Guerrilla Gardening bald auch auf Ölberg?

Guerrilla Gardening, ursprünglich als subtiles Mittel politischen Protests und zivilen Ungehorsams anzusehen, ist die heimliche Aussaat von Pflanzen im öffentlichen Raum, vorrangig in Großstädten oder auf öffentlichen Grünflächen.

Mittlerweile hat sich Guerrilla Gardening zu einer urbanen Landwirtschaft weiterentwickelt und verbindet mit dem Protest den Nutzen einer Ernte beziehungsweise einer Verschönerung trister Innenstädte durch Begrünung brachliegender Flächen.

Gärtnern heißt direktes Handeln: es kann den Anspruch der Menschen auf ein Stück Land bekräftigen, städtische Gemeinschaften wiederaufleben lassen und die Kontrolle der Multis über das Angebot an Nahrungsmitteln zurückdrängen.

Die Bewegung besteht aus vielen sehr unterschiedlichen Gruppen. Aber das gemeinsame Ziel ist klar: Menschen wieder dazu zu bringen, auf einem Stück Land Nahrung zu produzieren, mit Hilfsmitteln aus der Umgebung und einem Minimum an Energie. Statt Äpfel zu kaufen, die aus Chile eingeflogen werden, kann sich jeder seine dort pflücken, wo er lebt. Aus privaten Gärten werden öffentliche, aus Monokultur wird Vielfalt und aus Konsum Produktion.

Mittlerweile haben sich die Guerrilla-Gärtner weltweit organisiert. Am ersten Mai 2000 hat die Aktivisten-Gruppe „Reclaim the Streets“ unter dem Slogan „Resistance is fertile“ (Anm. d. Ü.: Widerstand ist fruchtbar, Wortspiel mit „Resistance is futile“ – Widerstand ist zwecklos) Pflanz-Events in vielen britischen Städten organisiert, als Teil eines weltweiten Aktionstages gegen den Kapitalismus. Im April davor hatte es ähnliche Veranstaltungen in Washington, D. C., im Rahmen der Meetings des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank gegeben.

Nach Sonnenuntergang rücken sie an, bewaffnet mit Schaufel und Gießkanne. Keine Verkehrsinsel und kein Hinterhof sind vor ihnen sicher. „Garden Guerilla“ heißen die grünen Pioniere mit Weltverbesserergeist, die urbane Beton- und Asphaltlandschaften in blühende Oasen verwandeln. Ihre Mission: Eine Stadt zum Wohlfühlen.
Neo Nature: Die neue Lust an der Naturbegegnung

Spätestens seit Beginn des neuen Jahrtausends lautet die Losung wieder: „Zurück zur Natur“. Anders als in der Landkomunen- und Anti-Atomkraft-Bewegung der 70er und 80er Jahre geht es diesmal jedoch nicht ausschließlich um die Rettung der Welt und den Rückzug ins anti-städtische Landleben. Vielmehr wird Natur als Wohlfühlfaktor neu entdeckt. Sie vermittelt Ursprünglichkeit, Authentizität – allesamt Mangelware im Konsumalltag – und entschleunigt den Alltag von Bürohengsten. Natur wird zum Gestaltungs- und Genussraum, wird zunehmend inszeniert, geformt – und schließlich zum Teil (urbaner) Erlebniskultur.Wer nicht auf dem Land wohnt, versucht sich im städtischen Umfeld so weit wie möglich zu „vergrünen“. Der blumige Trend hat schon viele Wohnzimmer erobert und nie gaben Verbraucher mehr für Grünzeug auf Balkon und Fensterbrett aus als heute.

Gärtner der Nacht: Während andere schlafen verändern sie die Stadt

Anhänger der Garden Guerilla allerdings geben sich mit einer Mikro-Natur nicht mehr zufrieden. Sie sind die Kämpfer gegen die (finanzielle) Beschränktheit der Grünflächenämter. Selbstinitiativ wagen sie den Schritt auf die Straße. Sie bepflanzen in Eigenregie öffentliche Plätze, Grünstreifen, vergessene Hinterhöfe und Baumscheiben. Sie ackern auf eigene Kosten und ohne offizielle Erlaubnis. Deswegen arbeiten sie vornehmlich nachts und kommunizieren über Internetplattformen. Eine Anzeige gegen die friedlichen Vandalen gab es allerdings noch nicht. Im Gegenteil, die meisten Anwohner und auch Polizisten reagieren positiv auf ihre Aktionen.

Think local: Vom Globalisierungsgegner zum Begrünungs-Guerillero

Sich urbanen Lebensraum über wildes Gärtnern emotional zurückzuerobern, hat insbesondere in London Konjunktur. Hier hat Guerilla Gardening als Protestform auch seine Anfänge. Denn am 1. Mai 2000 versammelten sich Globalisierungsgegner, Umweltaktivisten und Anarchisten auf dem Londoner Parliament Square, um den Platz eigenhändig und ohne Erlaubnis im wahrsten Sinne des Wortes umzugraben und zu begrünen. Aus einigen politisch motivierten Globalisierungsgegnern, die Golfplätze mit Dornenhecken oder Disteln verunstalteten, sind so Guerilla-Gärtner geworden: Mit grünem Vandalismus setzen sie sich aber nicht weniger leidenschaftlich für einen schöneren Lebensraum vor der eigenen Haustüre ein. „Think local“ ist die Devise.

Richard Reynolds, die Leitfigur der Naturaktivisten, hat 2004 im Alleingang den ersten Hinterhof begrünt. Seit dem pflügen und säen mit ihm weltweit rund 1.600 Community-Mitglieder. In England sind es bereits mehrere hundert. Die soziale Interaktion on- und offline spielt hierbei eine große Rolle. Die Community www.guerrillagardening.org beispielsweise vereint Guerilleros über den gesamten Erdball. Mit Vorher-nachher-Beweisfotos präsentieren sie ihr Engagement einem Weltpublikum.

Australische Gärtner-Guerilleros bei der Arbeit Australische Gärtner-Guerilleros bei der Arbeit
Australische Gärtner-Guerilleros bei der Arbeit (Quelle: guerrillagardening.org)
Auch legale Begrünungsaktionen im Trend

Doch die Szene beschränkt sich nicht auf eine Subkultur. Guerilla-Gärtner können sich immer mehr auch in offiziellen Projekten engagieren. Denn in vielen Städten haben Kultur- und Stadtmanager den grünen Daumen ihrer Bürger erkannt und verschiedene Aktionen ins Leben gerufen.

* Grüne Kunst und Stadtteilarbeit: Gardening jenseits der Landschaftsarchitektur ist mittlerweile eine beliebte künstlerische Ausdrucksform. Ob florale Streetart oder Grafitti mit Pflanzen – Kunst im öffentlichen Raum hat immer mehr einen dezidiert ökologischen Bezug. Im Rahmen des Projekts „GrüntMit!“ haben Bewohner des Berliner Prenzlauer Bergs staubige Baumscheiben in blumige Mini-Oasen verwandelt (www.gruentmit.de). In Frankfurt am Main hat die stark befahrene Friedberger Landstraße ein neues Gesicht bekommen. Rund hundert Sonnenblumen schmücken derzeit einen Verkehrstreifen. Die üppige Pracht ist dem Einsatz der Frankfurter Kulturinitiative KuNo zu verdanken, die mit dem Projekt „Blumen statt Steine“ ein blühendes Zeichen gesetzt hat (www.kuno-frankfurt.de).
* Urban Farming: Insbesondere in US-amerikanischen Großstädten wie New York, Chicago oder Detroit engagieren sich immer mehr Menschen in Sachen „Urban Farming“ (www.urbanfarming.org). Es geht ihnen dabei nicht nur darum, ihre Stadt grüner zu machen, sondern mit regionalem Anbau von Gemüse und Obst Hunger in Armenvierteln zu bekämpfen sowie das Ernährungs- und Ökologiebewusstsein von Großstadtkindern über didaktisch ausgerichtete Anbau-Projekte zu stärken. Dass dabei der auf den Dächern von New York gewonnene Honig in Feinkostläden reißenden Absatz findet, ist eine von vielen scheinbar anachronistischen neogrünen Phänomenen unserer Zeit. Seit 2005 hat auch Deutschland eine Austauschplattform für städtische Hobby-Bauern. Unter www.urbanacker.net findet man Informationen und Gleichgesinnte rund um die „urbane Landwirtschaft, interkulturelle und Gemeinschaftsgärten, Naturschutz und alternatives Gärtnern“.

FAZIT: Schrebergarten 2.0 – Gärtnern als zivilgesellschaftliches Engagement und Community-Tool

Die Arbeit in und an der Natur hat neben dem ästhetischen einen hoch sozialen Effekt. Urbane Projekte nutzen diesen Vorteil: Nachbarschaftsgärten bieten Bürgern Raum für soziale Interaktion, Integration, interkulturellen Dialog oder ganz einfach einen Platz im Grünen. Sie entstehen auf brach liegenden Grundstücken, häufig in Problemvierteln und werden von Ex- und Neo-Hippies, Senioren, Familien und Studenten gleichermaßen gestaltet.Die Garden Guerilla setzt auf Eigeninitiative und soziales Engagement. Sie zeigt uns ein weiteres Gesicht des neogrünen Lifestyles, den wir in der Studie „Zielgruppe LOHAS“ bereits ausführlichst beschrieben haben. Guerilla-Gardening zeigt aber auch, dass sich Bürger nicht mehr bloß auf das Wohlwollen von (Lokal-)Politikern und Grünflächenämtern verlassen, die mit der Pflege von Parks und Friedhöfen mehr als ausgelastet sind. Die Zivilgesellschaft macht sich sichtbar – für lebenswerte Städte.

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