Infrastruktursozialismus

ein beitrag gegen die krise
Plädoyer der Redaktion für Infrastruktursozialismus

Von Redaktion prager frühling

Ein wohlverstandener Infrastruktursozialismus macht das Leben für die Menschen angenehmer und ist ein Beitrag gegen die Folgen der Krise. Zudem entzieht er elementare gesellschaftliche Aufgaben wie Kommunikation, Mobilität, Kultur, Bildung und Gesundheit der Warenförmigkeit.
Kommunikation
Telefon und Internet sind elementar für die Pflege sozialer und beruflicher Kontakte. Sie schaffen Zugang zu politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Informationen. Ohne sie ist gesellschaftliche Teilnahme heute nicht mehr denkbar. Deshalb müssen die Netze weiter ausgebaut werden. DSL muss auch im abgelegensten Dorf Standard sein. An öffentlichen Orten ist ein freies WLAN-Netz notwendig. Weil dies alles kostenlos ist, werden Milliardenbeträge für andere Ausgaben frei. Was für eine Ankurbelung der Binnennachfrage!

Mobilität
Mobilität wird üblicherweise als „freie Fahrt für freie Bürger“ interpretiert. Welcher Begriff von Freiheit dabei zugrunde liegt, zeigt sich bei der Abwrackprämie: Für Hartz-IV-Beziehende gilt sie nicht. Dabei wäre Mobilität für alle einfach zu organisieren: ÖPNV zum Nulltarif, ein Kontingent für Fernreisen mit der Bahn und ein enges Charsharing-Netz schaffen nicht nur viele Arbeitsplätze (mehr BusfahrerInnen, Erweiterung des Schienennetzes, der Züge etc.), sondern sind auch ein Beitrag gegen die Klimakatastrophe. Carsharing-Autos, die ähnlich wie die Bahn-Fahrräder in Großstädten ein dichtes Netz bilden, beseitigen zudem die Überproduktion in der Automobilindustrie ökologischer als die Abwrackprämie.

Kulturelle Teilhabe
Das kulturelle Leben ist vielfältig und umfasst nicht nur Theater, Kino, Musik und Literatur. So verschieden das Leben ist, so unterschiedlich müssen auch die kulturellen Angebote sein. Zu fördern ist dabei nicht nur, was gemeinhin als Hochkultur gilt, sondern auch die Kultur der Subalternen: Die Förderung der kulturellen Infrastruktur umfasst also sowohl das Theater als auch die Werkstatt für HobbyschrauberInnen, den Proberaum der jugendlichen Ohr-ab-Band, und die Karaoke-Bar. Die Förderung des kulturellen Lebens schafft dabei auch eine Vielzahl an Arbeitsplätzen: SchauspielerInnen, BühnenbildnerInnen, MusikerInnen müssen eingestellt, Hobbywerkstätten und Proberäume eingerichtet und verwaltet werden.

Gesundheit
Gesundheit muss vollständig der Warenförmigkeit entzogen werden, indem freier und kostenloser Zugang zu Ärtzehäusern und Krankenhäusern gewährt wird. Wer krank ist, wird behandelt. Die Zweiklassenmedizin ist abgeschafft. Dazu sind große Investitionen notwendig, weil durch den freien Zugang zur Gesundheitsversorgung sowohl ein Ausbau der Intensivmedizin notwendig, als auch der Bedarf an den Tätigkeiten der Heil- und Medizinfachberufe steigen wird.
Auch die Zahnmedizin hätte mehr zu tun, würden Kronen und Implantate nicht nur diejenigen erhalten, die sie bezahlen können, sondern alle, die sie benötigen. Um würdiges Altern zu garantieren, müssen auch in der Altenbetreuung mehr Menschen tätig sein.
Die Krankenkassen weisen heute zurecht darauf hin, dass regelmässige sportliche Betätigung wichtig ist. Der freie Eintritt zu McFit – allerdings mit qualifizierten TrainerInnen – ist daher ein weiterer Baustein eines Infrastruktursozialismus im Gesundheitswesen.

Bildung
Freier Zugang zu Schulen, Universitäten, Volkshochschulen und ein umfassendes Angebot an kostenlosen Kindertagesstätten macht die Menschen schlauer und schafft gesellschaftlich sinnvolle Arbeitsplätze. Durch den freien Zugang wird die diskriminierende Aufteilung der SchülerInnen auf verschiedene Schultypen beendet. Kindertagesstätten und Ganztagsschulen erleichtern die Verbindung von Familie und Beruf. Selbstverständlich gibt es Studiengebühren genau so wenig wie Gebühren für die Meisterlehrgänge handwerklicher Berufe. Die Lehrmaterialien (Schulbücher, Zugang zu den Bibliotheken, Ausbildungsmaterialien) sind kostenfrei.

Demokratisch ausgehandelt und selbstverwaltet zeigt der Infrastruktursozialismus auf, was heute schon an gesellschaftlicher Teilnahme möglich wäre. Die Forderung „Her mit dem Infrastruktursozialismus“ ist daher mehr als eine linke Antwort auf die Krise, weil der Infrastruktursozialismus bereits die Möglichkeiten der neuen Gesellschaft im Schoss der alten ausbrütet.

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5 Antworten auf „Infrastruktursozialismus“


  1. 1 Administrator 18. August 2009 um 16:39 Uhr

    Sozial 2.0: Herr, Knecht, Feind, Freund
    Soziale Netzwerke und die Ökonomie der Freundschaft

    Netzwerke wie Facebook, StudiVZ oder MySpace haben keinen guten Ruf. Über sie kommunizieren zwar Millionen, aber ihr Image ist grausig. Sie sind der Mainstream des Internets, der Ort, an dem die Massen sich herumtreiben, und Masse gilt als dumm, schwerfällig und dumpf. Dabei nutzen junge Menschen diese von allen möglichen Widgets aufgepimpten Dienste nicht nur weitaus lieber als die üblichen Applikationen, Email oder so. Was alleine schon ein Grund wäre, genau hinzugucken. An sozialen Netzwerken zeigen sich auch mehr als nur die üblichen Probleme. Aber beginnen wir mit denen.

    Soziale Netzwerke, eigentlich aber das Internet im Allgemeinen, erzeugen ein ganz neues Kuddelmuddel. Denn bislang schien unser Leben wohl geordneten Zonen zu folgen: Angelegenheiten zu Hause sind privat. Gehen wir auf die Straße oder versammeln uns an öffentlichen Orten, sind wir dagegen öffentlich, denn draußen, an öffentlichen Orten mutieren wir zu dem, was Habermas mal etwas umständlich „Sphäre der zum Publikum versammelten Privatleute“ genannt hat. Und das gerät jetzt im Netz, vor allem aber auf der Oberfläche der sozialen Netzwerke durcheinander. Dort reden wir in einem Netzwerk mit unseren Freunden, privat quasi, doch diese private Kommunikation ist zugleich – und das macht Ärger, zu dem kommen wir später – öffentlich für alle zu verfolgen. Privat und öffentlich sind heute also im Gegensatz zu früher miteinander verwoben. Obwohl: Ganz so ordentlich zu trennen war sie im Grunde noch nie.

    Wohnzimmer beispielsweise sind privat, sogar durch den Artikel 13 im Grundgesetz geschützt („die Wohnung ist unverletzlich“), hatten aber sogar jenseits des Großen Lauschangriffs immer auch etwas Repräsentatives. Wenn Freunde erstmals zu Besuch kommen, bilden sie mit hochgezogener Augenbraue ein beurteilendes Publikum, kennt man ja von sich selbst. Besucht man jemanden zum ersten Mal, guckt man sich neugierig um, wie jemand eingerichtet ist. Schon seit langem bilden privat und öffentlich also unsaubere Schnittmengen. In gewisser Weise konnte man diese aber bisher noch ganz gut kontrollieren, denn im Allgemeinen bekommt man a) mit, wenn jemand das eigene Wohnzimmer betritt und wenn der b) einem nicht mehr passt, schmeißt man ihn eben raus. Bitte geh. Mit dem Internet ist das anders. Beides. Denn das Besondere an sozialen Netzwerken ist, dass man dort seine eigene private Öffentlichkeit aufmachen kann. Zu der versammelt man um sich seine besten Online-Freunde, außerdem kann man dank seines Profils – Bild und aufgebohrter Proust-Fragebogen – mehr Aspekte von sich rüberbringen als mit einer auch noch so kreativ ausgedachten E-Mail-Adresse. Wir stehen vor einer neuen Ära der Semi-Öffentlichkeit quasi, habermasianisch könnte man auch sagen, vor einer Sphäre des zum Privaten versammelten Publikums. Und die ist öffentlich, fühlt sich aber privat an.
    Wenn sich das Öffentliche privat anfühlt

    Im Dickicht der Millionen fühlt man sich sicher und unauffindbar – kein Wunder, denn Aufmerksamkeit, wissen wir ja, ist das wichtigste Gut des Internets, und die kriegt man nicht so leicht, normalerweise sind die Millionen eben nur potenziell. Die meisten Webseiten gammeln träge im Netz vor sich hin, Blogs plappern ins Leere und bekommen keinen Besuch. Nicht umsonst sind professionelle Seiten ja damit beschäftigt, unprofessionell Traffic auf ihre Seite zu schaufeln. Online sein, das heißt eben erst mal nicht zugleich sichtbar und damit öffentlich zu sein – es sei denn, man wird gesucht. Und da beginnt das Problem, besonders, wenn man Besuch bekommt, den man nicht unbedingt erwartet.

    Zum Beispiel vom Arbeitgeber. In der Tat sind in den USA schon mehrere Lehrer wegen ihrer hochgeladenen Bilder gefeuert worden. Weil sie sich in ihrer Freizeit auf ihren privaten MySpace- oder Facebook-Profilen zu freizügig zeigten, weil sie sich mit etwas abgelichtet haben, was wie ein Longdrink aussah, und ihre Vorbildfunktion – so lautete die offizielle Argumentation – damit ins Wanken gerät. Bestraft wird heute eben nicht mehr nur Alkohol am Steuer, überprüft wird auch der Alkohol im Bild. Da hilft bei einem spießigen Arbeitgeber wie der Millersville University in Pennsylvania auch nicht der Verweis auf Ist-doch-Freizeit etwas. Es ist so, wir müssen alle damit umgehen: Leute schauen in Kontexten vorbei, in denen sie nichts zu suchen haben. Und dass ins Internet öffentlich eingestellte Bilder immer angesehen werden können, sollte jedem klar sein. Denn der Long Tail des Internet ist zwar endlos lang, aber selbst am entlegensten Ende besteht er aus lauter Nischen – und die sind grundsätzlich an einer Seite offen.
    Netzwerke – Produktivkräfte der Selbstverwirklichung

    Unordnung gibt es aber nicht nur, weil öffentliche Kommunikationen sich privat anfühlen, es aber nicht sind. Begrifflich dreht ja derzeit vieles durch. Arbeit und Freizeit benehmen sich beispielsweise schon seit einiger Zeit weit wilder als privat und öffentlich. Auch außerhalb des Netzes. Beziehungen haben heute nicht mehr nur Leute, die etwas darstellen. Im Gegenteil: Das eigene Netzwerk an Freunden ist für alle zu einem wichtigen Arbeitgeber geworden. Cafés sind in Folge dessen zu laptopgepflasterten, rauchfreien Büros mutiert, in denen man Meetings abhält. Und Menschen, die Festanstellungen mit eigenem Büro besitzen, sind auch nach der Arbeit, in der man sich natürlich selbst verwirklicht (klar), auf ihrem Smartphone überall erreichbar – mal ganz abgesehen davon, dass man sich in Festanstellungen heute auch nur vorübergehend parkt. Weshalb soziale Netzwerke auch mehr sind als einfach nur neue Entwicklungen im Netz. Man kann sie als ein neues Paradigma für unsere Gesellschaft lesen. Was heißt: An ihnen kann man die Verschiebungen feststellen, die man uns Subjekten in den letzten Jahren aufgedrückt hat.

    Zentral auffällig ist da vor allem eins: Die Technik der Selbstdarstellung ist heute nicht mehr nur eine Angelegenheit des Künstlers, der damit früher einmal die eigenen Fähigkeiten ausstellte. Jeder mündige Bürger, nun gut, zumindest die jüngeren unter ihnen, ist heute zur Selbstdarstellung verpflichtet, einfach weil man gar nicht mehr daran vorbeikommt. Es ist ja so: Man bewirbt sich nicht mehr nur beim Arbeitgeber mit einem Lebenslauf, sondern auch bei seinen Freunden. Eine Ökonomisierung des eigenen Selbst, die man auch positiv auslesen kann: Man überlässt das Führen von personenbezogenen Daten nicht mehr der Personalabteilung, dem Einwohnermeldeamt oder der Polizei alleine, sondern exponiert sich lieber im eigenen Licht. Aneignung der Statistik, verwalte dich doch lieber selbst.

    Wie jede Gentrifizierung ist auch die gentrification of our souls damit alles andere als eindeutig schlecht oder gut. Die Ökonomisierung des eigenen Lebens, wie sie sich in sozialen Netzwerken zeigt, ist ambivalent. Sie entspricht einer Aneignung ebenso wie einer Auslieferung. Und es hat wenig Sinn, gegen sie frontal anzugehen. Bleibt man aus den sozialen Netzwerken weg, ist man eben nicht dabei. Es merkt ganz einfach keiner. Tja, Mist aber auch, Widerstand sieht anders aus. Was nicht heißt, dass es ihn nicht gibt. Er findet nur innerhalb dieser Netzwerke statt: Man organisiert sich dort zu Gruppen gegen das Sammeln von Daten oder sprengt absichtlich das starre, vorgefertigte Layout bis zum Biegen und Brechen der Netzwerk-Seite. Und das heißt, soziale Netzwerke sind alles andere als dumm.

    In und an sozialen Netzwerken lässt sich eine umfassende Transformation dieser Gesellschaft ablesen. Knechte braucht heute kein Mensch mehr. Selbstverwirklichung ist eine effektivere Kapitalisierung der Subjekte. Hegels alte Herr-Knecht-Dichotomie hat ausgedient, was man auch daran merkt, dass Werte wie Demut, Opfer oder Selbstaufgabe sich klammheimlich vom Acker des Subjektes gemacht haben. Sie sind aus den zeitgenössischen Erzählungen verschwunden. Die klassische Unterwerfung, sie wird nur noch wenig verlangt, geübt oder trainiert. Sie spielt keine große Rolle mehr. Die permanente Aufforderung zur Selbstverwirklichung rückt an ihre Stelle, und folglich muss Ideologie heute umdefiniert werden. Sie besteht nicht mehr in Unterwerfung. Fast klingt es, als hätte der französische Marxist Louis Althusser sich auf sozialen Netzwerken herumgetrieben, als er in seinem Aufsatz Ideologie und ideologische Staatsapparate schrieb: Die Ideologie stellt das imaginäre Verhältnis der Individuen zu ihren wirklichen Lebensbedingungen dar. Und außerdem festlegte: Eine Ideologie existiert immer in einem Apparat und dessen Praxis oder Praktiken. Diese Existenz ist materiell. Denn all das – das imaginäre Verhältnis zu den eigenen Lebensbedingungen, manifestiert im Profil, ausgestellt in einem Apparat namens soziales Netzwerk – findet man heute genau so auf sozialen Plattformen.

    Kreuzt man jetzt weiter und noch ein wenig intensiver Althussers alten Versuch von 1969 mit 2008, kreuzt man den Versuch, den Ideologie-Begriff upzudaten mit sozialen Netzwerken, kommt man zu folgendem Ergebnis: Ideologie ist heute selbst gewählt. Sie ist selbst gewählt, aber nicht selbst bestimmt. Denn mein Profil ist mein imaginäres Verhältnis zu meinen wirklichen Lebensbedingungen. Es ist mein System von Wertvorstellungen, was aber nicht heißt, dass es mir gehört. Tatsächlich gehört es – das Runterscrollen auf jeder MySpace-, StudiVZ oder Facebook-etc.-Seite hin zum Copyright zeigt das schnell – Rupert Murdoch oder Marc Zuckerberg oder wer auch immer die Plattform betreibt. Und die machen ihr Geld mit der Auswertung meiner privaten Ideologie. Genau da schließt sich der Kreis zur älteren Bestimmung der Ideologie, denn wie damals können wir den Apparat nicht kontrollieren. Meine Vorlieben, meine Einkaufsgewohnheiten, mein Freundesnetzwerk und mein aktueller Gefühlsstatus, all diese Dinge sind nicht privat. Sie gehören dem Besitzer des sozialen Netzwerkes und nicht mir. Sind wir deshalb alle Knechte von Rupert Murdoch und Konsorten?
    Ein neues Verhältnis von Herr und Knecht

    Die Sache ist komplizierter. Tatsächlich sind soziale Netzwerke nicht per se böse. Auch wenn sie immer mal wieder den Usern zu nahe treten, ihre Daten für targeted ads verticken und das in all jenen Fällen, in denen sie ihren Usern zu nah auf die Pelle rücken, jedes Mal nach der Welle der Empörung bitter rückrudernd bereuen, werden sie ihre User nicht prinzipiell für ein Appel und ein Ei verkaufen. Denn das vergrault sie. Und damit ist das Businessmodell futsch. Der Herr ist heute eng an den Knecht gebunden, tatsächlich wird er ab und an deshalb eben zum Knecht der User, denn natürlich wollen sie mit den Datenspuren ihrer Kunden Geld machen. Umso dringender muss man sich die Frage stellen, wem heute eigentlich meine Gewohnheiten gehören – mir oder dem Netzwerk.

    Damit jedoch steht man bei sozialen Netzwerken vor einem Typus von Macht, die für das Internet spezifisch zu sein scheint: Auf Grund von gefährlichem Detailwissen haben Firmen im Netz eine neue Form der Macht – nicht umsonst bezeichnet man Google als „Friendemy“. Diese Firmen im Netz sind auf Grund ihres Wissens – und Wissen ist Macht, heute mehr denn je – gefährlich wie ein Feind, aber sie verhalten sich wie deine Freunde. Sie machen das Leben leichter. Ein soziales Netzwerk hat Macht, aber das ändert nichts daran, dass soziale Netzwerke auch eine neue, angenehme Form der Kommunikation mit Freunden bleiben. Das Problem ist, dass die Ökonomisierung der Freundschaft eben nicht heißt, dass die Freundschaft dabei verschwindet. Was kommentiert werden muss. Und wo könnte man das besser tun als auf einem sozialen Netzwerk.

    Also los.

    Mercedes Bunz, mal mehr, mal weniger aktives Mitglied auf Facebook, last.fm, MySpace und StudiVZ

  2. 2 Administrator 18. August 2009 um 16:40 Uhr

    ak – analyse & kritik – zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 541 / 21.8.2009
    Alle Menschen werden Freunde
    Das politische Potenzial von sozialen Netzwerken

    Wenn Linke über soziale Netzwerke im Internet sprechen, überwiegen häufig Kritik und Skepsis: Was macht Facebook mit meinen Daten? Und was der Staat? Wer profitiert von dem Video, das ich bei YouTube hochgeladen habe? Und arbeiten im Internet eigentlich alle umsonst? Ohne Zweifel haben diese Fragen ihre Berechtigung. Doch in diesem Artikel geht es um etwas anderes. Es geht um das politische Potenzial von sozialen Netzwerken. (1)

    „Hallo Alle. Ich weiß, dass dieses E-Mail vielen anderen ähnlich sehen mag, die im Netz zirkulieren, aber das trifft nicht zu. Dieses E-Mail wird in ganz Spanien verschickt, um unsere Rechte einzufordern. Wir haben den gesamten März hindurch den Aufruf zu riesigen Saufgelagen in ganz Spanien miterlebt. Dieser Aufruf ist anders. In Frankreich protestieren die Jugendlichen für eine ,Änderung` der ausbeuterischen Arbeitsverträge. Viele Stimmen in diesem Land haben sich darüber aufgeregt, dass die Jugendlichen nichts machen würden. Na gut, werden wir es ihnen zeigen? FÜR WÜRDIGEN WOHNRAUM, HER DAMIT!!“

    Im Jahr 2006 breitete sich diese E-Mail rasant über E-Mail-Verteiler und Blogs aus. Kurze Zeit später demonstrierten tausende Menschen in spanischen Großstädten. Die Bewegung „V de Vivienda“ entstand. (2) Auch in den folgenden Monaten spielte das Internet eine entscheidende Rolle. Über Internetforen wurden Aktionen koordiniert, auf Internetplattformen wie Flickr und YouTube wurden zahllose Fotos und Videos hochgeladen, und über Blogs wurde zu neuen Demonstrationen aufgerufen. Auf dem Höhepunkt der Bewegung gingen Ende 2006 allein in Barcelona 25.000 Menschen auf die Straße.

    Zum einen verweist „V de Vivienda“ auf die zunehmende Bedeutung von prekären Lebens- und Arbeitsbedingungen – in Spanien und darüber hinaus. Längst ist Prekarität zu einem der zentralen gesellschaftlichen Konflikte Europas geworden. Ob Generation 1.000 Euro, Generation 800 Euro, Génération précaire oder Generation Praktikum: Die soziale Krise hat ganzen Generationen ihren Namen gegeben. Zugleich sind auch viele Ältere von Prekarität betroffen. Zum anderen verweist die Bewegung „V de Vivienda“ darauf, dass die Prekären entgegen gängiger Analysen nicht zwangsläufig vereinzelt und isoliert sind. Im Gegenteil: Die soziale und politische Dynamik der Bewegung für bezahlbaren Wohnraum beruht auf der Exzessivität sozialer Beziehungen. Einer Exzessivität, bei der soziale Medien wie Internetforen, Blogs, Wikis und soziale Netzwerke eine entscheidende Rolle spielen.
    Von Freundschaften und „Freundschaften“

    Auch die Bedeutung der sozialen Medien weist über die Bewegung „V de Vivienda“ hinaus. Diese Internetanwendungen sind heute genauso alltäglich wie die Prekarität. Gemeinsam ist ihnen die zunehmende Bedeutung von interaktiven und kollaborativen Elementen. Ihnen allen liegt eine „Architektur der Partizipation“ (Tim O‘Reilly) zu Grunde. Während Massenmedien wie Zeitung, Radio oder Fernsehen auf dem Prinzip „Ein Sender viele Empfänger“ beruhen, basieren Blogs, Wikis, Foren und soziale Netzwerke auf dem Prinzip „Jeder Empfänger ein potenzieller Sender“ (Hans Magnus Enzensberger). An die Stelle des vereinzelten, passiven, sozial verarmten Konsumenten ist der aktive, dicht vernetzte User getreten. Oder anders formuliert: Die sozialen Medien sind das Radio, von dem Brecht immer geträumt hat.

    In dem Maß, in dem soziale Medien zum neuen Leitmedium werden, gewinnen auch Internetnetzwerke an Bedeutung. Weltweit werden heute mehrere hundert soziale Netzwerke von mehreren hundert Millionen Menschen genutzt. Allein in Europa verwenden laut einem Bericht des Informationsanbieters Datamonitor knapp 42 Millionen Menschen soziale Netzwerke. In drei Jahren sollen es 107 Millionen sein. Die Bandbreite der Netzwerke ist enorm: Dating, Geschäftskontakte, Freundschaften, gemeinsame Vorlieben, politische Überzeugungen. Die größten sozialen Netzwerke wie Facebook verbinden all diese Interessen auf einer Seite. Trotz aller Unterschiede haben diese Netzwerke zwei Merkmale gemeinsam: eine personalisierte Webseite für jeden Nutzer und eine dazugehörige, öffentlich einsehbare „Freundesliste“. Innerhalb dieser Netzwerke wuchern die sozialen Beziehungen. Dutzende, zum Teil hunderte „Freunde“ sind keine Seltenheit. Diese Beziehungen folgen dabei einem spezifischen Muster. Innerhalb von sozialen Netzwerken ist nicht jeder mit jedem verknüpft. Vielmehr bilden sich zahllose „Freundeskreise“ heraus, die durch ein dichtes Netz von engen Beziehungen gekennzeichnet sind. Diese „Freundeskreise“ sind wiederum durch lose Bekanntschaften miteinander verknüpft. Zusammenfassend schreibt Clay Shirkey: „Ein größeres Netzwerk ist eine lose verknüpfte Gruppe von enger verknüpften Unternetzwerken.“

    Darüber hinaus sind soziale Beziehungen innerhalb von sozialen Netzwerken durch drei wesentliche Merkmale gekennzeichnet. Sie sind sozial sichtbar, weil durch die Profile und „Freundeslisten“ Vorlieben, Interessen und soziale Kontakte öffentlich einsehbar sind. Sie sind „schmutzig“, weil sich berufliche, freundschaftliche und familiäre Beziehungen immer weniger unterscheiden lassen. Und sie sind flüchtig, weil alte Klassenkameraden, lose Bekannten und frühere Arbeitskollegen allesamt „Freunde“ werden.

    In den meisten sozialen Netzwerken trifft man keine Fremden. Zu einem Großteil der bestätigten Kontakte besteht bereits eine „offline connection“ (danah boyd). Dies bedeutet zum einen, dass soziale Unterschiede auch innerhalb der Online-Welt fortbestehen. Zum anderen – und dies ist diesem Zusammenhang das Entscheidende – deutet es darauf hin, dass die flüchtigen und schmutzigen sozialen Beziehungen nicht allein ein Effekt des technischen Mediums sind, sondern zugleich auf ein verändertes gesellschaftliches Milieu verweisen. 40 Jahre Betriebszugehörigkeit und 40 Jahre Ehe werden immer seltener. Immer mehr gesellschaftliche Bereiche sind durch eine „Kultur des Projekts“ (Luc Boltanski) geprägt. Selbstständigkeit und befristete Verträge, Patchwork-Familie und Single-Haushalte breiten sich aus. An die Stelle von wenigen stabilen sozialen Beziehungen treten viele flüchtige. Zugleich löst sich die Grenze zwischen Freundschaft und Arbeit immer mehr auf. In diesen Kontext müssen auch die Beziehungen innerhalb von sozialen Netzwerken eingeordnet werden. Darauf verweist auch die Entstehungsgeschichte von sozialen Netzwerken, die sich nicht von der Krise von der fordistischen Familie und der fordistischen Lohnarbeit trennen lässt. So haben die Gestalter der ersten sozialen Netzwerke das Element der Profile unmittelbar von Dating-Portalen übernommen. Zugleich spielten soziale Netzwerke für Selbstständige eine wichtige Rolle bei dem Weg von Facebook und Co. in den gesellschaftlichen Mainstream.
    Soziale Netzwerke zwischen Party und Revolte

    Der fortdauernde Boom der sozialen Netzwerke macht deutlich, dass die gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnisse nicht allein durch Vereinzelung, sondern auch durch eine Exzessivität sozialer Beziehungen gekennzeichnet sind. Ebenso wie Vereinzelung zu Passivität, führt Exzessivität zu Bewegung. Ungeplant und unerwartet. So auch für Christoph Hübner. Eigentlich wollte er nur eine Strandparty mit rund 100 Bekannten feiern und sich darüber hinwegtrösten, dass seine Freundin ihn verlassen und er seinen Job verloren hatte. Unter dem Motto „Alle Mann nach Westerland, wir machen eine fette Beach-Party“ gründet er Anfang des Jahres eine Gruppe innerhalb des sozialen Netzwerks MeinVZ. Doch aus der kleinen Party wurde ein großer Flashmob. 13.000 meldeten sich an. 5.000 kamen nach Sylt.

    Eine vergleichbare soziale Dynamik liegt auch vielen aktuellen politischen Auseinandersetzungen zu Grunde: der Bewegung „V de Vivienda“, die von einer anonymen Mail ausgelöst wurde; der Klagewelle gegen Hartz IV, die ohne Internetforen wie chefduzen.de kaum denkbar wäre; dem erfolgreichen Streik der italienischen IBM-Arbeiter, der nicht im Betrieb, sondern innerhalb der digitalen Online-Welt Second Life stattfand; der Online-Petition für ein bedingungsloses Grundeinkommen, die offline nicht zu Stande gekommen wäre; … Diese politischen Auseinandersetzungen sind nicht allein dadurch gekennzeichnet, dass in ihnen Prekarität und Internet eine wichtige Rolle spielen. Sie sind zugleich durch die weitgehende Abwesenheit von linken Gruppen, Parteien und Gewerkschaften geprägt. Dies macht eines deutlich. Die Schwierigkeit sich in der Prekarität zu organisieren, besteht nicht darin, dass Passivität und Vereinzelung vorherrschend geworden sind. Sie besteht darin, dass bestehende Organisationskonzepte nicht in der Lage sind, die neue Form sozialer Beziehungen zum Ausgangspunkt zu machen. Gerade deshalb bleiben sie sozial isoliert.

    Auch die Organisierungskonzepte vieler linker Gruppen verfehlen die Ambivalenz der neuen sozialen Beziehungen. Weil an Verbindlichkeit und Kontinuität, an Unsichtbarkeit und Konspiration sowie an Reinheit und Eindeutigkeit festgehalten wird, können die neuen sozialen Beziehungen nur als Zeichen des gesellschaftlichen Verfalls gesehen werden. Die einseitige Betonung von Verbindlichkeit führt dazu, dass flüchtige soziale Beziehungen als Ausgangspunkt politischen Handelns verworfen werden. Doch statt unverbindliche und flüchtige soziale Beziehungen zu kappen, geht es darum zu verstehen, dass Handlungsfähigkeit durch die spezifische Verbindung von festen und flüchtigen Beziehungen entsteht und dass gerade flüchtige Beziehungen eine entscheidende Bedeutung für soziale Verankerung haben. Die einseitige Betonung von Konspiration führt dazu, dass soziale Sichtbarkeit vor allem als Einfallstor für Kommerz und staatliche Überwachung gesehen wird. Doch die soziale Sichtbarkeit innerhalb sozialer Netzwerke erleichtert es zugleich ungemein, Gleichgesinnte zu finden. Die einseitige Betonung von Eindeutigkeit und Reinheit bringt eine abstrakte Radikalität hervor, in der die Schmutzigkeit der gegenwärtigen sozialen Beziehungen keinen Platz hat. Anstatt die fortwährende Überschneidung von politischen, freundschaftlichen und beruflichen Beziehungen als Chance zu begreifen und die eigenen sozialen Beziehungen zu politisieren, wird an der Trennung von Politik und eigenem Alltag festgehalten. Vor diesem Hintergrund fällt es vielen linken Gruppen und Organisationen schwer, sich auf die Dynamik der neuen sozialen Beziehungen einzulassen.
    Die Ambivalenz der neuen sozialen Beziehungen

    „Ich heiße Susanne Wiest, ich habe zwei Kinder und ich arbeite als Tagesmutter in der Nähe von Greifswald. Zum 1. 1. dieses Jahres wurde die Besteuerung für Tagesmütter geändert. Das bedeutet von Dezember auf Januar 200 Euro weniger Lohn. Da dachte ich, kann ja wohl nicht sein. Und der Lohn ist eh schon niedrig. Ich habe dann eine Petition in meiner Tagesmutterangelegenheit gestellt. Und habe so gelesen, was es da noch so alles gibt. Flickwerk habe ich mir gedacht, alles Flickwerk. Da muss irgendwie der große Wurf her und dann habe ich mich hingesetzt und noch eine zweite Petition an den Bundestag gestellt. …“

    Diese zweite Online-Petition wurde Anfang diesen Jahres tatsächlich ein großer Wurf. Das Gesuch für ein bedingungsloses Grundeinkommen verbreitete sich mit großer Geschwindigkeit über E-Mail-Verteiler und Blogs. Innerhalb weniger Wochen unterzeichneten mehr als 50.000 Menschen die Online-Petition. Auch hier zeigt sich das politische Potenzial von sozialen Medien. Interessant ist dabei nicht die offensichtliche Begrenztheit von Online-Petitionen. Interessant ist, dass eine einzelne Frau ohne Organisation und ohne Ressourcen eine solche soziale und politische Dynamik anstoßen kann. Dies macht deutlich, dass jenseits der anachronistischen Konzepte von Organisierung soziale Medien zum kollektiven Organisator der Gegenwart werden können. Damit endlich alle Menschen Freunde werden.

    Bürogemeinschaft 9to5

    Anmerkungen:

    1) Dieser Text ist im Rahmen des Forschungsprojekts „Netzwerkkämpfe er/finden“ der Bürogemeinschaft 9to5 entstanden, das von der Stiftung Menschenwürde und Arbeitswelt sowie von der Rosa Luxemburg Stiftung unterstützt wird.

    2) Der Name dieser Bewegung funktioniert nicht auf deutsch. „V de Vivienda“ lehnt sich an den Film „V wie Vendetta“ an; übersetzt bedeutet es „W wie Wohnraum“.

  3. 3 Administrator 18. August 2009 um 16:40 Uhr

    k – analyse & kritik – zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 541 / 21.8.2009
    Die Debatte erden
    Das Internet, soziale Netzwerke und Realität des Web 2.0

    Der Hype hinsichtlich sozialer Netzwerke („Web 2.0″) ist vergleichsweise nachhaltig, wenn man ihn mit dem Rummel um frühere Medienformate des Internet seit 1990 vergleicht. Dabei gibt es auch in diesem Fall gute (empirische) Gründe, misstrauisch und zurückhaltend zu sein, wenn ständig eine neue Sau durchs Dorf getrieben wird: MySpace, Second Life, Facebook und nun Twitter. Im Folgenden soll sich der Bedeutung des Internet und dem Web 2.0 mittels der Empirie, also den Fakten und Zahlen genähert werden.

    Allen diesen „Erscheinungen“ soll gemein sein, dass sie unser Leben revolutionieren, sprich unseren Alltag umkrempeln, bestehende Machtverhältnisse aufbrechen und neue (politische wie „identitäre“) Repräsentationen sichtbar machen. Angefeuert durch die verschiedensten Spielarten der Medienwissenschaften, die sich kurzzeitig als akademische Leitdisziplin wähnten und dabei sogar behaupteten, dass Kulturtheorie nur noch als Medientheorie denkbar sei, wurde ein Diskurs hegemonial, der den NutzerInnen bzw. NichtnutzerInnen das Mithalten als oberste Bürgerpflicht verordnete.

    Einerseits basiert diese große Erzählung über das Internet auf der Grundlage einer falschen oder verkürzten Gesellschafts- und Kulturanalyse. Andererseits hat sich der Gebrauch der Informations- und Kommunikationstechniken veralltäglicht („habitualisiert“). Sie sind ein kaum mehr wegzudenkendes Werkzeug in fast allen Lebensbereichen wie Arbeit, Freizeit und eben auch Politik geworden. Insofern lassen sich nicht nur technikeuphorische, sondern auch jene kulturkritischen Erzählungen finden, die in bewährt kulturpessimistischer Manier die Folgen des vorgeblich exzessiven Mediengebrauchs anprangern.
    Die große Internet-Erzählung als soziales Kampfterrain

    Mediendiskurse wie denjenigen über das Internet lassen sich auf zweierlei Art analysieren. Einerseits kann der Sachverhalt empirisch untersucht werden, andererseits kann gefragt werden, was sagen solche Narrationen über die Gesellschaft aus? Anhand der Debatte über Weblogs und die Qualität des Journalismus lässt sich beispielhaft zeigen, inwiefern solche Auseinandersetzungen auch „Bedeutungskämpfe“ (Carstensen 2006) sind, in denen soziale Konflikte über Geschlecht und die Wertigkeit von kulturellem (und schließlich auch ökonomischem) Kapital geführt werden.

    Ähnlich wie die Bildungseliten im 18. und 19. Jahrhundert ihr bisheriges Vorrecht der Nutzung der Kulturtechnik des Lesens in Gefahr sahen, reagieren heutige (Bildungs-)Eliten aggressiv auf die drohende Entwertung ihres Privilegs hinsichtlich der Produktion und Distribution von Texten oder Inhalten sowie deren vereinfachte Distribution durch das Internet. Wenn nun jeder und jede seine/ihre Sicht auf die Welt weltweit und ohne zeitliche und räumliche Einschränkungen publizieren kann, steht die Exklusivität des kulturellen Kapitals der Intermediatoren von Weltsichten, insbesondere von Intellektuellen, also WissenschaftlerInnen und JournalistInnen, zumindest potenziell zur Disposition. (Schönberger 2009)

    Die Daten über die NutzerInnen zeigen, dass in Deutschland 15 Jahre nach der Geburtsstunde des Internet zwei Drittel der Bevölkerung (ab 14 Jahren) das Internet nutzt. Hier fängt das Problem aber auch schon an. Was heißt „nutzen“? In der jüngsten ARD/ZDF-Online-Studie 2009 wird unterschieden zwischen „gelegentlicher“ und „in den letzten vier Wochen genutzt“. Entsprechend unscharf bleibt die Bedeutung dessen, was hier als Internetnutzung verstanden wird.

    Waren 1997 erst 6,5 Prozent der Bevölkerung über 14 Jahre Internet-NutzerInnen, so sind es im Jahr 2009 67,1 Prozent (= 43,5 Mio.). Das sind 1,3 Prozent Zuwachs gegenüber 2008 und 5,5 Prozent gegenüber 2007. Inzwischen haben sich jedoch die Zuwachsraten deutlich verringert, was mit der „Vollversorgung“ bei den Kerngruppen erklärt wird. Es sind vor allem die älteren Jahrgänge (30 bis 39-Jährige sowie „Silversurfer“, d.h. alle über 50, insbesondere bei den 60 bis 79 Jahre alten SeniorInnen), die für die gegenwärtigen Zuwachsraten sorgen.

    Die letzte zweistellige Zuwachsrate mit 22 Prozent gab es 2003, als es gelang, mittels neuer Medienformate wie Online-Auktionen (eBay) und Preisvergleichsportalen bisher nicht geneigte Gruppen wie etwa Nicht-Berufstätige zu gewinnen. Zuwachsraten sind künftig überwiegend bei den Älteren zu erwarten. Eine der zentralen Folgen ist der Veränderungsdruck für die traditionellen Medien (Zeitungen, Radio, Fernsehen), die sich infolgedessen mit ganz neuen Erwartungen wie Zusatzangeboten im Netz konfrontiert sehen. Ebenso bezeichnend ist, dass bereits 34 Prozent dieser NutzerInnen das Internet als ihr „Primärmedium“ ansehen, „um sich im Alltag zurechtzufinden“.

    In Bezug auf das Web 2.0 passiert gegenwärtig das Gleiche wie zu Beginn des Internet mit Online-Spielen und Chats. Es nutzt diese „user-content-generated“-Anwendungen noch kaum jemand aktiv, aber es wird über sie geschrieben, als würde inzwischen jedeR nichts anderes mehr machen. Es lassen sich Anwendungen wie Wikipedia, Videoportale (YouTube), Fotosamlungen (Flickr), berufliche Netzwerke (Xing) oder private Communities (Facebook, StudiVZ, MySpace), Weblogs, Social-Lesezeichensammlungen (del.ici.ous) und virtuelle Spielwelten unterscheiden. Allen ist gemein, dass ihr Wert für die einzelnen NutzerInnen vor allem darin besteht, dass andere sie ebenfalls nutzen und gleichermaßen Inhalte generieren.
    Schwache Zuwächse in der Internetnutzung

    Die Zahlen von 2009 besagen, dass die Nutzung von „Social-Web-Anwendungen“ in den jeweiligen Altersgruppen sehr unterschiedlich ausfällt. Sie weisen zwar gegenüber 2008 einen geringfügig höheren Anteil auf, das ändert aber nichts an der stagnierenden Tendenz, seit dem diese Medienformate untersucht werden. Während Wikipedia und Videoportale wie YouTube erwartungsgemäß einem großen passiven Nutzerkreis bekannt sind, hält sich die passive Nutzung privater Netzwerke wie Facebook und MySpace immer noch sehr in Grenzen. Wenn etwa bei privaten Netzwerken gegenüber 2008 in einzelnen Altersgruppen Zuwächse bis zu zehn Prozent zu verzeichnen sind, kann das nicht darüber hinwegtäuschen, dass – trotz der gruppenspezifischen Steigerungsraten – diese Medienformate nach wie vor als Nischenanwendungen angesehen werden müssen.

    Und diese Zahlen geben nur darüber Auskunft, wer schon einmal auf solche Seiten gegangen ist. Wenn wir uns die aktive Nutzung dieser Medienformate des „Mit-Mach-Web“ anschauen, dann wird deutlich, dass die Bereitschaft (und Fähigkeit), sich aktiv dieser Anwendungen zu bedienen, überaus gering ist. Bei Fotocommunities und teilweise auch bei Weblogs ist der Anteil der aktiven Nutzung noch vergleichsweise hoch, bei YouTube und Wikipedia hingegen gering. Etwa sechs Prozent der passiven Wikipedia-NutzerInnen haben schon einmal selbst einen Artikel verfasst. Aber gerade auf der technisch vereinfachten Möglichkeit, selbst aktiv einzugreifen und selbst zu gestalten, basiert letztlich das Versprechen des Akronyms „2.0″.

    Der vergleichsweise geringe Aufwand für die Veröffentlichung eigener Inhalte ließ die Hoffnung sprießen, mit Weblogs könnte nun endlich die Brechtsche Demokratisierungsutopie (Radiotheorie) verwirklicht werden. Doch die technische und ökonomische Sendemöglichkeit ist nicht hinreichend. Vielmehr resultiert der „Digital Divide“ auch aus der ungleichen Verteilung von kulturellen, sozialen und Bildungsressourcen. Um ein Enablingpotenzial von technischen Innovationen zu realisieren, bedarf es gleichermaßen sozialer Innovationen.

    Die jüngsten Zahlen der ARD/ZDF-Online-Studien zeigen, dass die Bereitschaft, sich im Sinne der Brechtschen Radiotheorie aktiv zu beteiligen und selbst Inhalte ins Netz einzuspeisen, nach wie vor sehr gering ist. Für zwei Drittel der NutzerInnen ist dies „weniger“ bis „gar nicht interessant“. Das Internet bleibt also für die Mehrheit der NutzerInnen ein Abrufmedium und wird nicht aufgrund seiner Partizipationsmöglichkeiten genutzt.

    Vergleichsweise interessierter zeigen sich Teenager und die Altersgruppe der 20-29-Jährigen. Am wenigsten interessiert zeigen sich die Älteren. Daraus ist aber keineswegs die Schlussfolgerung zulässig, dass in einigen Jahren die Zahl der Aktiven sich automatisch erhöhen wird. Vielmehr kann davon ausgegangen werden, dass sich mit der Veränderung der Lebensführung und die Anforderungen und Zwänge des Alltags im Altersverlauf, das Interesse oder auch die Möglichkeiten zur umfassenden Mediennutzung generell nicht mehr ausgeprägt sein werden, als dass man darauf nicht verzichten könnte. Denn: Wer geht auch schon ewig in die Disco?

    Was bedeutet nun die Tendenz der geringen aktiven Nutzung der „Mitmach“-Medienformate für die Möglichkeit zu Protest und Widerstand in den sozialen Bewegungen? Wenn insgesamt Skepsis angebracht erscheint, so ist in diesem Kontext wiederum zu differenzieren, weil wir es hier mit Nutzergruppen zu tun haben, die das Enablingpotenzial dieser Medienformate durchaus in ihrem Sinne zu nutzen wissen. Zurückzuweisen ist nur die Vorstellung, dass über eine verbesserte mediale Repräsentation und Selbstorganisation die Machtverhältnisse insgesamt ausgehebelt seien.

    Als jüngst im Rahmen der Proteste gegen die Wahlfälschungen im Iran die Informationssperren mittels des Onlinedienstes Twitter und diverser Facebook-Seiten unterlaufen werden konnten, gab es unzählige Medienberichte, die den technischen Aspekt für die Mobilisierung und der Möglichkeit der Zensurumgehung betonten. Es war von Twitter-Revolution die Rede und wir erlaubten uns erneut jene Abkürzungen, die für einen technologischen Determinismus charakteristisch sind, nämlich Erklärungsschritte auszulassen. Aber auch das ist nicht neu.
    Mitmachnetz ohne MitmacherInnen

    Der Protest von sozialen Bewegungen wird seit der frühbürgerlichen Revolution periodisch mit der Entwicklung von Medientechnologie in Verbindung gebracht. Immer wieder gelten medienkulturelle Entwicklungen als Verursacher und Auslöser von Protest und Widerstand. Dabei ist es umgekehrt. Unter denen, die AktivistInnen sind, protestieren und mobilisieren, finden sich insbesondere auch jene, die willens und qualifiziert sind, sich die neuen Medienformate anzueignen. Insofern macht es Sinn, gesellschaftliche Bereiche wie soziale Gruppen zu unterscheiden.

    Wenn auch die Möglichkeit zur Nutzung nicht die Ursache von Protest und Widerstand ist, so bedeutet die Verfügbarkeit von neuen Medienformaten veränderte Möglichkeiten des Agierens und Handelns. Bereits in der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung kam den besonders qualifizierten ArbeiterInnen eine zentrale Rolle bei der Organisierung, Mobilisierung und Aufklärung zu. Und ähnlich lässt sich heute beobachten, dass es wiederum jene sozialen Gruppen innerhalb der Multitude sind, die die neuen Medienformate sowohl zur internen wie zur externen Kommunikation in Dienst nehmen. Allerdings bedarf es dazu eines gesellschaftlichen Projekts. Erst dann lassen sich die Möglichkeiten im Sinne gesellschaftlicher Emanzipation einsetzen.

    Klaus Schönberger

    Literatur:

    Katrin Busemann und Christoph Gscheidle: Web 2.0. Communitys bei jungen Nutzern beliebt, Media Perspektiven, 7/2009, www.ard-zdf-onlinestudie.de/fileadmin/Online09/Busemann_7_09.pdf

    Tanja Carstensen: „Das Internet“ als Effekt diskursiver Bedeutungskämpfe, kommunikation@gesellschaft, 7/2006, www.soz.uni-frankfurt.de/K.G/B6_2006_Carstensen.pdf

    Birgit van Eimeren und Beate Frees: Der Internetnutzer 2009. Multimedial und total vernetzt?, Media Perspektiven, 7/2009, www.ard-zdf-onlinestudie.de/fileadmin/Online09/Eimeren1_7_09.pdf

    Jan Schmidt: Das neue Netz. Merkmale, Praktiken und Konsequenzen des Web 2.0. Konstanz 2009

    Klaus Schönberger: Doing Gender, kulturelles Kapital und Praktiken des Bloggens. In: Simon Michael u.a. (Hg.): Bilder – Bücher – Bytes. Zur Medialität des Alltags. Berlin 2009, www.kultur.uni-hamburg.de/technikforschung/download/Schoenberger_dgv_kongress_Main_preprint.pdf

  4. 4 Administrator 18. August 2009 um 16:40 Uhr

    ak – analyse & kritik – zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 541 / 21.8.2009
    Meine Daten gehören mir
    Interview zu sozialen Netzwerken, Suchmaschinen und Datenschutz

    Mit sozialen Netzwerken ist auch die Frage nach Sicherheit und Überwachung im Internet verbunden. Alles nur Paranoia? Über die real existierende Überwachung und die Gefahren des Internet und der sozialen Netzwerke sprach ak mit Jan Schallaböck. Er arbeitet und forscht beim Unabhängigen Landeszentrum für Datenschutz Schleswig-Holstein (ULD) und ist außerdem Sekretär einer Arbeitsgruppe für Datenschutz und Identitätsmanagement bei der Internationalen Standardisierungsorganisation ISO. Er ist Jurist und lebt in Berlin.

    ak: Ist Facebook so was wie die Stasi?

    Jan Schallaböck: Die kurze Antwort lautet: Nein. Die längere Antwort: Der Medienwissenschaftler Hendrik Speck hat auf der letztjährigen Sommerakademie des ULD die bei Netzwerken abgefragten illustren 80 bis 100 Datenfelder mit jenen Fragebögen verglichen, die bei der Einwanderung in die USA vorgelegt werden, mit den Fragebögen der Volkszählung von 1987 und mit einem Standardkatalog, der einer Stasiakte beilag. Wenig überraschendes Ergebnis: Bei sozialen Netzwerken werden deutlich mehr Daten gesammelt. Der Zweck der Datenerhebung ist allerdings ein ganz anderer. Facebook & Co. sollen vernetzen – zudem im Interesse der NutzerInnen. Die Stasi hat weder „NutzerInnen“, noch wurden die BürgerInnen gefragt, ob sie überwacht werden wollen.

    Damit Netzwerke überhaupt funktionieren, bedarf es bestimmter Informationen. Die Stasi hatte ganz andere, repressive Ziele: Die Kontrolle und Überwachung der BürgerInnen zum Zweck der „Staatssicherheit“. Kurzum: Facebook ist nicht die neue Stasi, aber die Überwachungsmöglichkeiten und -realitäten sind immens und gehen weit über das hinaus, was der Stasi jemals möglich war. Und das sollte man auch im Blick haben.

    Hat sich mit den IT-Möglichkeiten etwas grundlegend verändert oder stellen sich die gleichen Fragen hinsichtlich Datenschutz nur auf einem neuen Feld?

    Es ändert sich etwas grundlegend. Google etwa könnte durch Verkettung zwischen Suchmaschinendaten und Daten der Werbevermarktung ein minutiöses Protokoll der Internetaktivitäten erstellen. Diese enorme Dichte von Information über menschliches Verhalten hat eine neue Qualität. Zudem liegen die Daten schon in einer Form vor, die automatisierte Auswertungen ermöglichen.

    Und ein weiterer Punkt erscheint mir wichtig: Im Volkszählungsurteil des Bundesverfassungsgerichts wurden zwei Aspekte der informationellen Selbstbestimmung hervorgehoben. Diskutiert wird oft nur der Individualrechtsschutz, also der Schutz der BürgerInnen vor dem Staat. Gleichzeitig wurde damals aber auch ein eher objektives Moment hervorgehoben, nämlich dass eine Demokratie Datenschutz braucht, um überhaupt funktionieren zu können.

    Nur Menschen, die sich unbeobachtet fühlen, können eine Demokratie frei gestalten, so die Annahme des Verfassungsgerichts. Datenschutz ist also weit mehr als ein Individualrecht, nämlich Teil des Demokratieprinzips. Mit der umfassenden Überwachung kommen wir mit Facebook, StudiVZ oder Google zur Beobachtung ganzer Bevölkerungskohorten. Die Informationen könnten es theoretisch auch ermöglichen, auf Verhalten steuernd, ja sogar manipulierend einzuwirken. Damit wäre auch die Demokratie gefährdet. Das ist eine neue Qualität und wird leider kaum diskutiert.

    Gibt es einen Zusammenhang zwischen Überwachung im Netz auf der einen und zunehmender Kommerzialisierung des Internets auf der anderen Seite?

    Unternehmen haben ein hohes Interesse daran, ihre Kunden zu identifizieren. Etwa um die Zahlungsabwicklung zu ermöglichen. Aber auch um den Vertragspartner zu kennen. Das ist nichts Neues und in Teilen sicher legitim. Selbst der Kiosk um die Ecke beobachtet seine Kundschaft und richtet sein Angebot entsprechend aus. Mit der verstärkten Kommerzialisierung des Netzes vergrößert sich somit auch das Interesse, die User zu identifizieren und ihr Verhalten zu überwachen.

    Der Unterschied zwischen Befürchtungen und dem, was tatsächlich im Netz an Schweinereien passiert, ist mitunter recht hoch. Wie sieht die Realität sog. Screenings von Usern aus?

    Es kann sehr genau verfolgt werden, was User auf einer Internetseite machen. Dieses Verhalten wird auch ausgewertet. Teilweise mit dem recht simplen Interesse der Optimierung der Internetseiten. So weit, so gut. Problematisch wird es, wenn Firmen die Daten sammeln, aufbereiten und zusammenführen.

    Eine aktuelle Untersuchung zeigt, dass Google etwa 80 Prozent der relevantesten Internetseiten abdeckt und die Verhaltensmuster der User nachvollziehen kann. Google schweigt allerdings weitgehend darüber, was es mit den Daten macht. Wie Google etwa auf dieser Grundlage seine Suchmaschine optimiert, betrachtet das Unternehmen als Geschäftsgeheimnis. Es kann mit den Daten aber beispielsweise auch Grippe-Epidemien voraussagen. Das wäre ein relativ freundliches Szenario. Ebenso denkbar ist aber, dass Google Stimmungen in der Bevölkerung prognostizieren könnte – oder Wahlergebnisse. Denkbar wäre, dass das Unternehmen das Surfverhalten als Basis für die Analyse von Börsenkursen verwendet, um Trends abzuleiten.

    Auch wenn ich nicht behaupten möchte, dass Google die Daten für illegitime Zwecke verwendet, so sind die Möglichkeiten und Risiken immens und in der öffentlich verfügbaren Forschung kaum untersucht.

    Gibt es inzwischen Schnittstellen zu strafbehördlicher oder geheimdienstlicher Verfolgung auf Grund der anfallenden Daten?

    Natürlich gibt es Zugriffsbefugnisse. Stichwort Vorratsdatenspeicherung. Hier sammelt der Staat nicht mehr selbst die Daten, sondern die Internetprovider müssen detaillierte Aufzeichnungen darüber anlegen, unter welcher IP-Adresse jemand zu einer bestimmten Zeit im Netz unterwegs war und welcher Austausch von Emails stattgefunden hat. Wenn der Staat ein Interesse an diesen Informationen hat, müsste er das eigentlich selbst machen. Würden nicht die Privaten die Daten sammeln, müsste also eine staatliche Behörde Teile des Surfverhaltens der User speichern. Das wäre zurzeit politisch kaum durchsetzbar. Faktisch passiert aber mit der Vorratsdatenspeicherung nichts anderes. Ich halte die Tendenz, Private für den Staat einzuschalten, für ausgesprochen problematisch. Nicht zuletzt auch deshalb, weil eine Kontrolle des sorgfältigen Umgangs mit den Daten bei den Privaten noch schwieriger ist als beim Staat.

    Die politischen Akteure sind auch im Netz präsent und z.B. Facebook ist selbst Terrain der Kämpfe geworden. Dort kann man der Gruppe „Stasi 2.0″ oder gar dem Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung beitreten oder sich sogar zur Großdemo „Freiheit statt Angst“ im September anmelden. Letzteres hat den Effekt, dass man namentlich weiß, wer auf die Demo gehen wird. Ist das nicht schizophren?

    Ich finde das nicht schizophren. Man muss mitunter auch bereit sein, Gesicht zu zeigen, wenn man politisch etwas bewegen will, sei es in Form einer Verfassungsbeschwerde, einer Demonstration oder eben auf Facebook. Auch davon lebt die Demokratie. Protest muss in die Öffentlichkeit getragen werden – auch in die digitale und diese findet nun mal zu einem nicht unerheblichen Teil in den Sozialen Netzwerken statt.

    Ob es allerdings sinnvoll ist, dass irgendein Systemadministrator mit weit reichenden Zugriffsrechten eine namentliche Liste aller Teilnehmer samt Interessensprofilen und Postanschriften erstellen können sollte, bezweifle ich. Und ich gehe davon aus, dass viele der Aktiven auch ein ausgesprochen kritisches Verhältnis zur Datensammlung in Sozialen Netzwerken haben. Die Frage ist jedoch, wie man es besser machen kann.

    Es erscheint notwendig, nochmals grundlegend über diese Fragen nachzudenken. So stellt sich die Frage, ob unser Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung, das 1983 zweifelsohne wegweisend war, heute noch ausreicht. Auf Grund der vielen gesetzlichen Ausnahmeregelungen davon und privaten Datensammlungen ist es für User nicht zu überblicken, was mit den Daten eigentlich passiert. Es wäre viel besser, wenn man zwei oder drei Grundprinzipien hätte, die dafür ohne große Einschränkungen gälten.

    Natürlich muss man auch darüber nachdenken, ob man die Netzwerke technisch anders strukturiert. Das Erfolgsmerkmal des Internets war immer seine Dezentralität. Prima facie erscheint es daher absurd, dass wir mit den Sozialen Netzwerken jetzt eine Zentralisierung erleben. Mit dem Effekt, dass nun Datensammlungen entstehen, die besser gar nicht entstehen sollten.

    Wir haben im Rahmen des europäischen Forschungsprojektes „PrimeLife“ viel zum Datenschutz in sozialen Netzwerken geforscht. Aus den Ergebnissen lese ich durchaus die Chance für dezentrale Alternativen. Allerdings müssen diese auch den hohen funktionellen Anforderungen heutiger Sozialer Netzwerke genügen. Aber wer weiß, vielleicht gibt es schon in naher Zukunft ein Forschungsprojekt, das ein solches dezentrales Soziales Netzwerk als Open Source-Software entwickelt.

  5. 5 Administrator 18. August 2009 um 16:41 Uhr

    Web 2.0-Dictionary

    „Ich hab kein Netz!“ Früher der Schreckensschrei der Hochseefischer, heute der Albtraum aller HandynutzerInnen. „Kein Netz“, das bedeutet keinen Empfang und keine Sendung – seit es internetfähige Handys gibt, auch kein Gezwitscher kurzer Massennachrichten („twitter“), die spätestens seit Obamas Wahlkampf und den Protesten im Iran in aller Munde sind. Aber nähern wir uns dem Thema langsam, über den Oberbegriff: Web 2.0.

    Web 2.0 – das ist seit einigen Jahren der Name für die neue Generation von Internetanwendungen, die den Modus „Ein Sender – viele Empfänger“ hinter sich lassen. Im Web 2.0 stehen kollaborative und interaktive Funktionen im Vordergrund. Die NutzerInnen erstellen Inhalte selbst oder nehmen Einfluss darauf. Vernetzung und Kommunikation werden zu einem zentralen Inhalt der neuen Funktionen des Webs.

    Vorformen gibt es schon lange: Chats, der Austausch von Nachrichten in Echtzeit, bzw. Chatrooms, die virtuellen Orte dieser Kommunikation. Auch themenbezogene Internetforen, in denen angemeldete NutzerInnen ihr Wissen und ihre Meinungen austauschen, existieren schon seit längerem. Wer einmal im Internet nach Kochrezepten gesucht hat, weiß das.

    Mit der zunehmenden Verbreitung von bezahlbaren Breitband-Anschlüssen wurde mehr möglich. Es muss Ende der 1990er Jahre gewesen sein, als ein neues Phänomen, das sich diese Möglichkeit zu Nutze machte, Massencharakter bekam: das Blog oder Weblog. Der Name kommt von (Web-)Logbuch. Gemeint sind einfache Seiten, in denen AutorInnen mehr oder weniger persönlich gehaltene Einträge posten (= einstellen), die alle lesen können, die es interessiert. Diese Online-Tagebücher verbreiteten sich rasant, und bald wurden BloggerInnen zu einem Phänomen, für das sich auch die Medien interessierten – und zwar nicht zuletzt deshalb, weil die unkontrollierte Nachrichtenoffensive der Blogs dem offiziellen Journalismus Konkurrenz machte. Heute sind journalistische Erzeugnisse ohne eine umfangreiche Webpräsenz mit Blog-Elementen (etwa Kommentar-Funktionen) kaum noch vorstellbar. Naja, fast. ;-)

    Auch die massenhafte Verbreitung von Digitalkameras (Foto und Film) und digitaler Musik hatte eine Flut entsprechender Plattform-Angebote im Netz zur Folge. Auf YouTube kann man seit 2005 kostenlos kleine Videofilme hochladen, ansehen, bewerten und kommentieren. Flickr bietet bereits ein Jahr länger dieselbe Möglichkeit für Fotos. Bei diesen Plattformen stoßen wir schon eher auf das, was das Web 2.0 ausmacht: Die BetreiberInnen stellen nur die Struktur und den Speicherplatz. Für den Inhalt sorgen die UserInnen.

    Eine Weiterentwicklung stellen Plattformen zur kooperativen Erarbeitung von Inhalten dar, wie zum Beispiel bei den Artikeln bei Wikipedia, der allseits beliebten Online-Enzyklopädie. Wikis sind Online-Textsysteme, die es einer Mehrzahl von AutorInnen an unterschiedlichen Orten ermöglichen, gemeinsam an einem Text zu arbeiten.

    Während bei YouTube Filme und bei Flickr Fotos im Mittelpunkt stehen, hat sich MySpace innerhalb kurzer Zeit von einem Anbieter für Datenspeicherplatz im Internet zum ersten großen sozialen Netzwerk gewandelt. Bei MySpace kann man kostenlos Benutzerprofile hochladen, Fotos, Videos und Musik einstellen und virtuelle FreundInnen um sich sammeln, mit denen man nicht nur „öffentliche“, sondern auch privatere Inhalte teilt. Insbesondere unter MusikerInnen erfreut sich MySpace nach wie vor großer Beliebtheit.

    Als soziale Netzwerke bezeichnet man Netzgemeinschaften, deren angemeldete Mitglieder über ein persönliches Profil verfügen und sich über Kontaktlisten mit anderen NutzerInnen vernetzen. Während bei Flickr, YouTube & Co. die Zahl aktiver und passiver NutzerInnen auseinanderklafft, steht in den sozialen Netzwerken die „Arbeit“ am Freundes-Netz im Vordergrund. Man teilt Informationen, Fotos, Videos und Links, tritt Interessengruppen bei oder hält sich mit Nachrichten über den eigenen aktuellen Gemütszustand bei Laune.

    Solche Netzwerke gibt es mit unterschiedlichen Schwerpunkten: Facebook dreht sich vor allem um Freundschaften; das Gleiche gilt für die auf den deutschen Sprachraum begrenzten wer-kennt-wen, studiVZ, SchülerVZ und meinVZ oder für kleinere Dienste wie Lokalisten.de. Andere Plattformen stellen die Suche nach Schulfreunden in den Vordergrund (Stayfriends). Sehr beliebt sind auch Dating-Portale, Partnerbörsen im Netz, deren wachsende Nutzung sich dadurch erklärt, dass die eingestellten Profile ausgiebiges Vorsortieren möglich machen. Und es gibt Plattformen, die sich die Vermittlung von Geschäftskontakten auf die Fahne geschrieben haben, zum Beispiel XING.

    Twitter schließlich verlagert die Netzwerk-Aktivitäten – zumindest potenziell – aufs Handy. Auch Twitterer scharen Freunde (bei twitter: „follower“) um sich, die in den Genuss der versandten Nachrichten kommen. Allerdings dürfen diese maximal 140 Zeichen lang sein, so dass twitter eher so etwas wie eine Mini-Info- oder Kommentar-Schleuder ist, Gezwitscher und Geschnatter eben. Aber mit Netz.

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