkreise lassen sich jedoch eindeutig auf eine Branche festlegen (John/Panagiotidis/Bergmann 2006). Oft treffen in einer Person höchst unterschiedliche soziale Lagen aufeinander – die Hartz-IV-Empfängerin mit Migrationhintergrund kann eben ihr Studium abgeschlossen haben, die mehrsprachige Bewegungsfunktionärin arbeitet als Lagerarbeiterin, der autodidaktisch gebildete Büroarbeiter ist Performance-Künstler.

EuroMayDay-Paraden als Ereignisse widerständiger Subjektivierung

Eine transnationale Praxis, die viel über Funktion des EuroMayDay sowie die widerständigen Potenziale aussagt, die aus subjektivierten und prekären Arbeitsverhältnissen erwachsen, ist die Entwicklung von mediatisierten, visualisierten, verkörperten Figuren des Prekären. Eine davon ist die Figur der prekären »Superhelden« (Panagiotidis 2007). An ihr lässt sich verdeutlichen, dass der EuroMayDay nicht nur eine Parade ist, die den Widerstand gegen die veränderten Produktions- und Arbeitsverhältnisse repräsentiert. Der EuroMayDay ist vielmehr ein Ereignis, das ermöglicht, widerständige Subjektivitäten performativ zu erzeugen.

Die visuell und narrativ offene Figur der SuperheldInnen und das damit verbundene dichte konzeptuelle Repertoire entstand 2005 in Mailand als »Imbattibili«, übersetzt: die »Unschlagbaren« (Vanni 2007; Mattoni 2008). Auf Anregung der Gruppe Chainworkers entwickelten einzelne Personen, Gruppen und politische Zusammenhänge in der Region Mailand je eine SuperheldInnenfigur, die ihren Aktivitäten entsprach – von »Captain Vegan«, der »im Bewusstsein der Perversitäten des Fast-Food-Systems« kostenlose vegane Sandwiches an die Massen verteilt, über »Wonderbra«, tagsüber Telefonistin, nachts Sexarbeiterin, zwischendurch Masseuse (Slogan »Meglio battere che combattere«), die dank der Fähigkeit zur subversiven Nutzung ihrer Zeit aus der Not eine Tugend macht, bis zu »Quit«, der die Arbeitsverträge in den Datenbanken der Arbeitsvermittlungsagenturen verändert und jungen und prekären InformatikerInnen öffentliches Wissen und kostenlose Software vermittelt. Jede SuperheldInnenfigur wurde im Comic-Stil visualisiert und mit einer Kurzvita ausgestattet, die erzählt, welche Superkräfte sie aufgrund ihrer prekären Lebens- und Arbeitsbedingungen, meist durch Mutation, entwickelte. Ein Rating der Eigenschaften Prekarität, Flexibiltät, Kampfgeist und Phantasie und eine Kontaktadresse der jeweils beteiligten Gruppe komplettierten die Steckbriefe, die bis heute auf der Webseite der Chainworkers einsehbar sind. Für die EuroMayDay-Parade wurden die Figuren mit Sammelkärtchen, Sammelbogen und eigens gestalteten Paraden-Wagen zu einem interaktiven Spiel verarbeitet. Diese Anordnung trug zur Kommunikation unter den TeilnehmerInnen bei, indem untereinander gesammelt und getauscht wurde. Tatsächlich stand die Mailänder Parade ganz im Zeichen der Imbattibili. So wurden TeilnehmerInnen per Video-Interview zu ihrer Prekarität befragt, wobei die letzte Frage lautete: »Und was sind Deine Superheldenkräfte?« Zum Abschluss des Gesprächs wurde ihnen ein Superhelden-Cape angeboten, mit dessen Hilfe sie ihren Abgang als SuperheldIn vor der Kamera inszenierten.

In den folgenden Jahren wurden die Imbattibili in das Aktionsrepertoire in anderen Städten aufgenommen, ausgeformt und mit weiteren medialen Formaten kombiniert. Besonders intensiv arbeitete der Hamburger EuroMayDay-Kreis mit der Figur der prekären SuperheldInnen – beginnend mit einer in den Massenmedien vielbeachteten Intervention, die kurz vor dem 1. Mai 2006 in Hamburg stattfand: Eine Handvoll prekärer SuperheldInnen eignete sich in einen Hamburger Edelsupermarkt teure Delikatessen an, die sie anschließend an prekär Beschäftigte in verschiedenen Institutionen zusammen mit einer Einladung zur EuroMayDay-Parade verteilten. AktivistInnen ›liehen‹ den Figuren ihre Körper aus: Die SuperheldInnen wurden zu realen AkteurInnen.

Wenige Tage später tauchten sie auf der Hamburger EuroMayDay-Parade in Form von Buttons und einem »Psychotest« (»Welcher Superheld bist du?«) auf und wurden in mehreren Schritten bis zur Bildung eines »Superheldenblocks« bei den Protesten gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm 2007 weiterentwickelt.

Während einer Mobilisierungsparty für diese Proteste wurde unter dem Titel »Oute dich als Superheld« ein Foto-Shooting veranstaltet (http://www.nadir.org/nadir/kampagnen/euromayday-hh/de/2007/03/544.shtml). Es bezog sich auf ein gerichtliches Nachspiel der ersten Intervention, bei dem eine Aktivistin als vermeintliche Superheldin angeklagt war. Partygäste konnten sich in einem improvisierten Fotostudio vor einer Plane mit aufgemalten Büro- und Supermarktkulissen unter professioneller Beleuchtung als SuperheldInnen ablichten lassen. SuperheldInnen-Kostüme lagen bereit, außerdem waren Pappschilder in Form von Sprechblasen vorbereitet worden, die das Comic-Format der SuperheldInnen aufgriffen. Auf den Pappschildern konnten die Party-Gäste im Stil der Jägermeister-Werbung »Ich bin ein Superheld, weil…« die eigenen SuperheldInnenkräfte zum Ausdruck bringen. Diese Kräfte reichten von der traditionellen Aneigung von Ressourcen des Arbeitgebers (»weil ich mir meine Überstunden in Büromaterial auszahle«) bis zum augenzwinkernden Verweis auf globalisierungskritischen Aktivismus (»weil ich G8 nicht für eine BH-Größe halte«). Die Fotos wurden auf der Webseite des Hamburger EuroMayDay-Netzwerks veröffentlicht. Nach der zwar breit rezipierten, doch eher avantgardistisch geprägten Intervention im Feinkostmarkt und mehreren kleineren Anläufen wurde damit die SuperheldInnenfigur auch in Hamburg zu einem Format, das die Produktion von politischen Subjektivitäten über den engeren Vorbereitungskreis hinaus organisierte.

Das spielerische Angebot zum Sprechblasenbeschriften lud Partygäste oder ParadenteilnehmerInnen zu einem doppelten Subjektivierungsprozess ein. Zum einen regte das Angebot, sich vor dem Hintergrund eigener prekärer Alltagserfahrungen als SuperheldIn darzustellen, zu einer kleinen »positiven« Verwandlung des eigenen Selbst an, mit der die je eigene Widerständigkeit betont wurde. Dies ist insofern nicht zu unterschätzen, als prekäre Arbeits- und Lebenssituationen nur allzu oft von einem negativen Selbstbild und persönlichen Belastungen begleitet sind. Dies trifft auch dann zu, wenn es sich um Prekarität auf »hohem Niveau« – beispielsweise mit Universitätsabschluss oder als freiberufliche Webdesignerin – handelt. Darüber hinaus artikulierten die Sprechblasen die Aufforderung, durch Einspeisung der eigenen Subjektivität und der eigenen Positionen das politische Projekt einer »Bewegung der Prekären« in all seiner Vielheit zu formen, zu stärken und zu einer erst noch zu erfindenden Realität zu machen. Außer dem Satzanfang »Ich bin ein Superheld, weil…« war nichts vorgegeben. Es war keine Vereinheitlichung angestrebt. Entsprechend unterschiedlich fielen die Beschriftungen aus. Dennoch markierte die Vielzahl beschrifteter Sprechblasen einen kollektiven Akteur. Dieser Akteur ist weder Berufsgruppe noch kollektive Identität. Er ist vielleicht am ehesten eine durch diese (selbst-)subjektivierenden Praktiken angestoßene Visualisierung dessen, was Michael Hardt und Antonio Negri und auch manche EuroMayDay-AktivistInnen die »Multitude« nennen – die Menge oder Vielheit der Singularitäten (Hardt/Negri 2004). Die Beschriftung einer Sprechblase und das Umhängen eines SuperheldInnencapes sind keine Mitgliedschaftserklärungen. Dennoch ermöglichen solche Aktionen eine Annäherung an die aktuellen Kämpfe gegen Prekarisierungsprozesse – weniger in Form des traditionellen politischen Organisierens, sondern vielmehr in Form von individuell bleibender und dennoch kollektiver (Selbst-)Subjektivierung. In den Praktiken rund um die Superhelden entwickelt sich ein Aktionsrepertoire, das die Figuren mit dem prekären Alltag der AktivistInnen verknüpft. Ihre Ausstattung mit Superkräften rückt statt des durchaus realen Leidens an Prekarisierungsprozessen die Möglichkeit des Widerstands in den Blick.

Dies ist nur eines von vielen möglichen Beispielen dafür, wie EuroMayDay als Protestformat prekäre Subjektivierungen als Ressource für widerständiges Handeln erkennt (Mattoni 2008). Es zeigt, wie in diesem Zusammenhang interaktive Modelle entwickelt werden, die dazu beitragen, politische Subjektivitäten aus prekären Arbeits- und Lebenssituationen hervorzubringen. Diese Modelle bieten Techniken an, mit denen oftmals schwer fassbare und definierbare Alltagssituationen sicht- und sagbar gemacht werden können. Ohne das Leiden an prekären Alltagen ganz zu verdrängen, regen diese Modelle zu einem Blick auf eigene oder fremde Prekarisierungserfahrungen an, der Möglichkeiten des Widerstands in den alltäglichen Kämpfen wahrnimmt. Ohne auf eine einheitliche politische Identität zu drängen – wie es die traditionelle Arbeiterbewegung mit dem Leitbild des weißen, männlichen heterosexuellen (Klein-)Familienernährer tat –, lassen sie die Möglichkeit kollektiven politischen Handelns aufscheinen. Diese Modelle sind niedrigschwellig und spielerisch. Sie setzen weniger an der politischen Überzeugung an, als vielmehr an Alltagserfahrungen – bei jener Ressource, aus der sich nicht nur die neoliberal-postfordistische Produktion speist, sondern aus der eben auch die Widerstände gegen sie erwachsen.

In einer Vielzahl von Praktiken rund um die EuroMayDay-Paraden wird deutlich, wie die Fähigkeiten und manchmal auch Leidenserfahrungen der AkteurInnen, die sie aus ihren immateriellen und subjektivierten Arbeitsverhältnissen mitbringen, für Widerstände gegen eben jene Verhältnisse, aus denen sie hervorgingen, genutzt werden können.

Wer soziale Kooperationen erzeugen, mit Symbolen und Zeichen umgehen, wer Kommunikations- und Informationstechnologien verwenden, auf subjektive Wahrnehmungs, Deutungs- und Handlungsformen einwirken, wer selbstverantwortlich und eigeninitiativ handeln und sich selbst entsprechend der Anforderungen des prekären Alltags verändern kann, die und der hat viele Möglichkeiten, sich zu wehren – SuperheldInnen-Kräfte eben.

Literatur

Adolphs, Stephan/ Marion Hamm (2008) Prekäre Superhelden: Zur Entwicklung politischer Handlungsmöglichkeiten in postfordistischen Verhältnissen, in Claudio Altenhain/ Anja Danilina/ Erik Hildebrandt/ Stefan Kausch/ Annekathrin Müller/ Tobias Roscher (Hg.): Von »Neuer Unterschicht« und Prekariat. Gesellschaftliche Verhältnisse und Kategorien im Umbruch. Kritische Perspektiven auf aktuelle Debatten, Bielefeld: Transkript, S. 165-182.

Hardt, Michael/ Negri, Antonio: Multitude, Krieg und Demokratie im Empire. Frankfurt a.M./ New York 2004.

Denk, Larissa/ Waibel, Fabian: Vom Krawall zum Karneval. Zur Geschichte der Straßendemonstration und der Aneignung des öffentlichen Raumes. In: Klaus Schönberger / Ove Sutter (Hg.): Kommt herunter, reiht euch ein… Eine kleine Geschichte der Protestformen sozialer Bewegungen. Berlin 2009, S. 46–86.

Jessop, Bob (2007): Was folgt dem Fordismus? Zur Periodisierung von Kapitalismus und seiner Regulation. In: ders.: Kapitalismus, Regulation, Staat. Ausgewählte Schriften, Hamburg, 255-274.

John, Frank/Efthimia Panagiotidis/Meike Bergmann (2006): Die Putzfrau war präsent, aber wie sieht sie aus? Interview mit den OrganisatorInnen des Hamburger Euromaydays 2006. In: ak – analyse & kritik – zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 504 / 17.3.2006. Online: http://www.akweb.de/ak_s/ak504/18.htm

Lazzarato, Maurizio (1998): Immaterielle Arbeit. Gesellschaftliche Tätigkeit unter den Bedingungen des Postfordismus. In: Negri, Antonio/ Lazzarato, Maurizio/ Virno, Paolo (Hg.): Umherschweifende Produzenten. Immaterielle Arbeit und Subversion. Berlin, S. 39–52.

Mattoni, Alice (2006) Multiple mediation processes in contemporary social movements: Six years of euromayday parade in Italy. Tagungsvortrag: “Identifier, s’identifier – Faire avec, faire contre”, 30.11.-01.12.2006) Universität Lausanne. Online: http://www.unil.ch/webdav/site/iepi/users/cplatel/public/atelier_3/Mattoni.pdf

Mattoni, Alice (2008) Serpica Naro and the Others. The Media Sociali Experience in the Italian Precarious Workers Struggles, in Portal 5.2. Online: http://epress.lib.uts.edu.au/ojs/index.php/portal/article/view/706/920

Moldaschl, Mafred/ Voß, Günter G. (Hg.): Subjektivierung von Arbeit. München 2002.

Panagiotidis, Efthimia (2007): Die „gute Botschaft“ der Prekarisierung

Zur Symbolik von SuperheldInnen in Zeiten der postfordistischen Zeichenflut. In: Translate 2 (2007). Online-Magazin. http://translate.eipcp.net/transversal/0307/panagiotidis/de (Januar 2010).

Panagiotidis, Efthimia/ Tsianos, Vassilis (2007): Euro Mayday 005 – oder Paola rennt … In: http://www.20er.at/index.php?nID=x41adc3d0899c26.55092389&artID=1113214166__
ID425a4cd67bef84.74001821.

Precarias a la deriva (2004): Streifzüge durch die Kreisläufe feminisierter prekärer Arbeit.

Webmagazin republicart.net. Online: http://republicart.net/disc/precariat/precarias01_de.htm

Schönberger, Klaus (2007): Widerständigkeit der Biographie. Zu den Grenzen der Entgrenzung neuer Konzepte alltäglicher Lebensführung im Übergang vom fordistischen zum postfordistischen Arbeitsparadigma. In: Seifert, Manfred/ Götz, Irene/ Huber, Birgit (Hg.): Flexible Biographien. Horizonte und Brüche im Arbeitsleben der Gegenwart. Frankfurt/M. et al., S. 63–97.

Tsianos, Vassilis/ Papadopoulos, Dimitris (2007) Prekarität: eine wilde Reise ins Herz des verkörperten Kapitalismus. Oder wer hat Angst vor der immateriellen Arbeit?, In: Transversal. Online-Gagazin. http://eipcp.net/transversal/1106/tsianospapadopoulos/de.

Vanni, Ilaria (2007): How to do things with words and images: Gli Imbattibili. In: Johanna Sumiala-Seppänen/ Matteo Stocchetti (Hg.): Images and Communities. The Visual Construction of the Social. Kirjastoluokka (zit. nach Manuskript).

Artikel aus Wolfgang Maderthaner / Michaela Maier (Hg.) (2010): Der 1. Mai. Demonstration, Tradition, Repräsentation. Verlag Rot. Wien (erscheint April 2010).

Dieser Text ist das Ergebnis einer Kooperation zwischen dem vom Schweizer Nationalfonds geförderten Projekt „Protest als Medium – Medien des Protests“ an der Universität Luzern und dem Institut für Europäische Ethnologie der Universität Wien. Alle zitierten Aufrufe zu EuroMayDay-Paraden sind im Online-Archiv des Luzerner Projekts (http://protestmedia.net/archive) dokumentiert. Wir danken den Euromayday-AktivistInnen aus verschiedenen Städten für die Gewährung einer produktiven und anspruchsvollen Forschungsbeziehung.

[1] Call Wien 2005; URL: http://unilu.strg.ch/2005/5192

[2] EMD Call 2004; URL: http://unilu.strg.ch/2004/5190.

[3] EMD Call 2005; URL: http://unilu.strg.ch/2005/5196.
http://eipcp.net/policies/hamm-sutter_de/de
»ICH STRESS. ICH PAUSE. ICH STREIK.«

Von der Versammlung gegen das Spardiktat im Rathaus

ein subjektiver Bericht von Mina K.

Zum wichtigsten erstmal.

Die von der WZ als „Demo-Party“ der Ratsfraktion der Linken beworbene
Versammlung gegen das Spardiktat im Barmer Rathaus fiel leider aus, die Dj´s waren aus unbekannten Gründen nicht mit ihrer Musikanlage erschienen. Stattdessen waren rund 80 WuppertalerInnen zu einer offenen Versammlung erschienen, die über das Spardiktat und über mögliche Widerstandsaktionen diskutieren wollten. Nach kurzer Begrüßung durch Gerd- Peter Zielezinski, (Ratfraktion der Linkspartei) entspann sich eine überraschend pluralistische Debatte.
Gekommen waren u.a. AktivistInnen aus diversen Gewerkschaften (Verdi, GEW, BASO, IG Chemie), ein Betriebsrat der Wuppertaler Bühnen, Beschäftigte des Schauspielhauses, Mitglieder des ASTA, freie Kulturschaffende, AktivistInnen von Tacheles, Attac, Club Courage, der Initiative Grundeinkommen, der Linkspartei, der DKP und aus dem AZ. Leider erschienen nur wenige Vertreter der von Kürzung betroffenen Einrichtungen.

Als Ergebnis ist folgendes festzuhalten (ohne Anspruch auf Vollständigkeit).

1. Die Versammlung hat sich als neues offenes Bündnis „BASTA-Wuppertal Bündnis gegen das Totsparen“ gegründet und sucht zahlreiche weitere Aktive. Das nächste Treffen ist für den 26. März in der Börse vereinbart.

2. Es wird zur besseren Vernetzung ein gemeinsames Internetportal aufgebaut, das auch eine kritische Gegenöffentlichkeit sicherstellen soll. Eine Massenzeitung gegen das Spardiktat und für das Recht auf Stadt ist in Vorbereitung.

3. Das Bündnis unterstützt die Aktivitäten von verdi und des Betriebsrats der Wuppertaler Bühnen zur Ratssitzung am 15. März. Wir rufen ebenfalls zur Demonstration ab 15.00 Uhr zum Alten Markt und zur kreativen Kundgebung vorm Rathaus und zur kritischen Begleitung der Rastsitzung auf. Eine eigene Musikanlage und Flugblätter/Plakate werden vorbereitet.

4. Für den 25. März soll die Einweihung der Schwimmoper durch den Ministerpräsident Rüttgers kritisch und kreativ begleitet werden. Ab 16:30 sollten sich die protestierenden Badegäste vor der Schwimmoper versammeln und wasserbeständige Protesttafeln und beschriftete Gummitiere mitbringen.

5. Ein wichtiger Punkt in der Debatte war die Frage nach den Möglichkeiten, einzelne Beschlüsse des Sparpakets wie die Schliessung des Schauspielhauses, der Schwimmbäder, die Kürzungen bei der Börse etc.) mit einem Bürgerbegehren zu blockieren. Stadtkämmerer Slawig hat ja immer betont, das man die Sparpläne nur dann kritieren darf, wenn man Sparalternativen hat. Auch ein Bürgerbegehren muss immer eine Gegenfinanzierung einschliessen. Der millionenschwere Döppersberg-Umbau könnte so eine Sparalternative sein, die 35 Millionen städtischer Eigenanteil könnten in einem Bürgerbegehren gegen das Spardiktat unserer Finanzierungsangebot sein.
Zur Frage des Bürgerbegehrens müssen aber noch Experten befragt werden.

6. Wir waren uns einig, das wir am 1.Mai insbesondere die DGB-Demo nutzen sollten, unseren Protest gegen die unsoziale und dummdreiste Sparpolitik auf die Straße zu tragen. Schließlich ist am 9. Mai Landtagswahl…

7. Es wurde angeregt, eine Konferenz zum urbanen Widerstand zu veranstalten, die die Kämpfe gegen Gentrification und die Sparpolitik zusammenfasst Weiter ging es um Interventionen gegen Hartz IV und für ein bedingungsloses Grundeinkommen, weil die Kämpfe für eine soziale Stadt eng mit dem Kampf für ein würdiges Leben zusammenhängen.

8. Es gab eine Vielzahl von weiteren Terminen und Aktivitäten, die genannt wurden. Am 1. März findet ab 9:00 der von Tacheles veranstaltete Zahltag vor der ARGE in der Bachstrasse statt. Am 20. März wollen wir gemeinsam an der Demonstration „Wir zahlen nicht für eure Krise“ in Essen teilnehmen. Am 27. März ist Welttheatertag in Wuppertal, der deutsche Bühnenverein und zahlreiche Theater solidarisieren sich mit den Wuppertaler Bühnen und spielen in Wuppertal auf.

bitte ergänzen und korrigieren…

jetzt ist die Katze aus dem Sack

GRÜNE: Kaputtsparen ist der falsche Weg!

Der Dezernent für Soziales, Jugend und Integration, Dr. Stefan Kühn, teilte den Fraktionen heute konkrete Sparmaßnahmen im Bereich Soziales mit. Vorgesehen ist u.a. die Streichung der städtischen Zuschüsse für das Kommunikationszentrum „die börse“ und für den Frauennotruf. Auf diese Mitteilung reagiert die Fraktion Bündnis 90/DIE GRÜNEN mit Entsetzen.

„Das Aus für ´die börse´ und den Frauennotruf bedeutet für die Stadt Wuppertal einen nicht hinnehmbaren Verlust sozialer und kultureller Einrichtungen, die auch von einem hohen Maß an bürgerschaftlichem Engagement getragen werden. Mit dem Kommunikationszentrum ´die börse´ soll eines der drei ältesten soziokulturellen Zentren der Bundesrepublik geschlossen werden. Die Symbolkraft der Schließung der börse als Einrichtung der freien Kulturszene ist für Wuppertal vergleichbar mit der Schließung des Schauspielhauses als Stätte der etablierten Kultur“, so Peter Vorsteher Fraktionsvorsitzender der GRÜNEN Ratsfraktion. „Mit 60.000 bis 70.000 NutzerInnen im Jahr hat ´die börse´ ihren festen Sitz in der kulturpolitischen Landschaft. Eine Jugendkultureinrichtung, die eine so hohe Anerkennung mit ihrem generationsübergreifendem Angebot und ihren Theaterprojekten erfährt, darf nicht geschlossen werden.“

„Das gleiche gilt für die Kürzung des Zuschusses für den Frauennotruf, in der Regel die erste Anlaufstelle für Mädchen und Frauen in Wuppertal nach einer Vergewaltigung oder nach anderer Gewalterfahrungen“, so Gerta Siller, gleichstellungspolitische Sprecherin der GRÜNEN Ratsfraktion. „Das innovative Frauenprojekt zur Stärkung des Opferschutzes, insbesondere der Befähigung von verletzten Mädchen und Frauen, ihre Rechte auch in Wuppertal (und Umgebung) in Anspruch zu nehmen, auf null zu setzen, ist ein No Go. Auch bei den Mädchenprojekten oder bei der Aufklärungsarbeit wie zuletzt bei der Kampagne zu den k.o.-Tropfen hat sich gezeigt, wie unverzichtbar diese Einrichtung für Mädchen und Frauen ist.“

Kampf der TEKEL-Arbeiter gegen Pläne der türkischen Regierung geht weiter

Aktueller Online-Flyer vom 25. Februar 2010

Wie am ersten Tag
Von Sultan Özer

Seit Mitte Dezember protestieren Beschäftigte des ursprünglich staatlichen türkischen Tabakkonzerns TEKEL gegen die Folgen der Privatisierung des Unternehmens. TEKEL wurde schrittweise an das Tabakmonopol British American Tobacco verkauft. Ursache der Proteste ist das Vorhaben der türkischen Regierung, landesweit 40 Produktionsstätten zu schließen und rund 12.000 TEKEL-ArbeiterInnen in andere Betriebe zu transferieren. Der Belegschaft drohen dadurch massive Gehaltskürzungen und der Verlust von tariflichen und sozialen Rechten. In einem deutschsprachigen Film dokumentierte Kurtulus Mermer für Hayat TV ihren Widerstand.

Am 15. Dezember reisten aus vielen Teilen des Landes Tausende TEKEL-Arbeiter mit Bussen nach Ankara. Sie marschierten zum Hauptsitz der Regierungspartei AKP. In lauten Sprechchören kündigten sie damals an, was viele ihnen nicht zumuteten: „Eher sterben wir, als dass wir mit leeren Taschen zurückkehren.“ Die 12.000 Arbeiter von TEKEL sollen nämlich ihre Rechte als Beamte verlieren, weil der ehemals staatliche Tabakkonzern British American Tobacco verkauft wurde. Die Beschäftigten hätten dann keinen Kündigungsschutz mehr und müssten mit der Hälfte des bisherigen Lohnes auskommen.

Chronologie des Arbeitskampfes

Der Widerstand der TEKEL-Arbeiter hat die türkischen Gewerkschaften aufgerüttelt und zum Handeln gezwungen. Auf ihren Druck hin kam der Vorstandsrat der Gewerkschaft Türk-Is am 23. Dezember vergangenen Jahres zusammen und beschloss, beginnend am 25. Dezember und fortan jeden Freitag, eine einstündige Arbeitsniederlegung durchzuführen. Diese sollte wöchentlich um je eine Stunde verlängert werden. Gewerkschaftsverbände wie DISK (Konföderation der Revolutionären Arbeitergewerkschaften) und KESK (Bündnis der Gewerkschaften der Angestellten des öffentlichen Dienstes) zogen nach. Den Höhepunkt der bisherigen Proteste bildete eine Großkundgebung der Türk-Is am 17. Januar in Ankara. Hunderttausende Beschäftigte versammelten sich an diesem Tag auf dem Sihhiye Platz. Protestierende Arbeiter besetzten den Rednerpult, als der Türk-Is Vorsitzender Mustafa Kumlu sich in einer Rede weigerte, von einem Streik zu sprechen.

Etappen eines langen Widerstandes

Im Januar trafen sich sechs große Gewerkschaften, um sich mit dem Streik der TEKEL-Arbeiter zu solidarisieren. Bei einem ersten Treffen am 21. Januar forderten sie von der Regierung einen “Rettungsplan“, was jedoch ergebnislos blieb. Das Bündnis der gewerkschaftlichen Konföderationen rief schließlich für den 4. Februar zu einem Generalstreik zur Solidarität mit den TEKEL-Arbeitern auf, an dem sich landesweit hunderttausende Beschäftigte aus unterschiedlichen Branchen beteiligten. Regierungsnahe Gewerkschaften wie Memur Sen (Gewerkschaften der Angestellten) und die religiöse Hak-Is erklärten dagegen bereits im Vorfeld ihre Nichtteilnahme an den Protestaktionen.

Der Arbeitskampf brachte viele Formen des Widerstands hervor. Seit seinem Beginn traten TEKEL-Arbeiter viermal in den Hungerstreik – erstmals am zweiten Streiktag. Dieser wurde jedoch von der Polizei gewaltsam beendet. Es folgte ein weiterer Hungerstreik, als die Verhandlungen der Konföderationen der Gewerkschaftsdachverbände mit der Regierung scheiterten. 175 Arbeiter traten zunächst in einen befristeten, wenige Tage später, am 5. Januar, in einen zeitlich unbefristeten Hungerstreik. Auf Druck von Ärztevereinigungen und Gewerkschaften wurde das Todesfasten schließlich beendet. Noch heute setzen aber mehr als 20 Arbeiter ihren Hungerstreik fort.

Der Protest der TEKEL-Arbeiter sprengt sogar nationalistische Grenzen im Lande und stärkt die Solidarität unter den Arbeitern – dies gerade in einer Zeit, in der rassistische und nationalistische Hetzkampagnen und Lynchversuche gegen Kurden, Sinti und Roma in der Türkei provoziert werden. Türken, Lazen, Kurden, Tscherkessen, Aleviten und Sunniten – sie alle stehen zusammen im Kampf für den Erhalt ihrer Produktionsstätten und ihrer sozialen Rechte. Der “Öffnungsprozess“ der AKP-Regierung, der die Annäherung der türkischen Regierung an einen Demokratisierungsschub z.B. auch in der kurdischen Frage umschreibt, erhält so eine klare Absage. Auf viele Fragen ist die AKP-Regierung den TEKEL-Arbeitern eine Antwort schuldig. Auch dieser: „Wir sind Brüder – und ihr?“

Solidarität stärken – auch international!

Bis zum 28. Februar sollen die Beschäftigten nun beantragen, in ein Angestelltenverhältnis übernommen zu werden. Tun sie das nicht, droht die Entlassung. Der Großteil der TEKEL-Arbeiter lehnt den Angestelltenstatus ab. Ministerpräsident Erdogan behauptet, dass sie weiterhin angemessene Gehälter erhalten würden; der Generalstreik sei ein Komplott gegen die Regierung. Unbeeindruckt von Neidkampagnen, Einschüchterungen und Täuschungsmanövern der Regierung und ihr nahestehender Medien halten die TEKEL-Arbeiter an ihrem Arbeitskampf fest. Gleichzeitig erwarten sie Solidarität und Unterstützung, sowohl im eigenen Land als auch international.

Redaktioneller Hinweis:

Kurtulus Mermer hat einen Film über den Kampf der TEKEL-ArbeiterInnen gemacht, zu dem wir Ihnen in dieser NRhZ-Ausgabe den Zugang über Youtube ermöglichen. Er wurde und wird diversen Veranstaltungen der Gewerkschaften und der DIDF gezeigt. Mit dem Film will der Autor die in Deutschland lebenden Menschen über die aktuellen Ereignisse in der Türkei informieren und zur Solidarität mit den TEKEL-Arbeitern aufrufen.
Kurtulus Mermer (31) lebt in Köln und arbeitet seit zweieinhalb Jahren als Journalist und technischer Leiter im Deutschland-Studio des im Dezember 2007 gegründeten linksgerichteten Senders Hayat TV, der am 16. Juli 2008 vom Satellitenbetreiber Türksat zeitweise abgeschaltet wurde. Vorangegangen waren Verfügungen des Innenministeriums der AKP-Regierung und der Medienbehörde RTÜK. Hayat TV (Hayat = Leben) wurde vorgeworfen, mit Live-Bildern den kurdischsprachigen Satellitensender Roj TV unterstützt zu haben, der seit 2004 von Dänemark aus per Satellit sendet und dessen Studios in Wuppertal und Berlin auf Anweisung der Bundesregierung im Mai 2008 durchsucht und anschließend verboten wurde.

Der Artikel von Sultan Özer aus Ankara wurde bereits in der alle 14 Tage erscheinenden türkisch- und deutschsprachigen Zeitung Yeni Hayat/Neues Leben veröffentlicht. Web: www.yenihayat.de

Mehr über Hayat TV in NRhZ 158: http://www.nrhz.de/

Einen spannenden Bericht mit Fotos und Videos von dem bisher einzigartigen Arbeitskampf in der Türkei, wird nach einer zweiwöchigen Solidaritätsreise Nihat Boyraz (Bremen) im Kölner Allerweltshaus vortragen.
Termin: Samstag, 27.2., um 17 Uhr im Allerweltshaus, Köln-Ehrenfeld, Körnerstraße 77-79. (PK)

Online-Flyer Nr. 238 vom 24.02.2010




Stoppt die Vorratsdatenspeicherung! Jetzt klicken & handeln!Willst du auch bei der Aktion teilnehmen? Hier findest du alle relevanten Infos und Materialien: